Am Montag ist es so weit. Der Kanzler hat sich angesagt. Der Wirtschaftsminister sowieso. Und auch die niederösterreichische Landeshauptfrau wird sich zum Wochenstart in Wittau einfinden. Hier, eine halbe Autostunde östlich von Wien, verkündete der teilstaatliche Energiekonzern OMV vor drei Jahren Österreichs größten Gasfund in vier Jahrzehnten. Die geschätzte förderbare Menge liegt bei 48 Terawattstunden Gas. Damit käme das Land etwa sechs Monate durch. In dieser Woche soll die Produktion starten – und das Timing könnte nicht besser sein, frohlockt man bei der OMV. Vor fünf, sechs Jahren wäre so ein Projekt noch nach allen Regeln der Kunst torpediert worden, heißt es hinter vorgehaltener Hand. „Heute sind wir froh, dass wir uns getraut haben.“

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Schließung der Straße von Hormus als Folge der US-Attacken auf den Iran haben Europa vor Augen geführt, wie naiv es war, die eigene Energieversorgung so bedenkenlos „outzusourcen“. Öl und Gas stillen immer noch den Großteil des Energiebedarfs der Europäer. In beiden Fällen ist der Kontinent jedoch beinahe zur Gänze auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen – und damit allen geopolitischen Wirren voll ausgeliefert. Kaum hat Europa Russland als Gaslieferanten abgeschüttelt, lauert mit dem Ersatzexporteur USA schon das nächste Klumpenrisiko. Und bei Diesel und Kerosin zeigt erst die Krise im Nahen Osten, wie abhängig die EU von den Produzenten am Persischen Golf war. In Europa selbst geht die Öl- und Gasproduktion hingegen seit Jahren stark zurück. Derzeit stillen die 27 EU-Länder mit 33 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr nur noch ein Zehntel ihres Bedarfs aus eigener Kraft.

Das liegt einerseits daran, dass viele Öl- und Gasfelder schon alt sind und nur noch wenig abwerfen. Andererseits ist der Rückgang der fossilen Produktion auch politisch gewollt. Öl und Gas galten in den letzten zehn Jahren in der EU-Kommission als Auslaufmodell. Stattdessen sollte der rasante Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken den Kontinent langfristig unabhängig von fossilen Gasimporten machen. Daran ist im Grunde nichts falsch. Nur hat sich eben gezeigt, dass der Weg dorthin länger dauert, als anfangs versprochen. Bis Verkehr und Industrie weitgehend elektrifiziert sind und ein auf Erneuerbaren basierendes neues Stromsystem wirklich stabil läuft, wird noch viel Zeit vergehen. Erdöl und vor allem Erdgas werden also so schnell aus dem Energiemix nicht verschwinden.

Diese Erkenntnis, gepaart mit den aktuellen Versorgungsnöten und hohen Gaspreisen, will nun eine Reihe an EU-Staaten nutzen, um die eigenen Bodenschätze doch noch zu heben. Zypern, das auf den größten unangetasteten Reserven sitzt und derzeit die Ratspräsidentschaft inne hat, forcierte das Thema dieser Tage bei einem Treffen der EU-Energieminister. Bei vielen Mitgliedsländern läuft Zypern damit offene Türen ein. Griechenland hat eben die erste Offshore-Gasexploration seit fast vier Jahrzehnten erlaubt. In Rumänien liefern die OMV und Romgaz seit Mai 2025 Erdgas aus dem Schwarzen Meer. Italien überlegt, die 2019 gestoppte Produktion auf hoher See wieder aufzunehmen. Polen sucht nach Projekten in der Ostsee.

Auch Norwegen will 2029 drei Gasfelder öffnen, die vor fast 30 Jahren geschlossen wurden. Selbst Bohrungen in der Beringsee sind ein Thema. „Vor dem Ukrainekrieg wurde in Europa viel darüber geredet, wie man von Öl und Gas loskommen könnte“, sagte der norwegische Energieminister Terje Aasland dem britischen „Guardian“. „Heute fragt man mich jeden Tag, wann ich mehr liefern kann“.

Aber wie viel des künftigen Bedarfs könnte Europa auf eigene Faust decken? Die neue Gasförderung in Wittau ist auf europäischer Ebene kaum nennenswert. Laut Daten der GeoSphere Austria hätte das Land noch Erdöl für 12,7 Jahre und Gas für 7,64 Jahre in heimischen Lagerstätten vorrätig. Für ganz Europa (EU inklusive UK und Norwegen) schätzt die US-Energiebehörde EIA eine technisch förderbare Gasmenge von 13 Billionen Kubikmetern. 2,2 Billionen davon wären wirtschaftlich zu fördern, sagt die Internationale Vereinigung der Ölproduzenten.

Doch diese Mengen sollten tunlichst im Boden bleiben, kontern Länder wie Spanien oder Irland und stimmen in den Chor der Umweltschützer mit ein. Das sei notwendig, um die Erderwärmung nicht weiter anzuheizen, diene aber auch dem wirtschaftlichen Wohl der Bürger, meint die spanische Ministerin Sara Aageston. 2018 seien die Strompreise auf der iberischen Halbinsel noch zu 75 Prozent vom Gaspreis getrieben worden. Der Ausbau der Erneuerbaren habe den Wert auf zehn Prozent gedrückt – wovon die spanischen Stromkunden heute profitierten.

»Der Iran-Krieg erinnert Europa erneut, wie naiv es war, die eigene Energieversorgung so bedenkenlos outzusourcen.«

Wenn Europa in seiner Energiepolitik unabhängig(er) werden will, führt kein Weg an einem raschen Aufbau einer stabilen und verlässlichen Stromversorgung auf Basis von Wasser, Wind, Sonne und Kernkraft vorbei. Deshalb in Fundamentalopposition gegen alle Bohrlöcher zu gehen, hilft ebenso wenig, wie die Forderung, jeden Tropfen Öl und Gas aus dem europäischen Boden zu pressen. Denn ganz so einfach, wie die beiden Lager behaupten, ist die Rechnung nicht. So ist norwegisches Pipelinegas etwa zehnmal weniger klimaschädlich als Flüssiggas-Importe aus den USA, sagt Rystad Energy. Gleichzeitig ist europäisches Gas zwar „sicherer“ als Importe aus fragilen Weltregionen, aber eben meist auch deutlich teurer. Europa tut gut daran, in Energiefragen nach mehr Unabhängigkeit zu streben. Nur auf den Taschenrechner darf der Kontinent dabei nicht vergessen.