DruckenTeilen
Der Dokumentarfilm erzählt eine Spurensuche durch die Augen der Kinder. Eine Szene spielt in einem Wohnzimmer in Welver.
Welver/Soest/Caen – Die Kamera läuft. Kein großes Set, kein Drehteam. Nur ein Wohnzimmer in Welver, ein Tisch, ein Familienalbum. Die Großmutter blättert darin. Ihre beiden Enkel, die links und rechts neben ihr auf dem Sofa sitzen, werfen einen Blick hinein, stellen Fragen. Ganz nebenbei entstehen Szenen, die später Teil eines Films werden.
Die Kamera gehörte lange Zeit zum Alltag der deutsch-französischen Familie. © privat
„Immer wieder hatte mein Mann die Kamera in der Hand und hat das Familienleben gefilmt“, erinnert sich Eve Vinclair-Berkemeier an die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „8 Sekunden“.
Ein Alltag mit der Kamera
Nach etwa vier Jahren, in denen ihr Mann und Filmemacher Jean-Marie Vinclair immer wieder die Kamera auch auf seine Familie richtete und so Momente und Gespräche aufschnappte. „Man merkt gar nicht mehr, dass sie da ist“, sagt die Welveranerin, die seit 2003 mit ihrem Mann und den beiden Söhnen James (12) und Terence (14) in der Normandie lebt.
Die Kinder wachsen zweisprachig deutsch-französisch auf; Eve Vinclair-Berkemeier besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. „Meine Mutter spricht kein Französisch“, erklärt sie. Schließlich steht vier- bis fünfmal ein Besuch in der Heimat an. Wenn es die Ferien der Kids zulassen, werden der Kinderkarneval in der Bördehalle sowie die Soester Allerheiligenkirmes gerne mitgenommen. „Ich bin nicht nur ein Franzose, der mit zur Familie seiner Frau kommt. Es ist auch mein Zuhause und ich liebe es sehr, hierherzukommen“, ergänzt ihr Ehemann, dass er in der Börde inzwischen eine zweite Heimat gefunden hat.
Vom ersten Gedanken bis zum Schnitt
Im vergangenen Jahr konnte der knapp 80 Minuten lange Film, in dem er sich auf eine persönliche Spurensuche nach den eigenen Wurzeln und dem Schicksal seines Großonkels begibt, fertiggestellt werden. „Es war eine sehr lange Reise. Aber jetzt sind wir glücklich“, freut sich Jean-Marie Vinclair, dass alles nun im Kasten ist.
Immer wieder zückte Filmemacher Jean-Marie Vinclair die Kamera, um wie hier im Wohnzimmer von Schwiegermutter Bärbel in Welver Momente aufzuschnappen. © Screenshot/jean-marie Vinclair
Im Laufe der Zeit wurde das Drehbuch immer wieder angepasst – so spielt das Grab ihres Vaters Klaus im fertigen Film doch keine Rolle. Erste Recherchen reichen zurück ins Jahr 2011, gedreht wurde über viele Jahre hinweg in Deutschland und Frankreich.
Ein Film geht um die Welt
Der Film hat die Familie von Caen aus in die weite Welt geführt. „8 Sekunden“ wurde bereits auf 37 internationalen Filmfestivals gezeigt und mit knapp zehn Preisen ausgezeichnet, erzählen die beiden. „Wir waren gemeinsam in London, Jean-Marie war in der Türkei, in Marokko, Griechenland, als der Film gezeigt wurde“, erzählt sie, während ihr Mann stolz einen Preis aus Buenos Aires in die Kamera hält.
Auch in München wurde der Film bereits gezeigt; die Premiere war letztes Jahr in Brandenburg, wo die beiden am 8. Mai auf Einladung des Bundespräsidenten teilnahmen. Denn ein Teil des Films spielt im Zuchthaus Brandenburg-Görden, das heute Gedenkstätte ist. „Es ist sehr interessant, dass nicht nur Deutschland und Frankreich Interesse haben, den Film zu zeigen. Wir haben eine sehr berührende Beziehung mit dem Publikum“, so der Filmemacher.
Wenn Kinder Geschichte entdecken
Im Zentrum des Films steht die Geschichte von Raymond Vinclair, einem französischen Widerstandskämpfer. Es handelte sich um Jean-Marie Vinclairs Großonkel, der im Zweiten Weltkrieg in Deutschland als Märtyrer gefallen war, seiner Familie jedoch unbekannt war. Er kam zunächst ins Gefängnis Berlin-Plötzensee und wurde dann im Zuchthaus Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil hingerichtet. „8 Sekunden“ dauerte sein Tod laut Vollstreckungsbericht. Doch der Film erzählt sie anders. Durch die Augen der eigenen Kinder und ihre Fragen.
Gerade darin liegt für die Filmemacher die Besonderheit. „Es ist sehr originell, wie die neue Generation von jungen Menschen die Geschichte ihrer Wurzeln entdeckt“, sagt Jean-Marie Vinclair. Die Kinder stellen Fragen zu Familie, Herkunft und Krieg – und eröffnen damit einen ungewöhnlich direkten Zugang zur Vergangenheit. „Manchmal vergessen wir sie, aber es ist gut, diese Wurzeln zu erinnern.“
Gespräche im Anschluss an Filmvorstellung
Und das über Generationen hinweg. Ganz oft nach der Vorstellung des Films kämen Zuschauer zu ihnen, um ihnen über ihre eigenen Familiengeheimnisse zu berichten. Viele seien vom Krieg noch direkt betroffen oder erzählen, was die Großeltern ihnen berichtet haben. Allein daraus ließe sich eine weitere Dokumentation machen, so Eve Vinclair-Berkemeier. Ihr Mann schreibt bereits an neuen Filmprojekten.
Kino mit dem Filmemacher
Am Donnerstag, 14. Mai, läuft der Film ab 11 Uhr im Beisein des Filmemachers Jean-Marie Vinclair in der Gedenkstätte Französische Kapelle Soest. Der Eintritt ist frei, es wird um Spende gebeten. Am Sonntag, 17. Mai, zeigt das SchlachthofKino in Soest ab 17 Uhr den Dokumentarfilm „8 Sekunden“ ebenfalls in Anwesenheit.