Auf der Suche nach einem Haus, in dem er seine „Wurzeln erfinden“ konnte, „in einem lebendigen Dorf, wo man im Lebensmittelgeschäft seine Einkäufe macht und zum Apéro ins Café geht, ein Haus in jeder Drôme provençale“ findet Hervé Le Tellier eine alte Poststation. An der Wand dieses Hauses liest er eines Tages, in den Rauputz eingeritzt, einen Namen: André Chaix.

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Um den Menschen dieses Namens geht es in dem der Résistance gewidmeten Buch des Autors, der für seinen Roman „Anomalie“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Der Widerstandskämpfer André Chaix hat von 1924 bis 1944 gelebt. Er wurde am 22. August 1944 auf einem Lkw der Résistance in einem Gefecht von einer deutschen Panzergranate getroffen.

Le Tellier schreibt ein außergewöhnliches Buch über einen, der für Frankreich und gegen Nazismus gestorben ist. Er geht der Spur des Namens nach, erfährt etwas über seine Familie, die Verlobte, die Schule und den Ausbildungsbetrieb dieses André.

Er stößt auf alte Fotos und baut sie zu einem kleinen, natürlich lückenhaften Album zusammen. Er findet handgeschriebene Briefe und Notizen, die er in seinem Nachruf auf André im Faksimile abdruckt. Er klärt über die ganz unterschiedlichen Quellen und Einheiten des französischen Widerstandes auf.

Hervé Le Tellier: „Der Name an der Wand,“ 160 Seiten, 24 Euro, Rowohlt. Foto: Rowohlt Verlag

Gelegentlich „erfindet“ der Autor – nicht fiktional, sondern im autobiografisch Kleinteiligen. Er macht sich Gedanken darüber, was André und seine Verlobte vielleicht im Kino gesehen haben und entwickelt einen hervorragenden Überblick über die während der deutschen Besetzung entstandenen Filme. Wie zum Beispiel „Jules und Jim“, der auf dem gleichnamigen Roman von Henri Roché beruht und 1941 in Dieulefit geschrieben wurde, der Kleinstadt, deren Bevölkerung mehr als 1500 Flüchtende, meist Juden, versteckte und rettete.

Le Tellier hält mit seiner Kritik an der „lässigen“ Aufarbeitung der Geschichte in Frankreich und der frühen Bundesrepublik nicht hinterm Berg. Er wechselt Anekdotisches mit Dokumentarischem, Persönliches mit Politischem.

Er verwendet Mittel der Reportage, versagt sich unangemessene Eleganz und wird dort deutlich, wo es ihm wichtig ist: Er nennt Namen und kompromittierende Funktionen der Mitgründer des Front National neben Jean-Marie Le Pen und zieht einen Bogen der Kontinuität zur Nachfolgepartei der Marine Le Pen, die soeben ihre Wählbarkeit eingebüßt hat.

In Frankreich hat das treffend von Romy und Jürgen Ritte ins Deutsche übersetzte Buch Furore gemacht. Es entreißt einen mutigen jungen Widerstandskämpfer dem Vergessen und mahnt zur rechten Zeit auf ungewöhnliche Weise die Einhaltung menschlicher und republikanischer Werte an.