David S. war ein Einzeltäter. Das ist richtig. Und es führt doch in die Irre. Zehn Jahre nach dem Anschlag auf das Münchner Olympia-Einkaufszentrum lohnt sich der Blick auf diesen Begriff. Juristisch beschreibt er nur, dass ein Mensch seine Tat allein begangen hat. Gesellschaftlich ist daraus längst etwas anderes geworden: die Erzählung vom verwirrten Einzelgänger, vom psychisch auffälligen Sonderling, dessen Tat mit der Welt um ihn herum möglichst wenig zu tun haben soll.
Auch deshalb dauerte es Jahre, bis der Anschlag am OEZ offiziell als rechtsextremistisch motivierte Tat anerkannt wurde. Eine quälend lange Zeit für die Angehörigen und Freunde der neun Menschen, die am 22. Juli 2016 ermordet wurden. Der Täter war psychisch auffällig, sozial isoliert und handelte allein. Das schien vielen Erklärung genug. Dabei hätte gerade das misstrauisch machen müssen. Denn allein gehandelt heißt noch lange nicht allein gedacht.
Einzeltäter = unpolitisch? Ein Trugschluss, der sehr bequem ist
Deutschland kennt dieses Muster. Nach dem Oktoberfestattentat 1980 dauerte es Jahrzehnte, bis der rechtsextremistische Hintergrund offiziell anerkannt war. Beim NSU suchten Ermittler jahrelang im Umfeld der Opfer, statt rassistische Motive ernsthaft in Betracht zu ziehen. Die Fälle sind unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch eine Frage: Warum fällt es uns so schwer, politische Gewalt als solche zu erkennen, wenn der Täter nicht in unser vertrautes Bild eines Terroristen passt?
Spätestens seit Anders Behring Breivik kennen wir die Antwort, er hat in Norwegen als Einzeltäter gemordet. Christchurch war ein Einzeltäter. Hanau war ein Einzeltäter. Der OEZ-Anschlag war ein Einzeltäter. Wer in dem Begriff den Gegenentwurf zum politischen Täter sieht, hat nichts verstanden. Der politische Gewalttäter des 21. Jahrhunderts braucht keine Terrorzelle mehr, keine Kameradschaft und oft nicht einmal persönliche Kontakte. Er radikalisiert sich allein – aber nicht im luftleeren Raum. Das Internet hat den Einzeltäter nicht erfunden, es hat ihm ein Milieu gegeben.
Dorfdeppen gab es schon immer, aber früher waren sie isoliert
Früher blieb der Dorfdepp oft der Dorfdepp. Heute findet er online Tausende, die seine Ressentiments bestätigen, seine Feindbilder teilen und seinen Hass verstärken. Die Ideologie entsteht nicht im Kinderzimmer, sie wird dort nur konsumiert, weitergedacht und schließlich von einem Einzelnen in Gewalt übersetzt.
Das heißt nicht, dass das Internet Täter macht. Und es heißt erst recht nicht, dass jede Gewalttat politisch motiviert ist. Auch der aktuelle Fall am Schongauer Gymnasium zeigt das Dilemma. Noch ist unklar, welches Motiv den mutmaßlichen Täter antrieb, doch die Hinweise auf mögliche extremistische Bezüge werden zu Recht geprüft. Genau darum muss es gehen: politische Motive weder reflexhaft zu unterstellen noch vorschnell auszuschließen.
Wer allein tötet, hat sich noch lange nicht allein radikalisiert
Denn der Begriff des Einzeltäters verführt genau dazu, er beschreibt eine Tatausführung, wird aber häufig wie eine Erklärung verwendet. Als wäre mit dem Hinweis auf einen psychisch auffälligen Einzelnen schon beantwortet, warum Menschen hassen, warum sie sich radikalisieren und warum sie schließlich töten.
Vielleicht ist der Einzeltäter deshalb eine so bequeme Figur. Er beendet die Verantwortung an der Wohnungstür des Täters. Er erspart die unbequemere Frage, welche digitalen Räume, Ideologien und gesellschaftlichen Feindbilder dazu beigetragen haben, dass aus einem isolierten Menschen ein politischer Gewalttäter werden konnte. Nicht jeder Einzeltäter ist ein Terrorist, aber der moderne Terrorist ist immer häufiger ein Einzeltäter. Zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag wäre das vielleicht die wichtigste Lehre: Wer allein tötet, hat sich deshalb noch lange nicht allein radikalisiert.