Doppelter Ritter von der witzigen Gestalt
10. Mai 2026. In Köln bringt Bastian Reiber Don Quijote gleich doppelt auf die Bühne und lässt sie mit musikalischer Unterstützung in großer Entfernung von der Romanvorlage auf Pointensuche gehen. Zum großen Amüsement manches Zuschauers.
Von Martin Krumbholz

Qué pasa en la Mancha? von Bastian Reiber in Köln © Birgit Hupfeld
10. Mai 2026. Frei. Sehr frei. Ganz arg frei. Nach dem berühmten Roman „Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha“ des Miguel de Cervantes, Anfang des 17. Jahrhunderts in Spanien erschienen, ein Buch, von dem die FAZ, die bekanntlich immer recht hat, behauptet: „Jeder hat es gelesen“; ein epochales Buch also, das vielen als der Urknall, der Paukenschlag-Beginn des Romans der Neuzeit schlechthin gilt.
Viel gepriesen, wenig gelesen
Selbst der Kölner Intendant gesteht allerdings freimütig, nur die Geschichte mit den Windmühlen zu kennen, und er steht damit wohl nicht allein: Der „Don Quijote“ zählt vermutlich eher zu den Ehrfurcht gebietenden Titeln, von denen die „Crowd“ ehrfürchtig Abstand nimmt (dabei gibt es eine frische, vorzügliche Übersetzung von Susanne Lange, sehr zu empfehlen).
Der stoische Quijote: Andreas Beck, mit Paula Carbonell Spörk © Birgit Hupfeld
Was macht also den Ruhm aus? Natürlich die Titelfigur, ein älterer Mann niederen Adels, der glaubt, es bedürfe fahrender Ritter, um die Welt zu retten. Dieser Don Quijote ist alles andere als eine Witzfigur. In seinem verdrehten Bewusstsein steht die Welt auf dem Kopf; erblickt er zwei Huren vor einer Schenke, sieht er in ihnen zwei Burgfräulein vor einem Schloss, in dem er zum Ritter geschlagen werden könnte; begegnen ihm eine Reisende in einer Kutsche und daneben zwei Benediktinermönche auf Eseln, hat er es mit Räubern zu tun, die eine Prinzessin entführen.
Entlarvende Gespinste
Mal idealisiert er die Welt, mal dramatisiert er sie. Da aber Fantasie immer mit Intelligenz zu tun hat, ist dieser Mann überhaupt nicht dumm, auch wenn das Potenzial seines Verstandes vom normalen „gesunden Menschenverstand“ seines Begleiters Sancho Panza entschieden abweicht. Die Mischung ist unschlagbar und unsterblich. Letztlich beschämt der Ritter seine Umwelt, indem er sich der Realität nicht einfach unterwirft, was alle anderen mit ihrem gesunden Hirn ohne weiteres tun. Vielleicht ist deshalb die Welt so, wie sie ist.
Der quirlige Quijote: Bastian Reiber, mit Julia Schubert © Birgit Hupfeld
Davon ist nun in der Kölner Inszenierung von Bastian Reiber nichts zu sehen. Wir erleben eine kleine dreiköpfige Reisegruppe in der Mancha, „auf den Spuren des legendären Ritters“, wie es in Prospekten so schön heißt; eine Truppe, die eher an Tintenfischsalat und scharfen Würsten interessiert ist als am Widerspruch zwischen Idealismus und Realität. Dazu gehören ein munterer Live-Musiker an seinem Synthesizer und zwei Don Quijotes.
Nonsens-Show mit Doppel-Quijote
Andreas Beck fungiert als eine Art Side-Kick zu Bastian Reibers rotlockigem und -bärtigem Ritter, der, wie es heißt, aus einem französischen Tanzfilm der Sechziger von der Leinwand in die Gegenwart gehüpft ist. Stellt man die beiden Figuren nebeneinander, ist Beck in seiner unnachahmlich stoischen Art vielleicht sogar etwas näher am Original. Reiber hingegen schlurft nicht um die Ecke, sondern erscheint wie ein umgekehrter Deus ex machina gleich anfangs triumphal auf einem Hebekran. Nichts gegen Reibers Slapstick-Talente, er ist zugleich der Autor und Regisseur des Abends, aber was diese Nonsens-Show mit dem Geist der Vorlage zu tun haben soll, erschließt sich wohl weder einem klaren noch einem verwirrten Verstand.
Albernes Ensemble: Bastian Reiber, Paula Carbonell Spörk, Sebastian Grünewald, Julia Schubert © Birgit Hupfeld
Es gibt Lacher, tatsächlich. Die Zuschauerin neben dem Rezensenten kriegt sich gar nicht mehr ein. Und man kann auch etwas lernen. Zum Beispiel, dass kurzärmelige Hemden bei Begegnungen mit Dinosauriern von Nachteil sind, weil sie den Sauriern fabelhafte Angriffsmöglichkeiten bieten. Pointen dieser Art zünden bei den einen, bei anderen eben nicht. Dass Cervantes‘ Roman weit mehr ist als ein Lehrstück über Absurdität, muss nicht jeden Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts interessieren. Nein, wirklich nicht. Am Ende ist dieser kuriose Abend ein Anlass, den Roman wirklich zu Ende zu lesen.
¿Qué Pasa en la Mancha?
Von Bastian Reiber und Ensemble, frei nach „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes
Regie: Bastian Reiber, Bühne: Marina Stefan, Kostüm: Anna Klaine, Musik: Ingo Günther, Lightdesign: Jürgen Kapitein, Dramaturgie: Lennart Göbel.
Mit: Andreas Beck, Sebastian Grünewald, Bastian Reiber, Julia Schubert, Paula Carbonell Spörk, Ingo Günther (Live-Musik) sowie Vitus Sebastian Lux.
Premiere am 9. Mai 2026
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
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