Ein fast schon hämisches Grinsen lässt sich nicht verbergen. Das liegt an dem entdeckten Info-Text, der an einer Baustellenwand beim Stuttgarter Hauptbahnhof hängt. Folgendes steht geschrieben: „Die Rückkehr des Sterns – Bald dreht sich der Mercedes-Stern wieder auf dem Bahnhofsturm.“
Das fünf Meter durchmessende Signet des heimischen Autokonzerns ist dort oben 1952 platziert worden. Es wurde rasch zu einem Wahrzeichen der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Einheimische begriffen den Stern als Symbol, in einer immens wichtigen Auto-Stadt zu leben. Zumindest vor dem Erstarken der Grünen und der Ökobewegung in den 1990er-Jahren stand der Stern für den Stolz der ganzen Region am mittleren Neckar.
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Der Stern bleibt abmontiert
Seit Frühjahr 2021 ist er aber nicht mehr da – abgenommen wegen des Endlos-Bahnprojekts S21. Der Stern störte bei den Sanierungsarbeiten am Hauptbahnhof. Von den Projektverantwortlichen der Deutschen Bahn wurde aber mitgeteilt, nach Abschluss der Arbeiten solle er ab 2025 wieder auf dem Turm sein. Das Wahrzeichen würde also wieder strahlen und sich wie früher drehen, war die landläufige Annahme.

Jahrzehntelang hat sich auf dem Stuttgarter Bahnhofsturm der Mercedes-Stern gedreht. Wegen Bauarbeiten wurde er abgenommen. Seine Wiederinstallierung verzögert sich, weil sich auch die Sanierung des alten Bahnhofsgebäudes in die Länge zieht. (Foto: Uwe Jauß)
Aber nichts ist. Der Stern ruht sanft in der Ausstellung des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart-Cannstatt. Was daran liegt, dass die Sanierung des eindrucksvoll mit Muschelkalk-Quadern verkleideten früheren Bahnhofsempfangsgebäudes weiter läuft.
Es ist denkmalgeschützt, prägend für seinen Standort und wird als einziges Überbleibsel des bisherigen Kopfbahnhofs erhalten. Dies ist wiederum damit verknüpft, dass hier der höchst angesehene Architekt Paul Bonatz von 1914 bis 1928 zugange war.
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Die Inbetriebnahme verzögert sich weiterhin
Wie sich jedoch peinlicherweise bis in die letzten Winkel Deutschlands herumgesprochen hat, halten nicht nur die Arbeiten an dessen heiligen Hallen an. Das komplette S21-Projekt wird nicht fertig: weder der Tiefbahnhof mit seinen künftig durchgehenden Gleisen, noch weitere Schienenwege, Tunnels, Brücken oder neue Haltestellen.
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Zuletzt hat die Deutsche Bahn den Zeitpunkt der Inbetriebnahme um Jahre nach hinten verlegt. Zuerst hatte es geheißen, 2019 sei es so weit. Dies wäre neun Jahre nach Baubeginn gewesen. Weitere Verschiebungen folgten. Jetzt soll 2031 wenigstens der Tiefbahnhof benutzbar sein. Der vollständige Abschluss des Gesamtprojekts mit allem Drumherum ist bis Dezember 2033 geplant.
In diesem Zusammenhang kann das Fehlen des Mercedes-Sterns fast schon als weiteres Zeichen des Versagens begriffen werden. Wobei es aber auch bei ihm eine neue Ansage für die Wiederinstallierung gibt. Demnach könnte er 2027 wieder auf den Turm kommen. Oder auch nicht.
Wie seit dem Baubeginn von S21 zu lernen war, bedeuten Sätze wie auf besagtem Info-Plakat zu einer baldigen Rückkehr des Sterns nicht anderes als irgendwann einmal. Deshalb der Anflug eines hämischen Grinsens auf dem eigenen Gesicht.
Zweifel an der Fertigstellung
Aber der erste Passant, den man vor dem Bahnhof auf das Phänomen S21 anspricht, setzt ebenso eine vergleichbare Miene auf. Er ist Bauingenieur-Student an der Uni Stuttgart und meint salopp: „Ach, das wird doch nie fertig.“ Da er von auswärts komme, sei ihm der Hauptbahnhof und die Umgebung während seiner Studienzeit nur als Baustelle bekannt. „Da wird auch so bleiben. Nächstes Jahr nach dem Master-Abschluss gehe ich wieder.“
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Da mag ihm das Schicksal gnädig sein. Anderen Menschen bleibt nichts anderes übrig, als zu bleiben und mit dem Baustellen-Monster weiterzuleben – so wie sie es schon 16 Jahre lang tun. Dies gilt für die Anwohner, Geschäftsleute, Ladenbetreiber oder auch für Pendler. Wie hält man das aus?
„Eigentlich erträgt man es gar nicht mehr“, sagt etwa Amelie Botta, Betreiberin eines gut sortierten Fotogeschäfts vis-à-vis des Hauptbahnhofs. „Wir haben die Schnauze so was von voll. Lärm, Staub, Dreck. Kunden bleiben weg“, klagt sie und fährt fort: „Dafür drückt sich bei uns auf den Straßen und Gehwegen immer mehr fragwürdiges Publikum herum.“

Die S21-Baustelle betrifft auch den ganzen Straßenverkehr rund um den Hauptbahnhof. (Foto: Uwe Jauß)
Doch das Bahnhofsumfeld war auch schon vor Stuttgart 21 von Junkies, Säufern, Bettlern und Obdachlosen frequentiert worden – speziell die Klettpassage, eine unterirdische Ladenzeile mit Abgängen zur S- und U-Bahn sowie Treppen zum Hauptbahnhof.
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Ein Albtraum mitten in Stuttgart
Ob also der Eindruck von Fotogeschäft-Betreiberin Botta zutrifft, dass es wegen S21 zu mehr Verwahrlosung kommt, muss dahingestellt bleiben. Anderes ist sofort wahrnehmbar: Schmutz, Krach, ewig lange Bauzäune, Baucontainer, Materiallager, Baustellen-Brachen und die hoch aufragenden Kräne, gegenwärtig sechs an der Zahl.
In einer Parfümerie ein paar Meter weiter spricht Ladeninhaber Alper Opal kurz und bündig von einem „fortwährenden Albtraum“. Auch er berichtet von Umsatz-Rückgängen. Opal redet sich in seinem fein duftenden Laden-Ambiente den Frust von der Seele. Am Schluss meint er: „Und was sollen die ganzen Gäste von Stuttgart denken? Wenn diese ankommen, erleben sie zuerst die Baustelle.“
Nun ist Stuttgart zwar größer als S21. Aber abseits genervter Einheimischer kann jeder Ortsfremde tatsächlich das ganze Baustellen-Ungemach recht schnell selbst erleben. Wer sich von auswärts traut, mit dem Auto in die Bahnhofsgegend zu fahren, sollte gute Nerven haben. Provisorisch verlegte Fahrspuren hier, verlegte Fahrspuren dort. Richtungspfeile, die durchgestrichen sind. Dafür Hinweise, welche irgendwann behelfsmäßig aufgestellt wurden.
Reisende können sich durchaus verirren
Gut möglich, dass man nur schnell wieder aus dem Chaos raus will – vielleicht Richtung Norden die Heilbronner Straße entlang. Am Ende steht das Auto aber unbeabsichtigt vor der Notaufnahme des Katharinen-Hospitals, dem wichtigsten Stuttgarter Krankenhauses, das einige wenige Straßen vom Hauptbahnhof entfernt steht. Dumm gelaufen.

Wer am Stuttgarter Hauptbahnhof ankommt oder von dort mit dem Zug abfahren will, hat weite Wege vor sich. Sie führen durch ein extra aufgebautes Provisorium. (Foto: Uwe Jauß)
Wer mit dem Zug ankommt, stößt auf ähnliche Herausforderungen. Er hält nämlich weit im Vorfeld des alten Kopfbahnhofs. Von dort aus muss ein Reisender erst einmal den Weg zum Ausgang finden. Südlich geht es über eine rund 1000 Meter lange, eingedeckte Baustellenrampe. Wer sie bewältigt hat, ist immerhin in greifbarer Nähe zum Stadtzentrum mit der zentralen Stuttgarter Einkaufsmeile Königsstraße.
Alternativ kann ein Fahrgast versuchen, nach Norden hin das Bahnhofsprovisorium zu verlassen. Sollte er sich nicht in diversen Durchgängen verirren, kommt er im Europaviertel bei der Baden-Württembergischen Landesbank heraus. In dieser mit recht engen Straßen versehenen Ecke existiert eine Art Hilfstaxi-Stand. Die Folge: immer mal wieder erschwertes Durchkommen für jeglichen Verkehr.
Ärger wegen der Taxis
Eigentlich sind die Taxis früher immer direkt vor dem Empfangsgebäude des Alt-Bahnhofs gestanden – dort, wo eine große Freitreppe den einstigen portalhaften Haupteingang markiert. Aber diese Stelle gehört zum Bau-Areal. Pech für Taxifahrer. Ihre potenziellen Gäste verlieren ebenso, weil sie zumindest für den Moment bei der Suche nach einer Fahrgelegenheit orientierungslos sind.
Wobei es eine weitere vorläufige Taxi-Station gegenüber beim Hotel Graf Zeppelin gibt, einer zentralen alteingesessenen Luxusherberge. Der Standort wirkt indes ähnlich versteckt wie jener bei der Baden-Württembergischen Landesbank – in diesem Fall, weil der Verkehr an dieser Stelle auf mehr als vier Fahrbahnen rollt, wenn man die Abbiege-Spuren dazuzählt. Anders ausgedrückt: Der Taxi-Stand wird fast vom Verkehr erdrückt.
„Das ist hier ein völliger Schwachsinn“, schimpft dann auch einer der Miet-Chauffeure. „Wer mit dem Zug kommt, tut sich schwer, uns hier zu finden.“ Man glaubt es gerne, zumal sich bruddelnd ein Koffer-schleppender Reisender nähert. „Das ist doch alles ein Scheißdreck“, diktiert er einem in den Recherche-Schreibblock.
Auch der Oberbürgermeister ärgert sich gewaltig
An der nahen, edlen und klimatisierten Rezeption im Graf Zeppelin ist man derselben Meinung. Die Worte werden in Anbetracht der Klassifizierung mit fünf Hotel-Sternen nur vornehmer gewählt. „Die Baustelle bringt unglückliche Konstellationen mit sich. Dies steigert sich durch die lange Bauzeit“, heißt es.

Beim alten Hauptbahnhof gibt es immer noch eine Mahnwache von S21-Gegnern. (Foto: Uwe Jauß)
Wenn man so will, scheint sich Stuttgart mit Blick auf die S21-Baustelle ziemlich einig zu sein. Dies hat noch nicht einmal zwangsweise mit einer möglichen Gegnerschaft gegen das Projekt zu tun. So ist Oberbürgermeister Franz Nopper ein erklärter Befürworter des Tiefbahnhofs mit den durchgehenden Gleisen.
Zum einen gefallen dem CDU-Mann schnellere Zugverbindungen, die S21 verspricht. Des Weiteren freut er sich über den oberirdischen Wegfall der Kopfbahnhof-Gleise. Weite Flächen werden frei. Die Kommunalpolitik sieht ungeahnte städtebauliche Chancen – sollte die Bahn endlich zu Potte kommen.
Die Widerständler gibt es immer noch
„Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko“, hat Nopper deshalb kürzlich den Verantwortlichen ins Stammbuch geschrieben.
Übrigens haben auch die altgedienten S21-Gegner auf die jüngste Verschiebung der Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs reagiert. Diese Leute gibt es tatsächlich noch. Man erinnere sich: Beim Baubeginn fanden Massenproteste gegen S21 statt. Jeden Montag war große Demo inklusive Verkehrszusammenbruch auf der Straße vor dem Hauptbahnhof.
Es kam sogar zu einem Volksentscheid über S21. Er ging 2011 zugunsten der Befürworter aus. Heute betreiben die Gegner noch eine grün angestrichene Holzbude beim Bahnhof, die als Stützpunkt für sogenannte Mahnwachen dient. Ein Mensch, der sich Frank nennt, begrüßt einen herzlich. „Wissen Sie, dass wir uns jetzt nicht mehr gegen S21 wenden?“, sagt er augenzwinkernd in scherzhaftem Ton. „Wegen des neu genannten Fertigstellungsdatums 2031 wenden wir uns jetzt gegen S31.“
Frank sagt es und drückt einem einen der bekannten gelben Aufkleber mit dem durchgestrichenen Stuttgart-Schriftzug in die Hand. Auf dem Bäbber steht tatsächlich „Stuttgart 31“ – durchgestrichen natürlich. Man denkt sich das seine und hofft, dass am Schluss nicht noch Stuttgart 41 daraus wird.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: S21-Gegner haben ihre Aufkleber abgeändert. Demnach geht es jetzt gegen Stuttgart 31, weil der neue Termin für eine mögliche Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs auf 2031 verlegt worden ist. (Foto: Uwe Jauß)