Sicherlich lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte: Es ist für Medienschaffende – und insbesondere auch für ESC-Fanmedien – zunehmend schwieriger, direkt von vor Ort über den Eurovision Song Contest zu berichten.

Ein Blick auf die Situation rund um die Proben: Es gab einmal eine Zeit – lang, lang ist’s her –, da durften Medien, egal ob professionell oder Fanmedium, hautnah und nahezu uneingeschränkt vom Eurovision Song Contest berichten. Medien konnten sich frei in der Halle bewegen und die Proben live verfolgen. Und wenn das nicht möglich war, wurden diese zumindest ins Pressezentrum übertragen.

Während der Pandemie wurde es dann sogar möglich, die Proben remote im Online-Pressezentrum zu verfolgen – von überall auf der Welt. Doch seit einigen Jahren – nicht zuletzt durch die Partnerschaft zwischen der EBU und TikTok – wurden die Berichterstattungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Von den Einzelproben gibt es seitdem lediglich offizielle Bilder und kurze Clips.


Weniger Akkreditierungen – weniger Zugang

Hinzu kommt, dass die Zahl der vergebenen Akkreditierungen deutlich zurückgegangen ist. Im Jahr 2011 in Düsseldorf waren noch etwa 2.500 Medienschaffende zugelassen. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts pendelte sich diese Zahl bei etwa 1.500 ein. Während der Pandemie sank sie natürlich noch weiter – aber: Seitdem hat man nie wieder die Zahlen von vor 2020 erreicht.

In Liverpool wurden lediglich 1.100 Medienvertreter*innen akkreditiert, in Basel waren es laut eurovision.tv sogar rund 100 weniger. Offizielle Zahlen zur Verteilung zwischen Fan- und klassischen Medien gibt es nicht, aber Fanmedien können sich mittlerweile nur noch für ein Fanmedienkontingent direkt bei eurovision.tv bewerben.

Das sind nur einzelne Beispiele – aber spätestens seit Basel dürfte auch dem Letzten klar geworden sein: Fan-Medien stehen beim ESC derzeit eher auf dem Abstellgleis. Woran ich das festmache? Ich unterteile das Ganze mal in zwei Akte.

Akt I: Abgesondert im Pressezentrum

Bereits in Malmö wurde das Pressezentrum in zwei Bereiche aufgeteilt – einer für klassische Medien, einer für Fan-Medien bzw. sogenannte „spezialisierte Presse“. Die Trennung wurde zwar beschildert, war aber leicht zu übersehen. Für Fan-Medien war weniger als ein Viertel der verfügbaren Tische reserviert – mit deutlich schlechterem Blick auf deutlich kleinere Bildschirme (s. unten).

Das Pressezentrum in Malmö war 2024 noch ein Ort der Begegnung: Nach den Proben wurden die Acts durch das Pressezentrum geführt – manche blieben stehen, gaben spontane Interviews, machten Selfies oder gaben sogar eine musikalische Einlage zum Besten. Man begegnete Künstler*innen ganz selbstverständlich, wie etwa Silia Kapsis, die sich mal eben am Bistro an mir vorbeidrängelte (wir sehen uns, Silia – man trifft sich immer zweimal im Leben). Courtney Act aus Australien bewunderte meinen Selfie-Stick (kein Euphemismus!) und unsere Blogger-Kollegin Berenike durfte Konstrakta treffen.

All das war in Basel schlichtweg nicht möglich. Der Bereich für Fan-Medien war deutlich vom übrigen Pressezentrum abgetrennt – er lag hinter dem Bereich für Pressekonferenzen, abgeschnitten vom Geschehen. Während man in Malmö von überall gute Sicht auf die großen Leinwände hatte, auf denen die Proben und Shows übertragen wurden, gab es im Bereich der Fan-Medien in Basel gerade einmal vier mittelgroße Fernseher.

Zwar tauchten in Basel doch vereinzelt Künstler*innen auf, wie Miriana aus Malta, die mit ihren Gummibällen für Aufmerksamkeit sorgte. Aber solche Momente blieben die Ausnahme.

Geografisch gesehen war das Pressezentrum in Basel nicht einmal weit entfernt von der Halle – es war in der benachbarten Eishalle untergebracht. Trotzdem wirkte die Distanz deutlich größer als in Malmö.

Akt II: Endstation Türkiser Teppich

Wer hoffte, wenigstens am Türkisen Teppich näher an die Acts heranzukommen, wurde enttäuscht. Benny und ich warteten gefühlt zwei volle Sonnentage vor einem schlecht organisierten Einlass, um überhaupt in den Medienbereich zu gelangen. Immerhin konnten wir die Zeit nutzen, um uns mit Kolleg*innen wie Kate von OGAE Rest of the World auszutauschen (liebe Grüße an dieser Stelle!).

Als wir endlich im Pressebereich waren, wurden wir in Sektionen eingeteilt – Fanmedien landeten in Sektion 7 von 7. Gemeinsam mit allen anderen Fan-Medien und Influencer*innen bildeten wir also auf engstem Raum das Ende der Schlange. Wir kämpften um jeden Millimeter und konnten uns schließlich direkt am Teppich positionieren.

Doch trotz der Hitze und stundenlangen Wartezeit kamen kaum Acts bis Sektion 7 von 7. Von 37 Delegationen fanden gerade einmal 11 den Weg zu den Fan-Medien – darunter kein einziges Big-5- oder DACH-Land. Alle Acts, die wir erwischt haben, findet Ihr übrigens im Kurzinterview auf unserem Instagram– und YouTube-Kanal. Für alle anderen war unser Bereich schlichtweg die letzte Station an einem für die Delegationen langen Nachmittag – zu spät, zu müde, zu krank, zu wenig Zeit.

Ein strukturelles Problem?

Nennt mich Verschwörungstheoretiker, aber: Ein abgeschotteter Bereich im Pressezentrum und die letzte  Mini-Sektion am Türkisen Teppich? Da kann man nur Absicht unterstellen. Zumal klassische Medien nicht automatisch eine größere Reichweite bei der ESC-Berichterstattung haben als die sogenannten Fan-Medien. Warum also diese Benachteiligung?

Sicherlich tragen einige Fans vor Ort Mitschuld. Wieder einmal tauchten in diesem Jahr unerlaubte Probenmitschnitte im Netz auf. Und in Malmö sorgten einige Fan-Medien durch ihr Verhalten für eine aufgeheizte Stimmung. Leidenschaft gehört zum ESC – wir alle brennen dafür. Aber wenn sie in Wut gegen Delegationen oder Künstler*innen umschlägt, dann überschreitet das die Grenze. Man erinnere sich nur an die heftigen Reaktionen auf Ronelas Proben in Turin – so etwas kann dazu führen, dass Acts ihren Auftritt ernsthaft überdenken.

Ein Appell

Wir von ESC kompakt investieren vor Ort Zeit, Herzblut – und auch einen großen Teil unseres Jahresurlaub. Nicht (nur) zum Feiern und Flanieren, sondern vor allem, um fundiert über den ESC zu berichten und unsere Infos und Eindrücke mit Euch zu teilen. Natürlich verstehen wir, dass es Regeln gibt – und dass sie manchmal verschärft werden müssen. Aber die ESC-Fan-Community ist seit Jahrzehnten ein Zugpferd dieses Wettbewerbs. Wir sorgen gemeinsam für den Hype, die Reichweite, das Herzblut.

Macht es uns bitte nicht noch schwerer, liebe Orga – nächstes Jahr in Österreich.

Jetzt seid Ihr wieder dran, was denkt ihr über die erschwerte Berichterstattung vor Ort? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

In unserer Reihe Bye Bye Basel bereits erschienen:

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