
AUDIO: Handarbeit statt Fast Fashion: Schau über antike Mode in Hannover (4 Min)
Stand: 20.08.2026 19:05 Uhr
Toga, Tunika, Paenula: Das Museum August Kestner in Hannover zeigt in „Dressed – Rom. Macht. Mode.“, wie Kleidung vor 2.000 Jahren entstand – und stellt Fragen an unseren heutigen Umgang mit Ressourcen in der Textilproduktion.
Kuratorin Anne Viola Siebert hat sich eine rund fünf Meter lange, helle Stoffbahn genommen und breitet sie mit einer Kollegin aus, faltet sie einmal längs. Der purpurrote Streifen auf der Toga verrät die hohe Stellung des Mannes, um den das Kleidungsstück gleich kunstvoll geschlungen wird. Die Arme hat er weit ausgebreitet – damit sich nichts verheddert. Schnelles Laufen und Gestikulieren wird mit dem wallenden Gewand schwerer, sagt die Archäologin.
Toga-Style: Nur eine Hand frei zum Gestikulieren
„Sie brauchten den linken Arm, um diese Stoffmassen zu halten“, erklärt Siebert. „Und sie hatten die rechte Hand, um zu agieren. Wenn man zum Beispiel Rhetor war, konnte man mit ihr dem gesprochenen Wort Ausdruck verleihen.“

Gold, Seide und die Farbe der Purpurschnecke: Die, die es sich leisten konnten, stachen auch schon in der Antike mit ihrer Kleidung heraus.
Man denkt sofort an eine Plastik eines Rhetorikers aus dem alten Rom. Und tatsächlich sind es die Statuen der klassischen Antike, die heute als Quellen für die Kleidung von einst dienen. Modemacher waren damals noch nicht erfunden. Doch wer Macht hatte, wie Kaiser Augustus, konnte bestimmen, was getragen wird, sagt Heidrun Derks, Leiterin des Museums Kalkriese, das die Ausstellung entwickelt hat.
Strenge Kleidervorschriften von Kaiser Augustus
„Augustus hat ganz klar definiert, wie Frauen sich anzuziehen hatten“, sagt Derks. „Mal lasziv die Schulter zeigen – das war vorbei. Die Toga wurde in ihrer Stofflichkeit noch üppiger in dieser Zeit.“ Wer in Augustus‘ Umfeld bestehen und Karriere machen wollte, hätte sich tunlichst an dessen Kleidervorschriften halten müssen.
Wie auf Ausstellungsflächen einer Boutique präsentiert das Museum August Kestner die Modelle vor 2.000 Jahren. Der Standard war die Tunika, ein hemdartiges Kleid aus zwei rechteckigen Stoffstücken, zusammengenäht an Schultern und Seiten, in der Mitte ein Gürtel. Für Frauen war sie langärmlig und knöchellang, für Männer nur bis zum Knie reichend. Wer fror, konnte sich die Paenula überwerfen, eine Art langen Poncho mit Kapuze.
7.000 Liter Wasser für eine Jeans
Wenig Auswahl also gab es. Was sagt uns das heute? „Wir erkennen, dass wir heute eine enorm große Entscheidungsfreiheit haben, bei dem, was wir tragen“, sagt Anne Gemeinhardt, Direktorin des Museums August Kestner. „Damit haben wir auch eine große Verantwortung – etwa, wie wir mit den Ressourcen umgehen oder wie viel Kleidung wir uns zulegen.“

Mit den ersten Seebädern an Nord- und Ostsee wird auch die Frage nach dem passenden Badekleid immer wichtiger – mal verhüllend, mal knapp.
Die Brücke ins Heute schlägt das Museum über das Thema Nachhaltigkeit. Im Video schichtet eine modebewusste junge Frau Kleidungsstück auf Kleidungsstück, an der Museumswand steht die Mahnung: 7.000 Liter Wasser für eine Jeans, eine Million Tonnen Altkleider pro Jahr in der Altkleidersammlung.
„Textilien können heute billigst hergestellt werden“
„Die heutige Textilherstellung ist der größte Umweltverschmutzer, den wir uns vorstellen können“, so Kuratorin Siebert. „Textilien können heute billigst hergestellt werden, sodass wir die Wertschätzung für Kleider und das, was Griechen und Römer an Zeit und Aufwand in diese reingesteckt haben, gar nicht mehr nachvollziehen können.“
Wolle, Webstuhl, Pflanzen fürs Färben – sehr anschaulich und zum Anfassen zeigt das Museum, warum 600 Stunden Arbeitszeit für eine Tunika draufgehen konnten. Ganz nebenbei versetzt uns die Ausstellung so in die Zeit vor 2.000 Jahren und lässt uns zugleich nachdenken, was Kleidungsproduktion heute für Folgen hat. „Dressed“ ist eine anschauliche Schau, die auch Familien und Kinder begeistern dürfte.

Handarbeit statt Fast Fashion: Schau über antike Mode in Hannover
Die Ausstellung „Dressed – Rom. Macht. Mode.“ im Museum August Kestner wirft auch Fragen über die heutige Kleidungsproduktion auf.
- Datum:
- 20.08.2026, 10:00 Uhr
- Ende:
- 31.01.2027
- Ort:
-
Museum August Kestner
Platz d. Menschenrechte 3
30159
Hannover