Eigentlich sollte an diesem Vormittag Andreas Schlachta im Mittelpunkt stehen. Der Sprecher der Interessengemeinschaft Bismarckstraße organisiert das Bismarckstraßenfest am 19. und 20. Juni und sollte im Gespräch mit der Redaktion berichten, was geboten ist und vor allem, was das Bismarckviertel ausmacht. Weil bis zum vereinbarten Treffpunkt noch Zeit ist, führt der Weg zunächst in einen Friseursalon, um sich umzuhören, was die Menschen von ihrem Viertel halten. Ein Abstecher, der sich lohnt.
Alle Plätze im Salon sind um kurz vor halb zwölf belegt. Chefin Christiane Stotz, die das Geschäft seit 24 Jahren führt, signalisiert zunächst, dass sie keine Zeit für einen Austausch hat. Als sie aber hört, worum es geht, bittet sie herein und sagt: „Ich kann auch Haare färben und gleichzeitig erzählen.“ Kaum hat sie erste positive Worte über das Viertel verloren, schaltet sich spontan der ganze Salon in das Gespräch ein.
„Ich mag die Architektur hier, die vielen Bäume und das Grün, hier trifft man viele junge Menschen.“
Hannah (22), Studentin
Hannah ist 22 Jahre alt und Studentin. Sie kenne das Viertel durch ihr Studium an der Technischen Hochschule, erzählt sie, während ihre Haare Stück für Stück kürzer werden. „Ich mag die Architektur hier, die vielen Bäume und das Grün, hier trifft man viele junge Menschen.“ Einmal im Bismarckviertel zu wohnen, wäre ihr Traum. Doch dieser sei wohl nicht zu finanzieren.
Das fürchtet auch Monika. Die 70-Jährige hat früher hier gelebt und denkt noch immer gerne an diese Zeit zurück. „Es war ein Traum, hier zu wohnen.“ Vor allem die Lage habe sie geschätzt: ruhig und dennoch nur einen kurzen Spaziergang von der Innenstadt entfernt. Weil sie sich einst vergrößern wollte, zog sie aufs Land. Jetzt würde sie gerne zurückkommen. Aber das knappe Angebot und die Preise machten dies nahezu unmöglich. Für Christiane Stotz liegt genau darin die Besonderheit des Viertels. „Es ist ein bischen wie ein Dorf mit direktem Anschluss an die Stadt“, findet sie. Und: „Man begegnet hier so vielen verschiedenen Menschen. Von jung bis alt“.
Gutes Wetter, gute Stimmung: So wird beim Bismarckstraßenfest in Augsburg gefeiert

Im Augsburger Bismarckviertel wird zwei Tage lang gefeiert. Schon der Auftakt läuft gut. Die schönsten Bilder vom Straßenfest.
Die Menschen sind es offenbar, die dem Viertel seinen Charme verleihen. Das zeigt sich beim Besuch vor Ort immer wieder. Nach dem Abstecher in den Friseursalon bleibt noch Zeit für einen Besuch im Weinhandel von Uli Scheffler. Seit 2006 ist er in der Bismarckstraße ansässig und spricht von einer besonderen Atmosphäre. Wenn Scheffler von Kunden erzählt, nennt er sie beim Vornamen. „Ich möchte nirgendwo anders einen Laden haben“, sagt er. Das Publikum hier gehe bewusster miteinander um, das mache es „so schön“ entspannt.
Strne-Koch Benjamin Mitschele: „Man schaut hier gegenseitig auf sich“
Weil Scheffler wegmuss, führt der Weg zurück auf die Straße und zufällig direkt zu Andreas Schlachta. Doch statt nun selbst über das Viertel und das Fest zu sprechen, holt er immer wieder neue Ansprechpartner aus Geschäften und Lokalen dazu. Einer von ihnen ist Benjamin Mitschele, Chef des Sterne-Lokals „Alte Liebe“. „Man schaut hier gegenseitig auf sich“, antwortet er auf die Frage, was das Bismarckviertel ausmache. Dazu kämen die vielen individuellen Geschäfte und Gastronomieangebote.
So wie jenes von Lena Fuchs. Die Gastronomin ist im Bismarckviertel aufgewachsen und führt heute das Lokal „Jenny vom Block“. „Es ist immer Zeit für ein Schwätzchen mit der Nachbarschaft“, sagt sie lächelnd, als sie spontan zur Gesprächsrunde gebeten wird.
Je länger der Aufenthalt in der Bismarckstraße dauert, desto deutlicher wird: Das Viertel definiert sich weniger über seine Gebäude, die Geschäfte oder eine gute Verkehrsanbindung. Vielmehr geht es um die Menschen, die hier leben und arbeiten.
Bismarckstraßenfest bietet bei Musik und Kulinarik ein Miteinander der Besucher
„Es sind in den letzten Jahren Geschäfte wie Tengelmann gegangen und neue gekommen. Da hat sich etwas verändert“, erzählt Andrea Huber, Inhaberin des Ladencafé Malzeit. Das würde sie aber nicht als besondere Entwicklung des Viertels sehen. Dennoch sei die Straße lebendiger geworden. „Wir haben heute mehr Orte, an denen Menschen zusammenkommen“, ergänzt Schlachta.
Dieses Miteinander soll auch beim Bismarckstraßenfest sichtbar werden. Zwei Tage lang wird die Straße zur autofreien Festmeile. 19 Stände laden zum Schlendern und Verweilen ein. Auf der Bühne gibt es Musik von Irish Folk über Rhythm and Blues bis Indie-Pop und Psychedelic Space Rock, dazu Tanzaufführungen und ein Kinderprogramm.
„Es geht dabei darum, sich kennen und schätzen zu lernen“, sagt Schlachta – auch über den Stadtteil hinaus. Die Mühe der Organisation lohne sich: „Es ist einfach toll, wenn man sieht, wie der Bus ankommt und ein ganzer Schwall Menschen aussteigt, der zum Fest will“, freut sich Schlachta, der von seinen Mitstreitern liebevoll „Bürgermeister vom Bismarckviertel“ genannt wird.