Madame Nielsen freut sich über das kleine Tischchen, das in der Kapelle Kein Roter Elefant steht. Die Kapelle wurde nachträglich auf die ehemalige Stadtvilla zwischen Volkhart- und Schaezlerstraße, nun das Kunsthaus Villa Schöne Felder, errichtet. Die mittlerweile entweihte Kapelle ist ein heller, holzvertäfelter Raum mit Satteldach und einem Glasfenstermosaik von Professor Weißhaar, in dem eigentlich außer dem Künstler selbst jeder einen roten Elefanten erkennt. Das Publikum sitzt fast bis ins Treppenhaus, das bewegungslose Lauschen alleine lässt beständig kleine Schweißperlen in den Nacken rinnen. „Mit diesem Tischchen und der kleinen Lampe kann ich eine echte deutsche Lesung aus meinem Buch machen“, kündigt Madame Nielsen an.
Madame Nielsen fasziniert in Augsburg durch ihre Erscheinung
Ihre Ankündigung ist nach wenigen Minuten Makulatur, als sie mit ihrer markanten Stimme – ein Sound zwischen Katharina Thalbach und Helge Schneider – für die entscheidende Szene ihres Romans „Das Zeitgeisterhaus. Eine deutsche Geschichte“ sich selbst als exzentrische „Magierin aus dem hohen Norden“ auf die Bühne holt. Mit ihren schneidend kantigen Gesichtszügen und dunkel umrandeten, abgrundtiefen Augen unter der grauen Lockenperücke wird die Lesung in kürzester Zeit zu einer außergewöhnlichen Performance. Es geht um Prinzipienreiterei in der Kostümwäsche eines Theaters irgendwo in Deutschland, eine Nichtigkeit eigentlich, nur eskaliert sie in wenigen Sätzen der Auseinandersetzung zwischen Diva und Wäscher zu Holocaustreferenzen und einer „blitzkriegskurzen Zuckung“, die vom Wäscher als Hitlergruß verstanden wird. Für die eine Seite eine Straftat, für die andere Seite eine Geste, um über das Deutschsein zu richten.
Stein des Anstoßes? Der mehrmals wiederholte Satz „Ich tue nur, was mir gesagt wird.“ In der NS-Zeit Grundlage für vorauseilenden Gehorsam, heute die Rechtfertigung für Inflexibilität und Notausgang für unangenehme Situationen. Es folgen Anzeigen, bizarre Zoom-Meetings und schlussendlich das abrupte Ende des Engagements der extravaganten Künstlerin. „Ich möchte nicht einmal Recht haben, aber ich beharre auf meine Untröstlichkeit“, dieser eindrucksvolle Satz steht für einen Moment im Raum und wirft die Frage auf, ob der Roman nicht tatsächlich autofiktional und die Szene nicht doch bei Nielsens Engagement in den Münchner Kammerspielen ähnlich stattgefunden haben könnte.
Madame Nielsen wurde 1963 als Claus Beck Nielsen geboren
Provokation ist ihr schließlich nicht fremd, irritiert hat die 1963 als Claus Beck Nielsen geborene Künstlerin schon viele. Ihre Verwandlung in Madame vor zwölf Jahren hat allerdings nichts mit Geschlechteridentität zu tun, vielmehr ist es eine weitere Verwirklichung von mehreren möglichen Existenzformen. „Ich bin nicht Mann, nicht Frau, ich bin ungewiss. Vielleicht bin ich in ein paar Jahren ein Vogel“, gab sie einmal der NZZ zu Protokoll. Ähnlich springt sie in ihrem Roman zwischen den Perspektiven der Beteiligten hin und her. Und irgendwie haben alle Recht.
„Es gibt keine Wahrheit, sondern nur Eigentlichkeiten in der Kunst und in den Institutionen“, sagt sie zu Beginn des Gesprächs im Anschluss der Lesung. Doch gibt es einen deutschen Geist, entstanden durch eine Vergangenheitsbewältigung mit viel Unbewältigtem? Ist der deutsche Moralismus ein Produkt hierarchischer Strukturen und Bürokratie? Es entspinnt sich eine lebhafte Debatte im Publikum, über Erinnerungskultur, NS-Aufarbeitung, Patriotismus und Tagespolitik. Madame Nielsen verfolgt die Diskussion distanziert interessiert und knipst plötzlich mit einer beiläufigen Handbewegung die kleine Lampe auf dem Tischchen aus. Sie hat ihren Teil getan.