Der private Wasserversorger Thames Water ist seit Jahren in wachsenden Schwierigkeiten, vor allem wegen eklatanter Misswirtschaft. Die Lage spitzt sich derzeit zu, eine Verstaatlichung wird immer wahrscheinlicher – und sie könnte gar nicht so teuer werden.
Großbritanniens größter Wasserbetrieb, Thames Water, wankt auf den Abgrund zu. Anteilseigner und Gläubiger ringen fiebrig um einen Rettungsplan, nachdem sich der Private-Equity-Fonds KKR letzte Woche vom Kauf des Unternehmens zurückgezogen hat. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Thames Water verstaatlicht werden könne – temporär oder dauerhaft –, wächst täglich.
Die Privatfirma, die in London und umliegenden Gebieten rund 16 Millionen Menschen mit Wasser versorgt und die Kläranlagen betreibt, kämpft seit vielen Jahren mit wachsenden Problemen. Im Kern geht es um eklatante Misswirtschaft auf Kosten der Kunden und der Umwelt.
Folgen der Privatisierung
Ein Rückblick: Das englische Wassersystem wurde 1989 privatisiert, und die einzelnen Firmen erhielten Monopole in bestimmten Gebieten. In den folgenden Jahrzehnten luden sie sich Milliarden Pfund an Schulden auf, zahlten dicke Dividenden – aber vernachlässigten die Infrastruktur. Thames Water ist ein besonders eklatanter Fall. Unter der Eigentümerschaft des australischen Anlagefonds Macquarie von 2006 bis 2017 zahlte das Unternehmen 2,8 Mrd. Pfund an Dividenden aus, so eine „Guardian“-Analyse.
Die Schulden verdreifachten sich in dieser Zeit auf 10,8 Mrd. Pfund. In die Aufrechterhaltung der Infrastruktur wurde aber viel zu wenig Geld gesteckt – mit absehbaren Folgen: Die Leitungen wurden löchrig, sodass immer mehr Wasser versickerte, und wegen mangelnder Investitionen in Kläranlagen pumpte das Unternehmen immer mehr Dreckwasser in Flüsse und Seen. Als Sarah Bentley 2020 den Vorsitz von Thames Water übernahm, sagte sie, das Unternehmen sei „durch eine Kombination aus schlechten Managemententscheidungen, aggressiver Kostensenkung und Jahrzehnten der Unterinvestition ausgehöhlt worden“.
Seither rutschte Thames Water immer tiefer in die Bredouille. Wegen der steigenden Zinssätze sind die Schulden in den vergangenen drei Jahren zunehmend untragbar geworden. Derzeit beläuft sich der Schuldenberg auf fast 20 Mrd. Pfund. Unterdessen pumpt das Unternehmen weiterhin tonnenweise Abwasser in die Natur. Ende Mai wurde es von der Regulierungsbehörde Ofwat zu einer Rekordbuße von fast 123 Mio. Pfund verdonnert, der Großteil wegen Umweltverschmutzung. Mehrere Dutzend weitere Ermittlungen gegen Thames Water sind am Laufen. Ungeachtet solcher Verstöße verlangt Thames Water mehr Geld von seinen Kunden: Im April setzte das Unternehmen den Wasserpreis um 31 Prozent herauf.
Unterdessen versucht das Unternehmen, das nötige Kleingeld aufzutreiben, um die Insolvenz abzuwenden. Zuletzt hoffte man auf KKR: Zwei Monate lang nahm der US-amerikanische Investmentfonds das Unternehmen unter die Lupe, die Eigentümer erwarteten, dass er Thames Water kaufen werde. Aber letzte Woche sagte KKR: No thanks. Der Fonds fürchtet sich offenbar vor politischer Einmischung, zudem sei die Situation zu komplex, wie die „Financial Times“ berichtet. So sind die derzeitigen Gläubiger in die Bresche gesprungen. Sie haben am Dienstag eine Finanzspritze von fünf Mrd. Pfund sowie einen größeren Schuldenschnitt vorgeschlagen. Im Gegenzug haben sie aber eine eher dreiste Forderung gestellt: Thames Water müsse vor strafrechtlicher Verfolgung wegen Umweltverschmutzung immun sein. Ein Industrie-Insider sagte gegenüber dem „Guardian“, es sei nicht weniger als ein „Erpresserbrief“.
Staat als Insolvenzverwalter
Die Möglichkeit, dass Thames Water kollabiert und notfallmäßig verstaatlicht werden muss, wird laut Analysten immer wahrscheinlicher. Der Fachbegriff lautet Special Administration Regime. Es ist eine Art Insolvenzverwaltung, bei der der Staat vorerst die Kontrolle über den Betrieb des Unternehmens übernimmt; Thames Water könnte neu strukturiert und an einen neuen Eigner verkauft werden – oder das Unternehmen könnte dauerhaft in staatliche Hände genommen werden. Dagegen sträubt sich die Regierung jedoch. „Eine Verstaatlichung ist nicht die Antwort“, sagte Umweltminister Steve Reed letzte Woche.
Der Regierung geht es vor allem um die Kosten. Sie sagt, es würde annähernd 100 Mrd. Pfund kosten, wenn alle zehn englischen Wasserbetriebe wieder verstaatlicht würden. Die Zahl stammt jedoch aus einer Kalkulation, die von vielen Fachleuten angezweifelt wird. Dieter Helm, Professor an der Universität Oxford und führender Experte für die Ökonomie der Infrastruktur, bezeichnet die Analyse als „ökonomischen Analphabetismus“. Auch die Ratingagentur Moody’s geht von deutlich weniger aus, sie schätzt die Kosten auf 14,5 Mrd. Pfund.
Vergangene Woche publizierte der Thinktank Common Wealth eine Studie, die von noch geringeren Kosten ausgeht: mehr oder weniger gar nichts. Die Regierung müsse den tatsächlichen Wert der Unternehmen kalkulieren, schreibt Ewan McGaughey, Rechtsprofessor am King’s College London, der die Studie verfasste. Das heißt zum Beispiel, dass die bereits bezahlten Renditen für die Aktionäre vom Marktwert abgezogen werden müssen; auch müssen die über die Jahre verursachten Umweltschäden miteinberechnet werden. Weder die Aktionäre noch die Gläubiger müssen vom Staat kompensiert werden, so McGaughey. Entsprechend könnte die Regierung ein Unternehmen wie Thames Water praktisch gratis übernehmen. Eine Verstaatlichung des gesamten englischen Wassersystems würde bei der Bevölkerung auf überwältigende Zustimmung stoßen. Laut einer Umfrage im vergangenen Sommer würden 82 Prozent der Bevölkerung eine staatliche Wasserversorgung begrüßen.
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