Die Wanderstöcke stehen schon bereit. Nach und nach stellt Sandra Wipp zu Hause wieder die Pilgerausrüstung zusammen: Isomatten und Zelt, Kappen, Wandersocken, all die kleinen Dinge, die sie und ihre Kinder seit Jahren auf dem Jakobsweg begleiten. Doch diese Etappe ist keine wie die anderen. Sie soll die letzte sein. Am 4. September wollen Sandra Wipp und ihre Kinder Lina und Matthias Santiago de Compostela erreichen – am Todestag von Sebastian, ihrem Mann und dem Vater ihrer Kinder.
Begonnen hat die Reise im August 2019 vor der eigenen Haustür in Augsburg. Sandra Wipp wanderte mit ihren damals noch kleinen Kindern bis an den Bodensee. Rund 300 Kilometer legten die drei mit einem Doppelkinderwagen zurück. Am Ziel holte ihr Mann Sebastian die Familie ab. Wenige Wochen später nahm er sich das Leben.
Nach dem Tod des Vaters auf dem Jakobsweg: Jedes Jahr ein Stück weiter
Seitdem geht die Familie weiter. Jedes Jahr im August eine neue Etappe Richtung Santiago de Compostela: durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Spanien. Aus dem Doppelkinderwagen wurden eigene Wanderrucksäcke. Aus einer spontanen Reise wurde eine Familientradition – und eine Art, mit der Trauer zu leben. In diesem Jahr bricht die Familie am 17. August mit dem Bus nach Spanien auf. Einen Tag später beginnt sie in Oviedo ihre letzte Etappe nach Santiago de Compostela.
Wenn die drei die Kathedrale erreichen, werden sie insgesamt rund 3280 Kilometer zurückgelegt haben. Während der gemeinsamen Etappen fänden sie Ruhe und Zeit füreinander, erzählt Wipp. Auch Sebastian sei dabei immer wieder Thema. Die jährlichen Wanderungen hätten Mutter und Kinder enger zusammengebracht und ihnen geholfen, gemeinsam nach vorne zu schauen.
Augsburger Familie auf dem Jakobsweg: Zwei Steine begleiten sie
Seit 2020 reist ein Stein für Sebastian mit: über Berge, durch Dörfer und über Tausende Kilometer. Ob die Familie ihn in Santiago de Compostela ablegt, ist noch offen. Denn auch wenn dort der Jakobsweg für sie endet, könnten ihre gemeinsamen Wanderungen weitergehen – möglicherweise in Portugal oder Norwegen. „Vielleicht wollen wir ihn auch da noch dabeihaben“, sagt Wipp.
Sicher abgelegt werden soll dagegen ein zweiter Stein. Er steht für Lacrima, die Augsburger Anlaufstelle der Johanniter für trauernde Kinder und Jugendliche. Dort haben Lina und Matthias andere Kinder kennengelernt, die ebenfalls einen nahestehenden Menschen verloren haben. „Lacrima ist für uns ein wichtiger Ort, einer, an dem Erinnerungen ihren Platz haben, aber auch Tränen und gemeinsames Lachen“, erzählt Wipp. Wie viel ihr diese Unterstützung bedeutet, ist ihr anzumerken.
Jakobsweg: Familie verbindet letzte Etappe mit Spendenaufruf
Die letzten Kilometer verbindet Wipp mit einem Spendenaufruf: für die Arbeit von Lacrima und für die abschließende Reise ihrer Familie. Wer will, kann symbolisch einzelne Kilometer übernehmen oder einen frei gewählten Betrag geben. Der Zuspruch ist groß: Rund 1500 Euro sind in drei Tagen über die Spendenplattform „GoFundMe“ zusammengekommen. „Ich bin einfach nur sprachlos“, sagt Wipp dazu. Mit so viel Anteilnahme habe sie nicht gerechnet.
Während der letzten Etappe will die Familie ihre Unterstützerinnen und Unterstützer an Erlebnissen und Begegnungen teilhaben lassen. Im Zentrum aber steht das eigene Ziel: gemeinsam an der Kathedrale anzukommen. „Santiago ist für uns nicht einfach das Ende eines Pilgerwegs“, sagt Wipp. „Es fühlt sich an, als würde sich ein Kreis schließen – voller Erinnerungen, Dankbarkeit und Hoffnung.“