Eine wunderliche Welt ist es, die man rechts neben dem Essener Dom betritt. Erst recht, wenn man aus dem gleißenden Juli-Sonnenlicht kommt und nach wenigen Schritten ungefähr im Jahr 1000 landet. Und dann umgeben ist von Silber und Gold und Juwelen, von Heiligen, Märtyrern und deren Reliquien. Willkommen in der Vergangenheit, in der das Christentum noch golden funkelte und Frauen den Ton angaben.
Die Wiedereröffnung der Essener Domschatzkammer ist darum mehr als die neue Präsentation der weltweit bedeutendsten Sammlung ottonisch-salischer Goldschmiedekunst. Sie gibt ganz ohne missionarischen Eifer eine Ahnung von einer mittelalterlichen Welt, in der nichts so sicher war wie der Gottesglaube.
Wie profan nimmt sich dagegen der Grund zur neuen Gestaltung aus: Nachdem die Europäische Union vor drei Jahren die Herstellung bestimmter Leuchtkörper verbot, gingen in der Domschatzkammer im Wortsinn nach und nach die Lichter aus. Der Vorrat war bald aufgebraucht, Ersatzröhren wurden auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen gehandelt. So wurde ein Lichtplanungsbüro mit einer Lösung beauftragt – und jeder, der es bei der Renovierung seiner Wohnung beim Anstrich einer Wand belassen wollte, weiß, wie umfänglich es endet. So auch in Essen. Ein neues Farbkonzept wurde entwickelt und für die Erklärtafeln eine inklusive Sprache gewählt, die für möglichst viele Menschen verständlich sein soll. Statt Kapitelkreuz heißt es nun Silbernes Kreuz und statt Minnekästchen – dem frühesten Altfrid-Schrein – jetzt Holzkästchen. Kurzum: Die funkelnde Schatzkammer ist für alle da.
Es war ein Umbau mit vergleichsweise sparsamen Mitteln. 275.000 Euro aus Spenden und Stiftungen reichten, um nach viermonatigem Umbau spannende Effekte zu erzielen. Das Grau im Erdgeschoss lässt die Holzskulpturen scharf hervortreten, das Blau verschafft den mächtigen Silber-Reliquiaren einen imposanten Auftritt, kräftiges Rot bereitet den goldenen Prozessionskreuzen eine prachtvolle Bühne. Zur berühmten Goldenen Madonna, die um 980 n. Chr. entstand und die noch im Mittelalter bei Prozessionen mitgeführt wurde, gehört die goldene Krone, von der man früher glaubte, sie könnte die Kinderkrone Ottos III. gewesen sein. Heute weiß man, dass sie nachträglich verkleinert wurde, um damit die gut 70 Zentimeter große Madonna krönen zu können.
Das alles bestaunt man und wundert sich doch, warum es diesen großen Schatz an diesem katholisch heute nicht sonderlich einflussreichen Ort überhaupt gibt. Das Ruhrbistum mit seiner Gründung 1958 ist für kirchliche Verhältnisse jung und mit seinen knapp 640.000 Mitgliedern selbst in Deutschland vergleichsweise klein. Die Glaubensgeschichte aber ist groß und beginnt mit der Gründung eines Frauenstiftes mit seiner Blütezeit schon im 10. und 11. Jahrhundert. Und seine Äbtissinnen waren mächtige Frauen. Verwandtschaftliche Beziehungen waren dabei hilfreich: Mathilde, Sophia und Theophanu gehörten zur kaiserlichen Familie und wurden Landesherrinnen des Reichsfürstentums Essen. Das Schwert mit seiner goldverzierten Scheide dokumentiert im Domschatz, dass auch die Gerichtsbarkeit in den Händen der Frauen lag. Das Schwert findet sich im Wappen der Stadt Essen, was gelegentlich und irrtümlich für einen Verweis auf Krupp gehalten wird. Dabei ist es der Beleg, dass das Frauenstift die Wiege der späteren Stadt war und ihr Domschatz auf die Macht der Frauen und die Gewissheit des Glaubens als Quellen weist. Goldenes Schwert und goldene Krone dürfen in einem eigenen Gewölberaum glänzen.
Gleich am Anfang warten zwei neue Exponate auf die Besucher: Neben der schon bekannten 500 Jahre alten „Strahlenkranz-Madonna“ sind nun zwei ähnlich alte hölzerne Marienbilder ausgestellt. Sie zeigen die Geburt und Kreuzigung Jesu sowie Szenen aus dem Leben Marias. Um 1880 wurden die beidseitig bemalten Werke der damals neu errichteten St.-Gertrud-Kirche geschenkt – und wanderten nach der Profanierung des Gotteshauses im vergangenen Jahr in den Domschatz. Die Gottesmutter Maria empfängt somit alle gleich an der Pforte, als wichtigste Patronin der früheren Stifts- und heutigen Domkirche.