
In Wiesbaden konnten Clubbesucher fünf Monate lang ihr mitgebrachtes Cannabis testen lassen – auf Schadstoffe oder Verunreinigungen. Das Pilotprojekt war das erste dieser Art in Hessen. Nun zieht die Stadt eine positive Bilanz. Doch ob das Drug Checking fest etabliert wird, ist noch offen.
Eine Hip-Hop-Party, ein Dub-Reggae-Event, ein Punkrock-Konzert: Bei insgesamt neun Veranstaltungen in Wiesbaden konnten Besucher mitgebrachtes Cannabis checken lassen – von Experten der Suchthilfe zusammen mit dem Beratungsprojekt „Safe Party People“ aus Frankfurt.
Wer einen Joint rauchen wollte, konnte freiwillig und kostenlos vorher den Inhalt an einem Stand chemisch untersuchen lassen. 48 Mal wurde dieses Angebot genutzt, wie die Stadt am Dienstag mitteilte. Ein Ergebnis: Häufig enthielten die Proben einen hohen Gehalt des berauschenden Wirkstoffs THC. Es gab dennoch keinen Fall, in dem die Tester vom Konsum des Stoffs aus gesundheitlichen Gründen abrieten.
Das Gras oder Haschisch wurde auch auf Feuchtigkeit getestet. „Häufiger mal kam die Rückmeldung, dass das Cannabis feucht war, was mit dem Eigenanbau verbunden ist“, erklärt Teresa Müller von der Stadt Wiesbaden bei der Bilanz des Projekts. „Einige Personen bauen Cannabis selbst an und trocknen es dann nicht gut genug.“ Beim Rauchen könnten dann gesundheitsschädliche Schimmelpilze im Joint eingeatmet werden.
Illegale Drogen wurden nicht untersucht
Die Stadt hätte an dem Stand auch gerne andere, gefährlichere Drogen wie Ecstasy, Speed, Ketamine und Kokain getestet. In Mecklenburg-Vorpommern etwa ist das bereits gängige Praxis: Auf den Festivals Fusion und Pangea untersuchen Mediziner der Universität Rostock auch illegale Drogen. Auch in Österreich, der Schweiz und Frankreich wird vor dem Konsum ein Test angeboten.
Gerade in illegalen Drogen lauern oft Gefahren. „Es sind wieder hochdosierte XTC-Pillen im Umlauf mit MDMA-Gehalt von über 200 mg“, warnt aktuell das Projekt Safe Party People in Frankfurt. Eine Überdosis oder ein Konsum zusammen mit anderen Substanzen kann schwerwiegende Folgen haben.
Hessen erlaubt bislang kein Drug Checking
In Hessen ist es allerdings nicht erlaubt, illegale Drogen zu testen. Der Bund hat das Drug Checking zwar schon 2023 grundsätzlich deutschlandweit ermöglicht – im Rahmen von Modellprojekten und mit gesundheitlicher Beratung. Jedes Bundesland muss allerdings selbst dazu eine Landesverordnung erlassen. Mecklenburg-Vorpommern, Nordhrhein-Westfalen und Berlin haben das inzwischen getan. In Hessen läuft noch die Prüfung.
Teresa Müller hofft darauf, dass die Landesverordnung bald kommt und das Drug Checking fortgesetzt werden kann. Dann will die Stadt auch aktiv auf das Angebot hinweisen und es bewerben.
520 Gespräche geführt
Wiesbaden konnte im Pilotprojekt nur Erfahrungen mit legalem Cannabis sammeln. Die Haschisch-Rauchenden waren im Schnitt 38 Jahre alt. Sie bauten in der Regel selbst an oder kannten ihre Quelle. Von ihnen gab es positive Rückmeldungen, auch zur Beratung am Drug-Checking-Stand. Der habe ganz unterschiedliche Menschen angezogen, sagt Müller: Erfahrene Raucher ebenso wie Freunde und Interessierte ohne Joint. 520 Gespräche gab es insgesamt. Das Team habe mit Flyern über Substanzen aufgeklärt, Irrtümer über Suchtmittel beseitigt und ein Nachdenken über den eigenen Konsum angestoßen.
Besonders positiv war für Müller, „dass Personen, die sonst keinen Kontakt zur Suchthilfe haben, in Kontakt gekommen sind und offene Gespräche geführt haben.“ Die Caritas-Suchthilfe habe zwar ein konservatives Image. Man habe aber zeigen können: „Wir sind jung, wir sind nicht zwingend abstinenzorientiert.“
Die Suchthilfe akzeptiere Konsum und sei da, wenn Menschen sich austauschen wollen oder Probleme haben. Auch bei den Konzertveranstaltern und Clubs sei die Akzeptanz groß. Sie konnten bei dem Pilotprojekt ihre Mitarbeitenden schulen lassen.
Kommt auch ein Drogenkonsumraum?
Ob es in Zukunft weiter einen Beratungsstand und Cannabis-Tests gibt, muss die neue Rathaus-Koalition aus CDU, Grünen, FDP und Volt entscheiden. Es könnte bereits eine Bewährungsprobe für das „Maracuja“-Bündnis werden. Gerade bei diesem Thema sind im Rathaus auch andere Mehrheiten denkbar. Ein Hasch-Check mit Info-Stand auf passenden Konzerten und Partys würde die Stadt etwa 50.000 Euro im Jahr kosten.
Wiesbaden sucht eine Gesamtstrategie zur Drogenhilfe. Denn das nahegelegene Frankfurt macht Druck: Hessens größte Stadt will keinen „Drogentourismus“ mehr aus anderen Großstädten wie Wiesbaden oder Darmstadt.
Zu möglichen neuen Maßnahmen in Wiesbaden gehört deshalb ein Drogenkonsumraum für etwa eine knappe Million Euro. Denkbar ist auch ein Bus oder Van, der für etwa 200.000 Euro eine ähnliche Aufgabe erfüllt. Dazu kommen noch Kosten für vier bis fünf Vollzeitstellen. Ziel sei ein sicheres Umfeld für Drogenabhängige. Es gelte, Drogentote zu verhindern.
Abwasseranalyse und mehr Sozialarbeit
Wiesbaden könnte auch mit Hilfe einer jährlichen Abwasseruntersuchung ermitteln, wo in der Stadt welche Drogen konsumiert werden. Die suchtbezogene Sozialarbeit mit Streetworkern müsste laut Dezernentin Milena Löbcke (Die Linke) außerdem dringend erhöht werden. Zehn Stunden in der Woche für ein Zweier-Team hält sie für angemessen. Die jetzigen zwei Stunden „reichen absolut nicht“, sagt sie. „Das kann eigentlich so nicht weitergehen“.
Auch eine Lachgasprävention und Hilfsangebote bei zu viel Medienkonsum stehen zur Diskussion. Werden viele neue Angebote im Rahmen einer Drogenstrategie geschaffen, könnte das 600.000 Euro bis 1,4 Millionen Euro kosten – plus das Personal für Drogenkonsumraum oder -mobil.
Das Geld fehlt
Der Fraktionsvorsitzende der FDP, Christian Diers, ist als künftiger Kämmerer der Stadt im Gespräch. Er spricht bereits von Personalabbau und Sparmaßnahmen. Die Dezernentinnen und Dezernenten stehen kurz vor der Wachablösung. Hat die noch amtierende Dezernentin Löbcke überhaupt Hoffnung, dass ein Teil der Vorschläge umgesetzt wird? Der Status Quo ist aus ihrer Sicht „nicht fair Frankfurt gegenüber“, sagt sie. Immerhin: „Der Antrag, diese Gesamtstrategie Sucht zu erarbeiten, wurde breit getragen von verschiedenen Fraktionen.“ Auch von CDU und FDP.
In Wiesbaden steht am 29. August ein Rave an, das „Overpowered Festival“. Erwartet werden 25 DJs auf vier Bühnen und 2.000 Raverinnen und Raver. Gut möglich, dass dort auch Ecstasy und andere illegale Drogen konsumiert werden. Auf giftige Substanzen und Streckmittel getestet werden sie erst einmal nicht.