Die Labour-Regierung konnte sich einen bissigen Seitenhieb in Richtung Nigel Farage nicht verkneifen. „Wenn er den Sommer damit verbringen will, mit einer Mülltonne zu streiten, werde ich ihn nicht davon abhalten“, kommentierte Finanzministerin Rachel Reeves den Wahlkampf des einstigen Brexit-Treibers trocken. Gemeint ist „Count Binface“, „Graf Mülltonnengesicht“, jener Satire-Kandidat, der nun den Chef der Rechtsaußen-Partei Reform UK herausfordert.

Farage will mit einer durch seinen Rücktritt als Abgeordneter erzwungenen Nachwahl in englischen Clacton von Ermittlungen rund um seine Finanzen ablenken, sind sich Beobachter einig. Doch weil die großen Parteien kollektiv keinen Gegenkandidaten stellen, wurde der Befreiungsschlag zum Rohrkrepierer. Statt über die Botschaft des 62-Jährigen reden die Briten darüber, wie nun Satire-Kandidaten den Plan ad absurdum führen.

Farage betont Unschuld bei Millionengeschenk

Während der Wahlkampf zur Farce wird, sind die Anschuldigungen gegen Farage ernst: Ein parlamentarischer Beauftragter für Verhaltensstandards prüft, ob dieser finanzielle Zuwendungen und weitere Unterstützung ordnungsgemäß offengelegt hat. Im Mittelpunkt steht ein Geschenk über fünf Millionen Pfund (rund 5,6 Millionen Euro), das er im Frühjahr 2024 vom Krypto-Unternehmer Christopher Harborne erhielt. Der Reform-UK-Chef betont, er habe nichts Unrechtes getan. Die Mehrheit der britischen Wähler glaubt ihm dies laut Umfragen jedoch nicht.

Count Binface trafen die Ereignisse unerwartet, wie er sagt. Der 46-Jährige habe nicht im Traum daran gedacht, dass Farage – der angesichts der Umfragewerte seiner Partei als möglicher künftiger Premierminister gehandelt wird – sich politisch derart „in die Luft sprengen“ würde.

Satire-Kandidaten prägen britische Politik seit dem 19. Jahrhundert

Der Mann mit der Mülltonne auf dem Kopf ist für die Briten längst kein Unbekannter mehr. Hinter der Kunstfigur steckt der Komiker Jon Harvey. Seine Karriere startete er als „Lord Buckethead“. Unter diesem Namen kandidierte er 2017 gegen die damalige konservative Premierministerin Theresa May. Nach einem Urheberrechtsstreit um die Figur erfand Harvey dann Count Binface – einen „intergalaktischen Weltraumkrieger“.

In dieser Rolle trat er bereits gegen die einstigen Tory-Premierminister Boris Johnson, Rishi Sunak und zuletzt gegen den Labour-Politiker Andy Burnham an. Bei der öffentlichen Verkündung der Wahlergebnisse zu nächtlicher Stunde stand er dann stets mit auf der Bühne. Was kurios wirkt, hat auf der Insel Tradition: Spaß- und Satire-Kandidaten bereichern die britische Politik bereits seit dem 19. Jahrhundert. Sie sind fest in der demokratischen Kultur verankert und zeugen von einem humorvollen Umgang mit der Macht.

Auch Satire-Kandidat Mr Fishfinger tritt in Clacton an

Dementsprechend sind auch seine Wahlprogramme bewusst überspitzt: Einst versprach der galaktische Müllmann gar die Verstaatlichung der Sängerin Adele, dann funktionierendes WLAN in Zügen – und Züge, die überhaupt funktionieren. Für Clacton kündigte er inzwischen scherzhaft an, den Preis der beliebten Eistüte „99 Flake“ dauerhaft auf 99 Pence deckeln zu wollen. Auch wenn ein Sieg trotz solcher zweifellos wählernaher Ideen in der Reform-UK-Hochburg höchst unwahrscheinlich bleibt: Sollte er gewinnen, wolle er die Menschen in Clacton „nach bestem Wissen“ vertreten. Doch es blieben Hürden: Im Unterhaus wird von den Abgeordneten geschäftsmäßige Kleidung erwartet – ein Mülleimer-Helm gehört definitiv nicht dazu.

An auffälligen Kostümen dürfte es bei dieser Nachwahl in Clacton ohnehin nicht mangeln. Mittlerweile haben sich noch weitere Satire-Kandidaten gemeldet. Darunter „Mr Fishfinger“, zu Deutsch: Herr Fischstäbchen. Dahinter steckt der 55-jährige Ingenieur Paul Ellis aus Doncaster, der bereits 2017 bei einer Nachwahl gegen den damaligen Chef der Liberaldemokraten, Tim Farron, angetreten war. Zu seinem Namen kam er, nachdem Wähler erklärt hatten, sie würden lieber von einem Fischstäbchen regiert werden als von Farron. Für Clacton kündigt auch Ellis nun eine bewusst absurde Forderung an. Er will die Nationalhymne in „Cod Save the King“, sprich „Kabeljau rette den König“, umbenennen. Farage wolle er politisch „panieren“.

Und auch ein Fuchs mischt mit: Der 27-jährige Tierschutzaktivist Rob Pownall will in einem pelzig-orangen Ganzkörperkostüm für die Fox Party antreten. Anders als die meisten Spaßkandidaten verfolgt er dabei auch ein ernstes Anliegen. Er protestiert gegen Farages Unterstützung der Fuchsjagd. Der Reform-UK-Chef möchte sich bei der Nachwahl in Clacton, die voraussichtlich Mitte August stattfinden wird, den Rückhalt der Wähler sichern – nun muss er sich wohl erst einmal gegen Mülltonne, Fischstäbchen und Fuchs behaupten.