Irgendwie muss man sich ja an den Irrsinn gewöhnen, der einem in Berlin quasi täglich begegnet. Und so konnte der vor Monaten verkündete Plan, dass sich die infrastrukturell runtergerockte und strukturell dramatisch verschuldete Stadt um die Ausrichtung des teuersten und korruptesten Events bewerben will, das der globale Profisport-Zirkus zu bieten hat, zunächst nur wenig mehr als ein erstauntes Kopfschütteln verursachen.

Wir sperren baufällige Uni-Gebäude, können aber „quasi morgen“ Olympia?

Aber der Senat meint das tatsächlich ernst, und verkündete am 8. Mai Einzelheiten seines Konzeptes für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044. Also ausgerechnet an dem Tag, an dem zuvor verfügt wurde, dass das Hauptgebäude der Technischen Universität, in dem sich nicht nur die Verwaltung, sondern auch sehr viele Hörsäle und Seminarräume befinden, wegen „gravierender Baumängel“ geräumt werden muss und ab 22 Uhr für unbestimmte Zeit nicht mehr betreten werden darf.

Aber Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der derzeit wegen seiner merkwürdigen Freizeitgestaltung während des großen Stromausfalls im Januar schwer unter Druck ist, bewegt sich mittlerweile offenbar in einem Paralleluniversum, und verkündete am 8. Mai im Abgeordnetenhaus: „Wir können quasi morgen die Spiele ausrichten“.

Doch man hat ja noch ein bisschen Zeit und will es dann, wenn es so weit ist, auch so richtig krachen lassen. Für die Eröffnungsfeier und weitere Events soll dann eine goldene Zuschauer-Pyramide auf dem Tempelhofer Feld entstehen, als weitere Attraktion ist eine goldgelbe Gangway zum Brandenburger Tor bis zur Höhe der Quadriga vorgesehen. Dazu noch ein aufwendig geschmückter, natürlich auch goldgelber Rad- und Wanderweg quer durch die Stadt als Verbindung zwischen Olympiastadion und Tempelhofer Feld. Die Liste der skurrilen und sehr teuren Ideen für die Spiele ließe sich noch lange fortsetzen.

Kostenschätzungen aus einem Paralleluniversum

Quasi nebenbei will man noch alle geplanten Austragungsstätten umfassend modernisieren und einige auch neu errichten. Und natürlich soll es auch massive Investitionen in die Infrastruktur geben. Wie viele Milliarden Euro dieses ganze Spektakel kosten würde, ist derzeit nicht mal annähernd zu beziffern, die vorgelegten Kostenschätzungen des Senats stammen ebenfalls aus dem bereits erwähnten Paralleluniversum. Zumal einige Posten, wie etwa Sicherheit, noch gar nicht beziffert wurden.

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Aber egal, wie hoch die Zeche dann wirklich wäre: Wie soll die eigentlich beglichen werden? Der Senat beschäftigt sich – wenn er mal kurz sein Paralleluniversum verlässt – intensiv mit weiteren strukturellen Sparmaßnahmen, denn die Wirtschaft lahmt, Betriebsschließungen und damit die Arbeitslosigkeit steigen und die Steuereinnahmen sinken.

Der Kurs der Konsolidierung sei „noch lange nicht beendet“, und müsse auch in den kommenden Legislaturperioden vorangetrieben werden, betont Finanzsenator Stefan Evers (CDU) in Dauerschleife. Während sich die statistische fiskalische Pro-Kopf-Verschuldung in Berlin der 20.000-Euro-Marke nähert, liegt sie in der Mitbewerberstadt München bei knapp 3500 Euro.

Vielleicht braucht diese Stadt gar keine goldene Zuschauer-Pyramide

Aber selbst, wenn man nicht am Rande der Pleite lavieren würde: Gäbe es in einer Stadt, die von wachsender Armut, dramatischer Wohnungsnot, maroder Verkehrsinfrastruktur und der zunehmenden Verwahrlosung des öffentlichen Raums geprägt ist, nicht wesentlich drängendere Aufgaben als den Bau einer goldenen Zuschauer-Pyramide? Wie etwa Sanierung oder gar Neubau von bis zu 300 baufälligen Brücken bis 2040. Oder die Auflösung des riesigen Investitionsstaus bei den über 4000 Anlagen und Hallen des Schul- und Breitensports.

Und was ist mit der Wohnungsnot? Laut offiziellen Zahlen des Senats gibt es in Berlin derzeit rund 56.000 Wohnungslose, von denen der Großteil behördlich untergebracht ist (also ohne ein Mietverhältnis), und ein kleinerer, aber deutlich sichtbar wachsender Teil, der ganz oder teilweise auf der Straße lebt. Und der Senat räumt auch freimütig ein, dass die Zahl der Wohnungslosen bis 2030 voraussichtlich auf bis zu 100.000 wachsen wird.

Lustige Anekdoten ließen sich über den Zustand der maroden Verkehrsinfrastruktur erzählen. Abgesehen vom alltäglichen Chaos bei S- und U-Bahn sieht es auch für die Realisierung bereits gut gereifter Ausbaupläne ziemlich bitter aus. Wie etwa bei der Verbindungslinie S21 zwischen Hauptbahnhof, Ringbahn und Nord-Süd-Trasse, die ursprünglich bereits 2006 in Betrieb gehen sollte – und immer noch nicht fährt.

Die gute Nachricht: Das wird wohl eh nicht klappen

Zum Schluss die gute Nachricht: Die Gefahr, dass Berlin vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) am 27. September 2026 tatsächlich als Bewerber für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 nominiert wird, ist relativ gering. Und das aus mehreren Gründen: Zum einen haben die Mitbewerber München und Rhein-Ruhr-Region durch erfolgreiche Pro-Olympia-Volksentscheide kräftig Rückenwind.

In Berlin wollte der Senat so eine Abstimmung lieber vermeiden – kann er aber nicht. Am 22. April startete das NOlympia-Bündnis, das von den Grünen, den Linken, den Jusos, der GEW und diversen Umwelt-, Mieter- und Sozialverbänden und -vereinen unterstützt wird, die erste Stufe eines Volksbegehrens gegen die Bewerbung. Der DOSB wird wohl kaum eine Stadt ins internationale Rennen schicken, die möglicherweise in einer späteren Phase wegen eines entsprechenden Volksentscheids wieder aussteigt.

Doch es gibt noch einen weiteren Stolperstein. Eine Woche vor der DOSB-Entscheidung finden in Berlin die Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt. Der Ausgang ist zwar weitgehend offen, aber eines ist wohl sicher: Der derzeit amtierende „Pro Olympia-Senat“ aus CDU und SPD wird dann keine Mehrheit mehr haben. Wie sich eine künftige Stadtregierung zu der Bewerbung verhalten wird, ist ungewiss. Auch diese Unwägbarkeit dürfte den DOSB davon abhalten, Berlin ins Rennen zu schicken.

Es spricht also einiges dafür, dass dieser Kelch an Berlin vorbeigeht. Dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und seinen Getreuen seien hiermit jedenfalls noch ein paar fröhliche Wochen und Monate in ihrem olympischen Paralleluniversum gewünscht.

meint das tatsächlich ernst, und verkündete am 8. Mai Einzelheiten seines Konzeptes für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044. Also ausgerechnet an dem Tag, an dem zuvor verfügt wurde, dass das Hauptgebäude der Technischen Universität, in dem sich nicht nur die Verwaltung, sondern auch sehr viele Hörsäle und Seminarräume befinden, wegen „gravierender Baumängel“ geräumt werden muss und ab 22 Uhr für unbestimmte Zeit nicht mehr betreten werden darf.Aber Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der derzeit wegen seiner merkwürdigen Freizeitgestaltung während des großen Stromausfalls im Januar schwer unter Druck ist, bewegt sich mittlerweile offenbar in einem Paralleluniversum, und verkündete am 8. Mai im Abgeordnetenhaus: „Wir können quasi morgen die Spiele ausrichten“.Doch man hat ja noch ein bisschen Zeit und will es dann, wenn es so weit ist, auch so richtig krachen lassen. Für die Eröffnungsfeier und weitere Events soll dann eine goldene Zuschauer-Pyramide auf dem Tempelhofer Feld entstehen, als weitere Attraktion ist eine goldgelbe Gangway zum Brandenburger Tor bis zur Höhe der Quadriga vorgesehen. Dazu noch ein aufwendig geschmückter, natürlich auch goldgelber Rad- und Wanderweg quer durch die Stadt als Verbindung zwischen Olympiastadion und Tempelhofer Feld. Die Liste der skurrilen und sehr teuren Ideen für die Spiele ließe sich noch lange fortsetzen.Kostenschätzungen aus einem ParalleluniversumQuasi nebenbei will man noch alle geplanten Austragungsstätten umfassend modernisieren und einige auch neu errichten. Und natürlich soll es auch massive Investitionen in die Infrastruktur geben. Wie viele Milliarden Euro dieses ganze Spektakel kosten würde, ist derzeit nicht mal annähernd zu beziffern, die vorgelegten Kostenschätzungen des Senats stammen ebenfalls aus dem bereits erwähnten Paralleluniversum. Zumal einige Posten, wie etwa Sicherheit, noch gar nicht beziffert wurden.Placeholder image-1Aber egal, wie hoch die Zeche dann wirklich wäre: Wie soll die eigentlich beglichen werden? Der Senat beschäftigt sich – wenn er mal kurz sein Paralleluniversum verlässt – intensiv mit weiteren strukturellen Sparmaßnahmen, denn die Wirtschaft lahmt, Betriebsschließungen und damit die Arbeitslosigkeit steigen und die Steuereinnahmen sinken.Der Kurs der Konsolidierung sei „noch lange nicht beendet“, und müsse auch in den kommenden Legislaturperioden vorangetrieben werden, betont Finanzsenator Stefan Evers (CDU) in Dauerschleife. Während sich die statistische fiskalische Pro-Kopf-Verschuldung in Berlin der 20.000-Euro-Marke nähert, liegt sie in der Mitbewerberstadt München bei knapp 3500 Euro.Vielleicht braucht diese Stadt gar keine goldene Zuschauer-PyramideAber selbst, wenn man nicht am Rande der Pleite lavieren würde: Gäbe es in einer Stadt, die von wachsender Armut, dramatischer Wohnungsnot, maroder Verkehrsinfrastruktur und der zunehmenden Verwahrlosung des öffentlichen Raums geprägt ist, nicht wesentlich drängendere Aufgaben als den Bau einer goldenen Zuschauer-Pyramide? Wie etwa Sanierung oder gar Neubau von bis zu 300 baufälligen Brücken bis 2040. Oder die Auflösung des riesigen Investitionsstaus bei den über 4000 Anlagen und Hallen des Schul- und Breitensports.Und was ist mit der Wohnungsnot? Laut offiziellen Zahlen des Senats gibt es in Berlin derzeit rund 56.000 Wohnungslose, von denen der Großteil behördlich untergebracht ist (also ohne ein Mietverhältnis), und ein kleinerer, aber deutlich sichtbar wachsender Teil, der ganz oder teilweise auf der Straße lebt. Und der Senat räumt auch freimütig ein, dass die Zahl der Wohnungslosen bis 2030 voraussichtlich auf bis zu 100.000 wachsen wird.Lustige Anekdoten ließen sich über den Zustand der maroden Verkehrsinfrastruktur erzählen. Abgesehen vom alltäglichen Chaos bei S- und U-Bahn sieht es auch für die Realisierung bereits gut gereifter Ausbaupläne ziemlich bitter aus. Wie etwa bei der Verbindungslinie S21 zwischen Hauptbahnhof, Ringbahn und Nord-Süd-Trasse, die ursprünglich bereits 2006 in Betrieb gehen sollte – und immer noch nicht fährt.Die gute Nachricht: Das wird wohl eh nicht klappenZum Schluss die gute Nachricht: Die Gefahr, dass Berlin vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) am 27. September 2026 tatsächlich als Bewerber für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 nominiert wird, ist relativ gering. Und das aus mehreren Gründen: Zum einen haben die Mitbewerber München und Rhein-Ruhr-Region durch erfolgreiche Pro-Olympia-Volksentscheide kräftig Rückenwind.In Berlin wollte der Senat so eine Abstimmung lieber vermeiden – kann er aber nicht. Am 22. April startete das NOlympia-Bündnis, das von den Grünen, den Linken, den Jusos, der GEW und diversen Umwelt-, Mieter- und Sozialverbänden und -vereinen unterstützt wird, die erste Stufe eines Volksbegehrens gegen die Bewerbung. Der DOSB wird wohl kaum eine Stadt ins internationale Rennen schicken, die möglicherweise in einer späteren Phase wegen eines entsprechenden Volksentscheids wieder aussteigt.Doch es gibt noch einen weiteren Stolperstein. Eine Woche vor der DOSB-Entscheidung finden in Berlin die Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt. Der Ausgang ist zwar weitgehend offen, aber eines ist wohl sicher: Der derzeit amtierende „Pro Olympia-Senat“ aus CDU und SPD wird dann keine Mehrheit mehr haben. Wie sich eine künftige Stadtregierung zu der Bewerbung verhalten wird, ist ungewiss. Auch diese Unwägbarkeit dürfte den DOSB davon abhalten, Berlin ins Rennen zu schicken.Es spricht also einiges dafür, dass dieser Kelch an Berlin vorbeigeht. Dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und seinen Getreuen seien hiermit jedenfalls noch ein paar fröhliche Wochen und Monate in ihrem olympischen Paralleluniversum gewünscht.