Noch in vier weiteren Städten würde das Projekt sich auf Tour präsentieren: Ein zum Jahresanlass formiertes Kollektiv um die Wuppertaler Akkordeonistin Ute Völker („Partita Radicale“) tritt in jeder davon auf ansässige Ensembles.

Reizvoll, auch ungewohnt waren die Facetten, die das Programm im Foyer an der Bundesallee aufbot. Wenn auch nicht alle: Shantys waren sicher bewusst nicht dabei – die Begleitung zu Matrosenhits dürfte eine der bekanntesten Verwendungen sein. Passend ist „Schifferklavier“ ein beliebter Ausdruck, der freilich der Varianz nicht gerecht wird. Wie die Projektseite betont, hat sich das Instrument seit den Achtzigerjahren auch „einen festen Platz in zeitgenössischer und klassischer Musik erarbeitet“. Zum Feierjahr nur gerecht war da der Beschluss, die weniger präsenten Aspekte in den Sinn zu rufen.

Genauer: in mehrere Sinne – denn Teil eins bot eine waschechte Performance mit Schauwert, einstudiert durch Thusnelda Mercy vom Tanztheater. Gespielt wurde eine eigens komponierte Arbeit des uruguayischen Komponisten Osvaldo Budón. Etwa im Jahr 2018 gab es zwischen ihm und Völker schon Kooperationen.

Bewegung durch den Raum zählte denn auch zu den ungewohnten Aspekten: Gut zwanzig Akteure, meist Akteurinnen präsentierten die „Ziehharmonika“ auf amorph-atmosphärische Art.

Schreiten, wenden, Platz nehmen, aufstehen: In diesem Stil entsponn sich optisch das Gesamtbild. Mal nahmen zwei Platz und wurden kurz zum Duo, dann wurde es auch musikalisch gern pointiert: Robust und regelrecht laut ließ man sich dann mal vernehmen. Generell war es ein loses daherkommendes Zusammenspiel, das Lautgrenzen auslotete – und nicht zuletzt ein Aha-Erlebnis bot: Klangen die Akkordeons in ihren Klangpotenzialen nicht fast wie ein Sinfonieorchester?

Der mittlere Teil war der gewissermaßen Wuppertaler Part, auch wenn die Premierenliste weitere Teilnehmer verzeichnete (1. Essener Akkordeonorchester, Ensemble „cisis“ Bochum, Akkordeonorchester Ruhr). „Villakkordeon“, das im Jahr 1993 gegründet wurde, tritt oft im Unterbarmer Kulturzentrum Immanuel etwa mit zeitlosen Klassikern auf.

Hier fand sich Hübsch-Handhabbares auch ohne Maritimes: Melodisch und rhythmisch, auch zum Mitwippen bis hin zum Swing war nun zu hören. Den Reigen eröffnete ein Bekenntnis zur Region: das „Bergische Heimatlied“. Wenn das Projekt demnächst etwa in Essen Station macht – vielleicht wird der dortige Lokalakteur das „Steigerlied“ wählen? Und ja: Ohne derlei nahbare Anteile würde einer Gesamt-Würdigung des Akkordeons trotz allem etwas fehlen.
Nur punktuell und eher wohl ironisch war in Teil eins auch Populäres eingebaut – ein-, zweimal huschten für Sekunden Töne aus „O Tannenbaum“ ins ansonsten abstrakt-komplexe Klanggebäude – vielleicht auch als witziger Gruß in Richtung der draußen beträchtlichen Abendhitze.

Nebenher konnte man sich im Verlauf des Abends zum Instrument manches bewusst machen. Anders als beim Klavier, so sehr sich beide Tastaturen ähneln, hat doch der Akkordeonist alles direkt am Leib, auch den „Klangkörper“ – unter den Fingern, aber auch um die Schultern oder auf dem Schoß. Der „accord“, die Angleichung, steckt im Wort und wird im Spiel konkret hörbar – ähnlich wie die Harmonie im volkstümlichen Synonym. Und auch dass dieses, also „Ziehharmonika“, auch im ersten Wortbestandteil von praktischer Bedeutung ist, war heute, neben hör- zudem sichtbar: Gegen Ende sah man eine der Musikerinnen sitzend ihr Gerät gemessen auseinanderziehen, langsam, fast langwierig – als wolle sie die Dauer bis zur Maximalbreite des Blasebalgs maximal auskosten. Ein Klingen, dessen Andauern man selbst erzeugt.