Der 35-jährige Flüchtige hatte sich in der Nacht zu Sonntag, 30. August, aus dem Fenster seiner Zelle im dritten Obergeschoss gezwängt, war von dort aus hoch aufs Dach gelangt und dann runter auf die Straße. Es dürfte nur wenige Menschen geben, die zu so etwas in der Lage sind, und der Fluchtweg sei lebensgefährlich gewesen, erklärte Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) jetzt im Landtag gegenüber der Politik in einer Sondersitzung des Rechtsausschusses.

Auf Dokumenten den eigenen Namen durchgestrichen

„Der Gefangene hat sich selbst – wie erst jetzt im Rahmen der Ermittlungen bekannt wurde – als Spiderman bezeichnet“, führte Limbach aus. So seien in der Zelle des Mannes Dokumente zum jüngsten Gerichtsurteil gegen ihn gefunden worden, auf denen sein Name durchgestrichen und in seiner eigenen Handschrift „Spiderman“ notiert war.

Dass er über einen Straßenbaum zu Boden kletterte, scheint den Ermittlern derzeit schlüssig. Es gibt aber keine Gewissheit darüber, wie das alles abgelaufen ist. Es gibt an der Justizvollzugsanstalt (JVA) zwar Kameras, aber die sind grundsätzlich auf den Freistundenhof ausgerichtet. Sie können nur händisch auf die Fassade gesteuert werden. Und sie nehmen nichts auf: „Die Kamera-Anlage verfügt über keine Aufzeichnungs- oder Speichermöglichkeit und überträgt ausschließlich Livebilder“, so Minister Limbach. Über mögliche Verbesserungen wird nun nachgedacht. Außerdem wolle man die Stadt Duisburg bitten, die Bäume rund ums Gefängnis zurückzuschneiden.

Ein „Sägewerkzeug“ eingeschmuggelt?

Wie der Häftling sein Fenstergitter aufsägen konnte, ist weiterhin ein Rätsel. Es sei unklar, „welches Werkzeug eingesetzt wurde und woher dieses stammte“, erläuterte Benjamin Limbach. „Der Haftraum war zuletzt am 24. August 2026 kontrolliert worden. Dabei wurden auch das Gitter und die Feinvergitterung in Augenschein genommen.“ Es seien keine Auffälligkeiten festgestellt worden. Und schon Anfang August seien sämtliche Vergitterungen im Haftbereich überprüft worden.

Ein Mitgefangener habe erzählt, eine Angehörige könne dem Häftling bei einem Besuch ein „teures Sägewerkzeug“ übergeben haben. Aber auch die besagte Angehörige sei wie vorgesehen kontrolliert worden. Bei einem Hohlraum im Zellenboden, den man zuerst für ein Säge-Versteck gehalten hatte, ist man sich heute nicht mehr so sicher: Es könnte sich auch einfach um beschädigten Linoleumboden handeln.

In der Haft höflich und respektvoll

Nach der Flucht habe man in der JVA in Hamborn die Gitter aller Zellen geprüft. Die Sicherung des Daches soll nachgerüstet werden.

Die SPD-Politikerin Sonja Bongers befand, das Geschehen werde umso unglaublicher, je länger man darüber nachdenke. „Wenn das nicht so traurig wäre, könnte man ja wirklich meinen, man hat einen schlechten Spielfilm vor Augen“, sagte sie. Minister Limbach müsse „vor die Lage kommen“ und alle Haftanstalten in NRW auf Fluchtmöglichkeiten überprüfen.

Über 73.000 Drogen-Dosen auf kariertem Papier

Im Rechtsausschuss ging es nicht nur um das Geschehen in Duisburg. Der Minister unterrichtete die Politik ganz unabhängig davon auch über einen besonders umfangreichen Drogenfund, den man zuletzt in der JVA in Gelsenkirchen gemacht hatte. Dort fanden Bedienstete am 3. September bei einer Zellendurchsuchung 30 mit synthetischem Rauschgift präparierte, karierte Din-A4-Blätter. „Auf diesen Blättern befanden sich 73.277 Konsumeinheiten sogenannte neuer psychoaktiver Stoffe“, erklärte Limbach. Nach erster Schätzung hatte das Material einen Wert von rund 36.000 Euro.