Eigentlich wollte Nadia Murad einen Schönheitssalon in ihrer Heimat im Nordirak eröffnen. Doch dieser Traum endete am 3. August 2014, als der Islamische Staat ihr Dorf Kodscho überfiel. Was folgte, war ein systematischer Völkermord an den Jesiden: Männer wurden ermordet, Jungen zwangsrekrutiert, Frauen wie Murad verschleppt, versklavt und vergewaltigt.

Am Sonntag wird Murad beim 33. Stuttgart-Lauf mitlaufen, um auf sexualisierte Gewalt in Konflikten aufmerksam zu machen – und darauf, wie Sport zur Heilung beitragen kann. Wir haben vorab mit ihr gesprochen:

Nadia Murad zusammen mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann Foto: dpa Sie setzen sich seit vielen Jahren unermüdlich für Menschenrechte ein – was bedeutet es Ihnen persönlich, am Stuttgart-Lauf teilzunehmen?

Seit mehr als zehn Jahren widme ich mein Leben dieser Arbeit – den Überlebenden konfliktbezogener sexualisierter Gewalt, der Wiedergutmachung und der Gerechtigkeit. Das ist für mich etwas sehr Persönliches und emotional sehr fordernd. Deshalb musste ich Wege finden, zu heilen, Kraft zu schöpfen und auf mich selbst zu achten, damit ich weitermachen kann. Laufen ist einer dieser Wege. Ich bin nicht mit dem Laufen aufgewachsen. Sport war dort, wo ich herkomme, nichts, was für Frauen und Mädchen vorgesehen war. Deshalb erfüllt es mich mit echter Freude, heute hier durch die Straßen von Stuttgart zu laufen – umgeben von Tausenden Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und eigenen Geschichten. Es fühlt sich auf gewisse Weise wie ein Nachhausekommen an.

Sport bringt Menschen über Herkunft, Sprache und Kultur hinweg zusammen. Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrer Teilnahme senden?

Sport besitzt eine Kraft, die nur wenige Dinge haben – er überwindet Grenzen, Kulturen, Religionen, Hautfarbe und Geschlecht. Man braucht keine gemeinsame Sprache, um Seite an Seite mit jemandem zu laufen. Ich denke an all die Frauen und Mädchen, denen noch immer gesagt wird, dass sie nicht laufen, nicht an Wettkämpfen teilnehmen oder sich nicht frei bewegen dürfen. Ihnen möchte ich sagen: Dieser Raum gehört auch euch. Nicht irgendwann – jetzt. Dass ich heute hier bin, tue ich genauso für sie wie für mich selbst.

Viele Menschen kennen Sie als Aktivistin und Friedensnobelpreisträgerin – sehen Sie Parallelen zwischen der mentalen Stärke, die ein Halbmarathon verlangt, und Ihrem eigenen Lebensweg?

Beides verlangt, weiterzugehen, auch wenn es schwer wird – auch wenn alles in einem sagt, dass es nicht mehr weitergeht. Aber dann findet man etwas in sich selbst und setzt den nächsten Schritt. Der Unterschied ist: In der Menschenrechtsarbeit gibt es keine Ziellinie. Man läuft für Menschen, die noch immer auf Gerechtigkeit warten, die noch immer darauf warten, gesehen zu werden. Das ist eine Last, die man trägt – aber zugleich ist es das, was einen trägt.

Wie haben Sie sich auf den Stuttgart-Lauf vorbereitet – und war das für Sie körperlich oder mental eine besondere Herausforderung?

Ich laufe regelmäßig, wenn mein Zeitplan es zulässt, und ich genieße es wirklich – es gibt mir innere Ruhe. Beim Laufen denke ich nach, ich atme, ich fühle mich mehr wie ich selbst. Während der Vorbereitung auf diesen Lauf musste ich oft an die vielen Orte auf der Welt denken, an denen Frauen und Mädchen noch immer nicht Sport treiben, nicht tragen dürfen, was sie möchten, oder keinen Zugang zu Bildung haben. Dieser Gedanke hat mich durch das Training begleitet. Frei laufen zu können, ist für mich nichts Selbstverständliches. Für viele Frauen ist schon der Versuch, es zu tun, ein Akt des Widerstands.