Die Stühle könnten in jedem Seminarraum stehen. Aber zusammen mit dem Flügel auf der Bühne des Kammertheaters Karlsruhe verraten sie, dass es bei „Männerbeschaffungsmaßnahmen“ nicht um eine der üblichen Fortbildungen geht.
Was Seminarteilnehmer normalerweise nicht mitbekommen: die Nervosität der Coaches, Psychologinnen und sonstigen seminarleitenden Menschen im Vorfeld. Pianist Franz hat die Ruhe weg, aber Dr. Christiane Pschorauer steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Wird ihr neues Konzept für „Männerbeschaffungsmaßnahmen – Ein Coaching zur Revitalisierung verlorener Emotionen“ funktionieren? Dietmar Löffler, Autor, Regisseur und musikalischer Leiter des Stückes, wirkt als Pianist Franz am Flügel tiefenentspannt. Und das, obwohl er die vielen Hits, Songs und Chansons live begleitet.
Nervosität trifft auf Schüchternheit
Antje Rietz, perfekt gestylt im hellen Hosenanzug (Kostüme Mihaela Schönfelder), vermittelt wunderbar die Nervosität der Leiterin kurz vorm Start. Funktioniert der Beamer? Wird ihr ungewöhnliches Konzept überzeugen? Eine berechtigte Frage, denn nicht alle Teilnehmerinnen, alle mehr oder weniger unfreiwillig Singles, möchten ihre verlorenen Emotionen über die Kraft des Gesangs hervorholen. Wie in vielen Seminaren gibt es auch in dieser musikalischen Komödie die Selbstbewusste, die alles hinterfragt, die Verhuschte, die zu viel redet, den blonden Feger und auch eine bockige Jugendliche.
Keine leichte Aufgabe für Dr. Pschorauer, die Frauen aufzulockern, zu analysieren, warum jede von ihnen da ist und sie zum Singen zu animieren. Sabine, die Pharmareferentin mit dem Hang zum traditionellen Frauenbild, möchte nicht anfangen. Angela, die strenge Scheidungsanwältin, ebenfalls nicht, und der rebellische Teenager Laura sowieso nicht. Also geht Chantal in Führung. Endlos lange Beine, knallrotes Top, blonde Haare – Tommaso Cacciapuoti stöckelt als Chantal souverän auf Stilettos durch das Stück und bringt eine zusätzliche Klangfarbe hinein. Mit seiner Version von „I feel good“ rockt Cacciapuoti als Chantal das Kammertheater.
„Ich will keine Schokolade“ mit Turneinlage
Bis dahin geben die anderen Teilnehmerinnen tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. Sabine träumt von Mann und Kindern, stürzt sich aber so intensiv in jede vielleicht aufkeimende Beziehung, dass die Männer flüchten. Meike Kircher spielt großartig die unglaublich bieder wirkende Sabine in Rock und Bluse, die sich aber in ihren Musiknummern von einer ganz anderen Seite zeigt. Und wenn Laura aus sich herausgeht, dann aber richtig! In ihrer wilden Wiedergabe des alten Hits „Ich will keine Schokolade“ turnt sie über die Seminarleiterin auf den Flügel. Alice Hanimyan macht das großartig, sie treibt jede ihrer Nummern fulminant auf die Spitze.
Die vielschichtigste Figur ist die streitbare Scheidungsanwältin Angela. Nicht nur der Hosenanzug in Nadelstreifen wirkt wie ein Schutzpanzer. Anne Rathsfeld bedenkt alle anderen erst einmal mit Blicken, die sensible Gemüter zu Stein erstarren lassen könnten. Ihre Art zu reden ist klar, knapp, präzise, ihre Gedankengänge kompromisslos konsequent. Ganz die erfolgreiche Anwältin, die 50 Tipps kennt, den Mann zu verlassen. Mit großer Geste serviert sie ihre Interpretation von „Nur nicht aus Liebe weinen“, mit rollendem R wie Zarah Leander. Anne Rathsfeld zeigt auch die andere Seite Angelas, ganz still und sehr ausdrucksstark besingt sie später die „Einsamkeit“.
Komödie: Erfolg auf ganzer Linie
So unterschiedliche Charaktere sind keineswegs immer einer Meinung. Die Wortgefechte haben Witz und Timing. Vor allem Angela und Sabine sind wie Feuer und Wasser, denn Sabines romantische Vorstellung vom Glück in einer Ehe klingen nach dem, was man neudeutsch Tradwife nennt. Das bringt Angela zuverlässig auf die Palme. Wo bleiben denn da die Errungenschaften des Feminismus?
„Männerbeschaffungsmaßnahmen“ lässt konträre Ansichten nebeneinander stehen, denn was der einen wichtig ist, muss es der anderen nicht sein und umgekehrt. Am Ende haben alle Teilnehmerinnen sich geöffnet und zu ihren durchweg großartigen Stimmen gefunden.
Info
„Männerbeschaffungsmaßnahmen“ laufen im K1, Kammertheater Karlsruhe, bis zum 16. August.