Stand: 22.05.2025 08:39 Uhr

100 Jahre nach der Uraufführung dirigiert Alan Gilbert die Oper „Wozzeck“ von Alban Berg. In der Titelpartie ist Bariton Matthias Goerne zu erleben. Im Gespräch erzählt er von „Wozzeck“, dem Sprech-Gesang und seinen Plänen in Hannover.

Matthias Goerne gilt als einer der herausragenden Baritone unserer Zeit, vielfach ausgezeichnet mit dem Grammy Award, dem Preis der deutschen Schallplattenkritik und zahlreichen weiteren Preisen. Im Moment ist Matthias Goerne Artist in Residence beim Shanghai Symphony Orchestra. In der kommenden Spielzeit 2025/26 wird er Artist in Residence bei der NDR Radiophilharmonie sein. Nun ist er in Hamburg zu erleben. Dort singt er am Freitag und am Sonntag in der Elbphilharmonie in einer konzertanten Aufführung die Titelpartie in der Oper „Wozzeck“ von Alban Berg.

Herr Goerne, Werner Wozzeck ist ein Soldat, der sich und die Familie trotz ein paar mieser Nebenjobs kaum ernähren kann. Er rastet aus und tötet seine Freundin, weil sie eine Affäre hat. Heute würden wir sowas True Crime nennen. Was fasziniert sie an der Figur Wozzeck?

Matthias Goerne: Das Interessante an der ganzen Oper ist die Komplexität und gleichzeitig die Einfachheit der Geschichte. Man bekommt eine Gesellschaft in einem Libretto gezeigt und vorgeführt durch Musik und den genialen Text von Büchner. Er hat keine wirkliche Reihenfolge in dem ganzen Stück hinterlassen. Demzufolge hatte Alban Berg die Möglichkeit, die einzelnen Szenen, die Fragmente in seine eigene Ordnung zu bringen – und das ist auf das Genialste gelungen. Es wird eine Gesellschaft gezeichnet, in der eigentlich keiner frei von schrecklichen Zwängen und Umständen ist. Parallel wird die Handlung eines frustrierten Wozzecks und einer frustrierten Marie gezeigt, die gemeinsam ein Kind haben und nicht verheiratet sind. 

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Ein Mann im Anzug blickt in die Kamera, links im Bild ist ein Fenster zu sehen. © Marie Staggat Foto: Marie Staggat

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Großes Unglück breitet sich aus, als Marie aus Verzweiflung oder aus Frustration oder auch aus Wut oder aus einer Haltung der Revanche gegen Wozzeck heraus eine Affäre anfängt. Das bekommt der Wozzeck mit und er tötet sie einfach aus Eifersucht. Demzufolge hat man auf der einen Seite ein hochinteressantes psychologisches Kunstwerk, auf der anderen Seite eine ganz banale Geschichte um jemanden, der ein Mörder wird. Das ist sehr beeindruckend. 

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Dirigent Alan Gilbert im Porträt © NDR Foto: Peter Hundert

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Wie setzt Alban Berg das musikalisch um, bezogen auf ihre Rolle des Wozzeck?

Goerne: Die Partitur ist so vielschichtig wie kompliziert und letzten Endes dann doch so klar. Auch nach über 100 Jahren, seitdem es die Oper gibt, ist es eines der wahrscheinlich am kompliziertesten aufzuführenden Stücke – und zwar für alle, für die Sänger, aber auch für das Orchester. Berg integriert sowohl das reine Sprechen, dann das wirkliche Singen, dann das halb gesprochene Singen und dann wirklich den gesprochenen Text auf einer Notenmelodie. Das ist sehr interessant, auch in meinem Fall, als ich vor fast drei Jahrzehnten die Bearbeitung dieses Stücks gemacht habe: Warum an welchen Stellen auf einmal Sachen gesprochen werden, frei gesprochen werden, ohne jede Intonation. Oder halb gesprochen, aber auf einer bestimmten Tonhöhe, beziehungsweise auch richtig mit einer Melodie im Sprechen – aber eben nicht gesungen. 

Interessanterweise verstecken sich gerade in den gesprochenen Passagen die raffiniertesten und schönsten Melodien. Bergs Intention muss gewesen sein, dass man nicht in die Verführungsfalle reintappt: Auf einmal in dieser schönen Melodie noch ein bisschen schöner zu singen und noch ein bisschen romantischer zu sein, sondern ganz gezielt im Sprechton zu bleiben, aber eben trotzdem mit den harmonischen Bezügen, die die Melodie einfach fordert, im Verhältnis zum Orchester. Das klingt leicht, dass man sagt: Na gut, man singt halt ein bisschen weniger, aber das Sprechen hat eigentlich gar nichts mit dem Singen zu tun. Es bedarf sehr viel Übung, Können und Erfahrung, sich in dieser Materie wirklich wie ein Fisch im Wasser zu fühlen und mit sehr viel Natürlichkeit dem begegnen zu können. Ohne dass das eine – obwohl es doch so artifiziell ist – Künstlichkeit bekommt, die dem Hörer eigentlich dann nichts mehr vermitteln kann.

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Drohnenaufnahme über das Dach der Elbphilharmonie und Umgebung bei Sonnenaufgang © Elbphilharmonie Foto: Thies Rätzke

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Gerade wurde bekannt, dass sie in der kommenden Spielzeit Artist in Residence bei der NDR Radiophilharmonie in Hannover sein werden. Das wird mit Ihnen ein sehr vielfältiges Programm. Auch ein Liederabend mit Schumann und Brahms wird dabei sein. Worauf freuen Sie sich da besonders?

Goerne: Insgesamt freue ich mich sehr, dass ich mit dem Chefdirigenten diese Residenz machen kann. Ich war ganz überrascht. Es ist, glaube ich, die erste Residenz, die das 75-jährige Orchester hat, was mich sehr wundert. Denn das ist eigentlich immer eine Möglichkeit für die Veranstalterseite, nochmal so eine Art kleines programmatisches Festival zu haben in der laufenden Saison. Es freut mich sehr. Das Repertoire ist fantastisch. Wir machen „Lied von der Erde“, dann „Beethovens Neunte“, einen Liederabend und ein Bach-Programm. Mich freut sehr, dass da ein wirklich kammermusikalisches Konzert dabei ist und das andere in einer kleineren Orchesterbesetzung. Das herausragendste Stück ist wahrscheinlich schon in diesem spätromantischen Bereich für mich das „Lied von der Erde“. Wenn man an das letzte Stück „Abschied“ denkt, da freue ich mich sehr darauf, das zu proben und das dort aufzuführen.

Das Gespräch führte Franziska von Busse.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur |
Der Nachmittag |
21.05.2025 | 16:20 Uhr

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