Kiew, Frühsommer 2025. Die Stadt wirkt alltäglich: Die Straßencafés sind gut besucht, die Geschäfte geöffnet, Linienbusse und Autos fahren durch die Straßen. Erst bei genauerem Hinsehen zeigen sich die Spuren des Krieges. Im Frühjahr 2022 war eine Rakete direkt neben dem Hauptgebäude der Taras-Schewtschenko-Universität eingeschlagen. Die Schäden wurden umgehend behoben, das Denkmal für den Namensgeber der Universität, den ukrainischen Nationaldichter, ist jetzt mit Brettern verschalt, um es bei erneuten Angriffen zu schützen.
Das öffentliche Leben ist digitalisiert, in der U-Bahn zahlt man mit Kreditkarte, statt einen Jeton in den Schlitz am Drehkreuz zu werfen, im Restaurant bestellt und zahlt man per Handy. Nur die Blumenverkäuferin am Straßenrand, die Pfingstrosen zu Sträußen bindet, nimmt Bargeld. Zu verschiedenen Tageszeiten rollen Trauerzüge Richtung Wolodymyr-Kathedrale, an der Zahl der Limousinen liest man die Zahl der Gefallenen, die zur Aussegnung gefahren werden. Die Stadt zeigt sich leise, keine Musik in den Cafés, die Restaurants schließen gegen zehn, die letzte U-Bahn fährt gegen halb elf.
Wie in den Jahren zuvor findet die Kiewer Buchmesse auf dem Ausstellungsgelände des Nationalen Kunst- und Museumszentrums Arsenal statt, der Klinkerbau verfügt über mehrere Ausstellungshallen und ein großes Freigelände. Während in den anderen Monaten des Jahres Ausstellungen moderner Kunst zu sehen sind, verwandelt sich das Areal alljährlich Ende Mai in einen Ort für Bücher, Lesungen und Gespräche. In den vier im Karree angeordneten und miteinander verbundenen Hallen präsentieren sich in diesem Jahr vier Tage lang 111 Verlage, auf vier Bühnen finden Lesungen und Diskussionen statt, in separaten Räumen Schreibwerkstätten und Fortbildungen.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
In diesem Jahr steht die Buchmesse unter dem Motto „Everything is translation“ – „Alles ist Übersetzung“. Den Schwerpunkt haben Marci Shore, Osteuropa-Historikerin von der University of Toronto, und Oksana Forostyna, Autorin und Übersetzerin, kuratiert. Aus der Ukraine und aus dem Ausland sind Menschen, die schreiben, übersetzen und forschen, gekommen, um über Prozesse der kulturellen Transformation, die Dominanz des Englischen, solidarisches Schreiben und die Sprache in Zeiten des Krieges zu diskutierten.
Aber es gibt auch ein Literaturprogramm, ein Kinder- und Jugendprogramm, ein Sonderprogramm für literarisches Übersetzen. Alles das haben Kulturmanagerinnen, Verlegerinnen und Journalistinnen auf die Beine gestellt, um unter den komplizierten Bedingungen des Krieges eine Plattform für Austausch und Kooperation zu schaffen. Fast alle wichtigen Autorinnen und Autoren der Gegenwart sind gekommen, um zu lesen, angefangen bei Juri Andruchowytsch über Oksana Sabuschko bis zu Halyna Kruk und Sofia Andruchowytsch.
Eine herzliche Umarmung als wichtigstes Messeziel
Aber es geht nicht nur um Bücher allein. Die Ausstellung „Das ukrainische Literaturplakat“ bildet einen visuellen Ruhepunkt inmitten der Flüchtigkeit des ringsum Vorgetragenen, sie zeigt, gestaltet im Stil der Avantgarden der Zwanzigerjahre, Zitate aus Werken bekannter ukrainischer Autorinnen und Autoren. Und da sind auch die „Gedichte in der Metro“, ein Projekt des Polnischen Instituts in der Ukraine, Werke europäischer Dichterinnen und Dichter, die in den kommenden Monaten in den U-Bahnen von Charkiw, Kiew und Dnipro präsentiert werden.
30.000 Gäste werden am Ende auf der Messe gewesen sein. Sie unterhalten sich angeregt, hören interessiert zu, schießen Erinnerungsfotos. Es geht hier darum, Literatur zu genießen – und sich dabei gegenseitig zu stärken. Eine herzliche Umarmung und ein Selfie – das sind die wichtigsten Messeziele. Doch so unbekümmert die Atmosphäre wirkt, der Krieg hat den Alltag der Menschen brutal verändert und dominiert ihre Erfahrungen.
Das zeigt sich zum Beispiel, wenn Artem Chapaye, Vira Kuryko und Maritschka Paplauskajte gemeinsam lesen. „Lost in translation: Briefe über Liebe und Krieg“ heißt ihre Veranstaltung, es geht in den Texten um die Tage an der Front, Rettungsaktionen für Verwunderte, kleine Alltagsmomente, und die ungeheure Anspannung, mit der das Publikum den dreien folgt, und die Innigkeit, mit der sie jedem Lesenden applaudieren, zeigten, wie schmerzhaft und kräftezehrend der Kampf gegen die Gewalt und das Ringen um Normalität ist.
Wie kann der ukrainischen Literatur und Kultur im Ausland Gehör verschafft werden? In den Panels zur Übersetzung und kulturellen Vermittlung zeigt sich, wie die unausgesetzten militärischen russischen Angriffe, die auch die Vernichtung ukrainischer Kulturgüter zum Ziel haben, zu einer starken Fokussierung auf die eigenen Perspektiven führt, was außerhalb der Ukraine geschieht, wird in der Allgegenwart des Krieges kaum wahrgenommen.
Konzentration auf das Eigene
Dass sich die Messe so auf das Eigene konzentriert, liegt aber auch daran, dass nur wenige ausländische Gäste den Weg hierher gefunden haben, aus finanziellen und Sicherheitsgründen. Neben Marci Shore, die aus Kanada gekommen ist, sind das vor allem Rita Kindlerová aus Tschechien, Iryna Dmytryschyn aus Frankreich, Katarzyna Kotyńska aus Polen und Mikael Nydahl aus Schweden, die ukrainische Literatur übersetzen.
Die ersten beiden Messetage verlaufen ohne Unterbrechungen. Am Samstagabend jedoch – ich sitze gerade auf einem Panel zur Übersetzung von Kinderliteratur, meine Kolleginnen und ich sprechen über die Gründe für den einbrechenden Absatz und das komplizierte Interesse ausländischer Verlage an Büchern, die Kindern den Krieg angemessen erklären – ertönt das gefürchtete durchdringende Geräusch: Luftalarm. Eine Durchsage fordert alle Messegäste auf, die Hallen zu verlassen und sich in den Schutzraum zu begeben.
Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski besuchte die Buchmesse im Arsenal.EPA
Also steigen auch wir hinunter in die Katakomben – geräumige, überwölbte, fensterlose Säle, die eher an einen hippen Nachtklub als eine Zufluchtsstätte vor Bomben und Raketen erinnern. Geordnet und ohne Panik geht dieser Ortswechsel vonstatten, man spürt, dass es die Menschen gewöhnt sind, aus dem gerissen zu werden, was sie gerade tun, um sich vor Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die existenzielle Bedrohung, die unvermittelt in den Alltag einbricht, und die Gelassenheit, mit der die Menschen nach drei Jahren Krieg darauf reagieren, sind erschütternd.
Unter der gemeinsamen Bedrohung wird es schnell persönlich
Im Luftschutzkeller angekommen, wird nahtlos weiter über Literatur gesprochen, mit einer erhöhten Intensität und Offenheit. Unter der gemeinsamen Bedrohung wird es schnell persönlich. Ich komme mit der südukrainischen Autorin Oksana Stomina ins Gespräch. Ihr Mann ist im Frühjahr 2022 an der Verteidigung von Mariupol beteiligt gewesen und wurde im Stahlwerk Asowstahl gefangen genommen. Seit mehr als drei Jahren hofft Oksana, dass er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikommt. Sie hat keinen Kontakt zu ihrem Mann, die russischen Besatzer lassen keinen Briefverkehr der Kriegsgefangenen zu, obwohl sie nach dem humanitären Völkerrecht darauf Anspruch hätten.
Wir sprechen über das Übersetzen, Oksana möchte wissen, wie ich Slangvokabular des Krieges übersetze: dvochsoti – die Zweihunderter, die Gefallenen, die man im administrativen Jargon mit dieser Nummer bezeichnet. Oder zakobsonyty – einen russischen Soldaten ins Jenseits schicken, wo er sich die Musik des Schlagerstars Josif Kobson anhören kann, der als Putin-Anhänger die Aggression gegen die Ukraine seit 2014 öffentlichkeitswirksam unterstützt hatte, bevor er 2018 starb.
Oksana und ich stellen fest, dass diese Wahrnehmungen und Gefühle, die Verzweiflung, der Schmerz über die Verluste und auch der schwarze Humor, der sich in diesen markanten Wörtern kondensiert, unübersetzbar sind. Unfassbar und unübersetzbar bleibt nicht nur das Geschehen an sich – die Angriffe, die Grausamkeit, das Sterben – , sondern auch die Formen, die die Menschen in der Ukraine finden, um das Geschehene zu verarbeiten und Wege zum Weiterleben zu finden.
Als der letzte Abend gekommen ist, frage ich Yulia Kozlovets, die Direktorin der Buchmesse, ob sie mit dem Verlauf und den Ergebnissen zufrieden sei. „Ja“, sagt sie, „wir haben unglaubliche Anstrengungen unternommen, um die Messe möglich zu machen. Ein solches Großereignis braucht ein gutes Jahr Vorlauf. Und dann weiß man nie, ob es am Ende wirklich stattfinden kann. Wir hatten dreimal Luftalarm, und Mitwirkende, deren Veranstaltungen deswegen abgebrochen werden mussten, waren natürlich enttäuscht. Aber wir hatten intensive Tage mit viel Energie. Darüber bin ich froh.“