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Über den Bücherschrank in Bauernheim freuen sich (v.l.) Uschi Knihs, Beate Neuwirth und Tatjana Nazaruk sowie die Kinder (v.l.) Alex, Avi, Ivan und Sascha. loni schuchardt (3) © Loni Schuchardt
Bücherschränke haben derzeit Hochkonjunktur – zumindest in Friedberg. Das System funktioniert bestens, nicht zuletzt dank Ehrenamtlicher, die sich um die Bücherschränke kümmern.
Schon seit neun Jahren kümmert sich Siegfried »Sigi« Köppel um die ehemalige englische Telefonzelle am Europaplatz. Der gebürtige Frankfurter, der seit 13 Jahren in Friedberg lebt, war es auch, der als erster auf die Idee kam, in Friedberg einen Bücherschrank einzurichten. »Ich kannte das von Hanau, wo ich viele Jahre gelebt habe«, erzählt der FDP-Stadtrat.
Noch vor seiner Zeit als Magistratsmitglied sprach Köppl den damaligen Bürgermeister Michael Keller erstmals darauf an. Später stellte die FDP im Stadtparlament einen entsprechenden Antrag, »gegen den erbitterten Widerstand der CDU«, erinnert sich Köppl.
Ausgewählt wurde die ehemalige englische Telefonzelle, die 1990 anlässlich des 25-jährigen Verschwisterungsjubiläum der Stadt mit Bishop’s Stortford und Villiers sur Marne zusammen mit einem französischen Briefkasten vor dem Kreishaus aufgestellt wurde. Während die Telefonzelle »umgewidmet« wurde, dient der Briefkasten noch heute seinem Ursprungszweck.
Köppl verpflichtete sich, die »Bücherzelle« zu betreuen. Seitdem geht er mehrmals die Woche hin, schaut, dass nicht zu viele Bücher darin stehen, räumt auf und putzt die Zelle. Köppl: »Manchmal stehen hier zwei, drei Kartons mit Büchern drin, die nehme ich dann mit und fülle die Regale nach und nach auf.«
Zerstörungen gab es nur zweimal. Einmal wurde eine Scheibe eingeschlagen, im vergangenen Jahr wurde die Tür beschädigt. Vielfältig – wie in allen Bücherschränken – ist das Angebot, von Kinder-, Koch- und Sachbüchern über Krimis und Romane bis hin zu klassischer Literatur.
»Seit gestern steht hier Goethes ›Faust‹ und ›Die Deutschstunde‹ von Sigfried Lenz, das sind Klassiker pur«, freut sich Köppl. Dessen Initiative war für Anja El Fechtali der Auslöser, schon vor neun Jahren einen Bücherschrank für die östliche Altstadt zu fordern. »Da saß ich noch nicht im Stadtparlament«, sagt die Linken-Politikerin, die sich freut, dass ihr Wunsch im Frühjahr realisiert wurde. Der Schrank wurde aus Haushaltsresten von 2024 finanziert, ebenso wie die Schränke in Bauernheim und Bruchenbrücken.
»Schon vor vier Jahren wurde die Anschaffung der Schränke im Ausschuss beschlossen, aber immer wieder verschoben«, weiß El Fechtali, die den Schrank federführend betreut, unterstützt von Linken-Mitgliedern; der Schrank neben dem Altstadtbrunnen steht direkt gegenüber dem Linken-Laden in der Usagasse.
DER BÜCHERKLAU
Eine besondere Geschichte erzählt Sigi Köppl. Vor einigen Jahren beobachtete ein Bekannter Köppls, der gerade im italienischen Restaurant gegenüber dem Europaplatz saß, wie ein Fahrzeug mit Offenbacher Kennzeichen anhielt und der Fahrer alle Bücher aus der Telefonzelle in Kisten packte und davonfuhr.
Es gab aber auch noch einen weiteren Augenzeugen, der die Tat mit seinem Handy aufgenommen hat, die Bilder ausdruckte und anonym in die Telefonzelle hängte. „Man konnte sogar das Nummernschild lesen, was natürlich nicht erlaubt ist“, meint Köppl, der keine Anzeige erstattet hatte. Diebstahl im eigentlichen Sinn war es ja nicht. har
»Der Schrank wird sehr gut angenommen«, sagt die Friedbergerin, die vom Interesse an Gartenbüchern überrascht wurde. »Wir hatten eine ganze Reihe davon, die waren schnell weg.« Probleme habe es bislang keine gegeben.
Eigenes Angebot für Kinder
»Bücher sind die niedrigste Form von Kultur, die man Menschen anbieten kann«, betont El Fechtali, die im Bücherschrank ein Fach für Kinderbücher reserviert hat. Einen solchen Bereich gibt es auch im Bauernheimer Bücherschrank direkt vor dem Dorfgemeinschaftshaus. »Kinderfach« steht da in großen Lettern auf einer der beiden Türen des Schrankes, den Uschi Knihs, Beate Neuwirth und Vroni Bleymehl betreuen.
Die drei Frauen bilden die Grünen-Fraktion im Ortsbeirat, in dem schon 2022 auf Antrag der Grünen einstimmig beschlossen wurde, einen Bücherschrank aufzustellen. Nun ist auch dieser Schrank Realität geworden, sehr zur Freude der drei Frauen.
Uschi Knihs: »Wir haben hier keine Kita, keine Schule, kein Geschäft, jetzt aber einen Bücherschrank.« Was die drei Bauernheimerinnen besonders freut: Viele Kinder nutzen den Schrank, darunter Sascha (9), Alex (11) und Ivan (8) sowie Neuwirths Enkel Avi (6). Die drei Jungs aus der Ukraine nutzen die Bücher, um ihr Deutsch zu verbessern. »Das ist sehr gut«, sagt Tatjana Nazaruk, die Mutter von Sascha.
Irgendwelche Probleme mit dem Schrank gab es hier ebenso wenig wie am dritten von der Stadt in diesem Frühjahr aufgestellten Bücherschrank, der seit einigen Wochen in Bruchenbrücken auf dem Parkplatz an der Mehrzweckhalle steht. »Kaum war die Folie ab, war der Schrank voll«, erzählt Ortsvorsteher Gunther Best, Er freut sich darüber, dass sich der neugegründete Verein »Miteinander für Bruchenbrücken« unter der Federführung von Janine Rabenau bereit erklärt hat, den Schrank zu betreuen. Fazit: Bücherschränke sind eine Erfolgsgeschichte, nicht zuletzt dank dem ehrenamtlichen Engagement der Bürger. Wie sagt doch Anja El Fechtali: »Das ist das Beste, was die Stadt seit langem gemacht hat.«
Anja El Fechtali vor ihrem Bücherschrank. © Loni Schuchardt
Sigi Köppl und die Bücher-Telefonzelle. © Loni Schuchardt