Kinder tanzen fröhlich zur Musik, einige schauen dem DJ bei seiner Arbeit zu und dürfen auch mal die Regler bedienen. Währenddessen sitzen die Eltern entspannt an Tischen hinter der Kaiser-Friedrich-Halle, genießen plaudernd den Tag und nippen dabei an ihren Getränken. Einige Familien haben es sich auf der Wiese auf Picknickdecken gemütlich gemacht. Mit der Dunkelheit verändert sich die Szenerie und der Bereich wird immer mehr zu einem Open-Air-Club.
„Sip Culture“ bietet am Tag, was Nachtschwärmer am Wochenende erleben
„Sip“ bezeichnet im Englischen das Trinken in kleinen Schlucken. Das, was Nachtschwärmer eigentlich am Wochenende in Clubs machen. Aber die Szene hat sich verändert, weiß Mike Kucksdorf. Zum einen gehen junge Leute um die 20 nicht mehr so in Clubs und Diskotheken wie früher. Zum anderen bricht in den Clubs die Generation der 30-Jährigen weg, die Familien gründen. Wer Kinder hat, kann nicht mehr spontan „um die Häuser ziehen“.
Als Folge schließen immer mehr Diskotheken und Clubs. „Die Gastronomen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis erleben gerade einen Riesenwandel beim Nacht-Clubbing“, sagt Kucksdorf. Es gebe ein großes Bedürfnis nach Sonne. Immer weniger Gäste wollten die Nacht zum Tag machen. Kucksdorf hat das selbst erfahren: Der 40-Jährige hat früher selbst sein Geld mit Club-Veranstaltungen verdient. Heute betreut er 42 Festivals und entwickelt neue Formate wie „Sip-Culture.
„Day Drinking“ macht auch mit Kindern ein Club-Erlebnis möglich
„Jeder von uns mit Kids hat das Thema: Wer kann feiern gehen?“, sagt Kucksdorf, der selbst Vater einer zwölfjährigen Tochter ist. „Oder können Oma und Opa einspringen? Deshalb machen wir Day Drinking.“ Mit „Day Drinking“ ist gemeint, dass man feiert wird wie in der Nacht – nur eben am Tag und mit den Kindern.
Für die Kinder gibt es zahlreiche Möglichkeiten der Beschäftigung: Modellboote auf dem Wasser des Brunnens fahren zu lassen, zum Beispiel. Wer mehr körperliche Bewegung wünscht, kann sich Badminton-Schläger, Fußbälle, Hula-Reifen, Mini-Tore und andere Spiele ausleihen. Aber auch wenn es Spiele für die Kinder gibt, ist Sip-Culture kein klassisches Familienfest. Denn es geht darum, auch den Eltern eine Auszeit zu ermöglichen. Wie funktioniert das?
Aus einer Alternativ-Veranstaltung wird eine Marke
Die Mischung macht‘s, sagt Kucksdorf. Die Gemeinschaft, die sich einmal im Monat auf dem Gelände hinter der Kaiser-Friedrich-Halle zusammenfindet, reicht von der 20-jährigen Studierenden bis hin zu mehrfachen Müttern und Vätern. Zu den Nachmittagen kommen Läufer, die im Bunten Garten ihre Runde gedreht haben, genauso wie Menschen, die sich extra auf den Weg machen, um mal wieder ausgiebig zu tanzen. Ab 18 Uhr wird die Zahl der Kinder merklich geringer, spätestens ab 20 Uhr sollten die Erwachsenen dann unter sich sein.
Die Veranstaltung ist zur eigenen Marke geworden. Um die weiter zu stärken, hat Kucksdorf mit seinem Team und dem Weingut Jean Rapp sogar eigene Weine und einen Sekt entwickelt. „Dafür haben wir uns zwei Tage eingeschlossen und verkostet“, sagt der 40-Jährige. Nun gibt es den eigenen Sip-Grauburgunder, einen Rosé, eine Weißwein-Cuvée und einen Sekt.
In der gerade angelaufenen Saison wird es auch die eine oder andere Kooperation geben. In Zusammenarbeit mit einem Yoga-Studio soll es entsprechende Angebote auf der Wiese geben. Auch Pilates oder Lauf-Veranstaltungen seien denkbar, sagt Kucksdorf.
Gastronomisch will er neben „Sip-Culture“ mit „Sip-Table“ ein zweites Standbein aufbauen. Das sind Dinner-Veranstaltungen für 20 bis 80 Personen an ungewöhnlichen Orten. Eine festliche Tafel in einer Tiefgarage könnte so ein Ort sein. „Das habe ich in Barcelona gesehen und in London habe ich mit meiner Tochter an einer teilgenommen“, sagt Kucksdorf. „Wir starten damit in den nächsten Monaten.“