Amir Aletic bei der Platzwahl.


Schiedsrichter Amir Aletic äußert sich nach dem Faustschlag gegen seinen Schiedsrichterkollegen Jonathan Rupert in einem Gastbeitrag. © Goldstein/Henkel

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Der Angriff auf meinen Schiedsrichterkollegen Jonathan Rupert hat mich tief erschüttert. Jonathan gehörte zu den jungen Kollegen, die ihre ersten Schritte als Schiedsrichterassistent an meiner Seite gemacht haben. Schon damals brannte er für dieses Ehrenamt.

Er war wissbegierig, motiviert und mit voller Leidenschaft dabei. Viele dieser jungen Kollegen haben inzwischen den Sprung in höhere Spielklassen geschafft und vertreten unseren Fußball auf beeindruckende Weise.

Gerade deshalb frage ich mich: Was löst ein solcher Angriff in einem jungen Menschen aus? Wie soll jemand, der seine Freizeit opfert und sich mit Herzblut für den Amateurfußball engagiert, nach so einem Erlebnis noch unbeschwert auf den Platz gehen?

Ich bin seit vielen Jahren Schiedsrichter und weiß, dass wir ein dickes Fell haben müssen. Wir versuchen zu erklären, zu vermitteln und zu deeskalieren. Bevor wir Verwarnungen aussprechen, suchen wir oft das Gespräch. Auf dem Fußballplatz geht es emotional zu, manchmal wird laut diskutiert und das ist auch völlig in Ordnung.

Das ist Amir Aletic

  • Amir Aletic pfeift als Schiedsrichter Spiele im Dortmunder Amateurfußball
  • Der 48-Jährige leitet seit 1994 Spiele. Selbst war er für den SV Roland 98 und die DJK SF Nette am Ball
  • Aletic war auch als Schiedsrichter-Beobachter aktiv
  • Heute leitet er Spiele bis zur Bezirksliga und darf als Assistent bis in die Oberliga mitwirken
  • Aletic sagt: „Ich habe mich immer für die Wertschätzung der Schiedsrichter eingesetzt – sowohl innerhalb des Kreises und seiner Gremien als auch außerhalb gegenüber den Vereinen. Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme.“

In den allermeisten Fällen geben sich Spieler, Trainer und Schiedsrichter nach dem Abpfiff die Hand, sprechen bei einem Getränk über strittige Szenen und tauschen unterschiedliche Sichtweisen aus. Genau das gehört zum Fußball.

Was aber niemals dazugehören darf, ist Gewalt. Nicht gegen Schiedsrichter, nicht gegen Gegenspieler und gegen niemanden sonst.

Ich kann sogar verstehen, dass Spieler mit unseren Entscheidungen nicht immer einverstanden sind. Wir Schiedsrichter wiederum sind auch nicht immer mit dem Verhalten oder der Spielweise der Akteure zufrieden.

FC Merkur macht Amir Aletic wütend

Aber deshalb greift doch niemand zur Faust. Respekt bedeutet, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und Konflikte innerhalb der Regeln auszutragen.

Ebenso wütend machen mich die Stellungnahmen der Vereine, die nach solchen Vorfällen veröffentlicht werden wie auch jetzt wieder. Wenn ich das lese, platzt mir der Kragen, weil es exakt die Schablone bedient, die wir Schiedsrichter seit Jahren vorgelegt bekommen.

Da wird dann allen Ernstes geschrieben, der Spieler sei lange nicht aktiv gewesen und nur wegen der angespannten Personalnot eingesetzt worden. Machen wir uns doch nichts vor. Das ist kein Erklärungsversuch, das ist ein Armutszeugnis.

Personalnot ist kein Freifahrtschein für Körperverletzung. Als Verein kenne ich meine Pappenheimer. Wenn ich weiß, dass da einer eine kurze Lunte hat, lasse ich ihn draußen völlig egal, wie viele Leute auf der Bank sitzen.

Und dann wird im selben Atemzug gejammert, dass die vielen jungen, fairen Spieler des Vereins jetzt unter dem schlechten Ruf leiden. Da frage ich mich wirklich, Geht‘s noch? Wer fragt eigentlich, wie es dem jungen Menschen geht, der da mit der Pfeife auf dem Platz stand?

Jonathan hat den Schlag abbekommen, nicht euer Ruf. Dieses weichgespülte „Das spiegelt nicht unseren Verein wider“ kauft euch auf den Sportplätzen niemand mehr ab. Doch. In exakt diesem Moment auf dem Platz spiegelte es euch wider.

Wer mich kennt, weiß, dass ich Unsportlichkeit und Respektlosigkeit gegenüber dem Schiedsrichterteam nie akzeptiert habe. Gerade deshalb bin ich überzeugt: Gegen Gewalt darf es keinerlei Toleranz geben.

Amir Aletic bei einer Kundgebung.Amir Aletic engagiert sich auch über die Schiedsrichterrei hinaus ehrenamtlich, beispielsweise für die SPD.© privat

Wer einen Unparteiischen schlägt, greift nicht nur einen einzelnen Menschen an, sondern den gesamten Fußball und die Werte, auf denen unser Sport beruht.

Und noch ein Gedanke lässt mich seit diesem Vorfall nicht los: Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Schiedsrichter gemeinsam ein sichtbares Zeichen setzen.

Ich könnte mir vorstellen, dass wir an einem Spieltag geschlossen zu den Sportplätzen fahren, die Mannschaften begrüßen und anschließend demonstrativ wieder nach Hause fahren, ohne die Spiele anzupfeifen. Nicht aus Trotz, sondern um allen vor Augen zu führen, wie unverzichtbar Schiedsrichter für unseren Sport sind.

„Ohne Schiedsrichter rollt kein Ball“

Ohne Schiedsrichter rollt kein Ball. Deshalb müssen wir diejenigen schützen, die Woche für Woche ihre Freizeit opfern, Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass Fußball überhaupt möglich ist.

Jonathan Rupert und alle anderen Unparteiischen verdienen Respekt, Rückhalt und die Gewissheit, dass Gewalt auf unseren Sportplätzen niemals akzeptiert wird.