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Russlands früherer Verkehrsminister wurde Anfang der Woche leblos aufgefunden. Während Ermittler auf Suizid tippen, präsentieren Insider eine andere Theorie.

Kiew/Moskau – Am Montag (7. Juli) wurde der ehemalige russische Verkehrsminister und Gouverneur des Oblasts Kursk, Roman Starowoit, tot in der Kreisstadt Odinzowo unweit von Moskau aufgefunden. Wie russische und internationale Medien übereinstimmend meldeten, sei der hochrangige russische Politiker mit einer Schusswunde in seinem Auto entdeckt worden. Woran Starowoit konkret starb, bleibt Gegenstand von Ermittlungen, und bis dahin lautet seine vorläufige Todesursache Suizid.

Auffällig ist, dass am selben Tag auch Andrej Korneichuk, stellvertretender Leiter der Abteilung für Vermögensverwaltung im Verkehrsministerium, am selben Tag an seinem Arbeitsplatz an einem Herzinfarkt starb. Weil das plötzliche Ableben hochrangiger russischer Politiker im Umkreis von innerstaatlichen Vorkommnissen keine Seltenheit ist, haben auch Politikwissenschaftler verschiedene Theorien zu den jüngsten Todesfällen.

Plötzlicher Tod von Russlands Verkehrsminister regt Spekulationen an – auch ein zweiter Vertreter des Verkehrsministeriums starb

Nur wenige Stunden vor seinem Tod war der Bis-Dato-Verkehrsminister Starowoit von Kreml-Chef Wladimir Putin seines Amtes enthoben worden. Das Institute for the Study of War (ISW) geht davon aus, dass Starowoits Entlassung mit den Versäumnissen Russlands im Rahmen der ukrainischen Operation „Spider Web“ (Operation-Spinnennetz) in Verbindung stehen könnte, die von den ukrainischen Streitkräften am 1. Juni initiiert wurde. Mit dem Überraschungsangriff gelang es Kiew, ein Dutzend strategisch besonders bedeutende Bomber der russischen Luftstreitkräfte zu zerstören, darunter Tupolew Tu-95-, Tu-22M- und Tu-160-Modelle. Nahezu zeitgleich fanden Anschläge auf Eisenbahnen in Russland statt.

Die Ukraine konnte ihren Angriff im Rahmen der Operation „Spider Web“ so erfolgreich durchführen, weil es ihren Streitkräften gelang, Drohnen nach Russland zu transportieren und den Feind nach ihrer dortigen Stationierung von eigenem Territorium aus mit Luftangriffen zu attackieren. Die Drohnen wurden dabei in Frachtcontainer geladen, die in ganz Land Russland transportiert wurden. Sogar offenbar bis ins Oblast Amur im fernen Osten Russlands, wo der Militärflugplatz Ukrainka unweit der russischen Grenze zu China angegriffen werden sollte. Dort jedoch schlug der ukrainische Angriff fehl. 

Nach Operation „Spinnennetz“ will der neue Verkehrsminister Russlands Warentransit untersuchen

Mit der Operation „Spinnennetz“ bewies die Ukraine unter der Federführung Wolodymyr Selenskyjs im Ukraine-Krieg eindrucksvoll, dass sie überall in Russland verheerende Angriffe ausüben kann. Für Wladimir Putin allerdings bedeutete die weitestgehend erfolgreiche Durchführung der Operation eine Schmach eines bis dahin nicht für möglich gehaltenen Ausmaßes, wie mitunter auch die New York Times attestierte. Für sie lässt sich nach Putins Ansicht offenbar auch das Verkehrsministerium verantwortlich machen, zumindest könnte die Entlassung von Verkehrsminister Starowoit rund fünf Wochen nach dem Aufsehen erregenden „Spinnennetz“-Angriff dafür sprechen. 

Russlands Ex-Verkehrsminister wurde Anfang der Woche tot aufgefunden. Während Ermittler einen Suizid nahelegen, werfen Insider eine andere Theorie auf.Fotomontage der Beerdigung des verstorbenen Ex-Verkehrsministers Roman Starowoit (l.) und Wladimir Putin (r.) © imago/Montage

Andrei Nikitin, bis dato stellvertretender Verkehrsminister, wurde nach Starowoits Tod von Kreml-Chef Putin zum Nachfolger im Spitzenamt des Verkehrsministeriums erklärt. Und Nikitin betonte dem ISW zufolge während eines Treffens mit Putin am 7. Juli, nun Maßnahmen ergreifen zu wollen, um den Warenverkehr innerhalb Russland zu überwachen und unbemannte Fracht ausfindig zu machen. 

Mit dem Tod des Verkehrsminister könnte Wladimir Putin eigene Fehler bei der Operation „Spinnennetz“ verschleiern wollen

Vor seiner Zeit als russischer Verkehrsminister war Starowoit als Gouverneur des Oblasts Kursk (2018–2024) tätig. Auffällig ist, dass der im April 2025 wegen Betrugs verhaftete Alexej Smirnow – der nach Starowoit ebenfalls Gouverneur Kursks war – im Falle des Diebstahls von mindestens einer Milliarde Rubel (rund elf Millionen Euro), die eigentlich für den Bau von Verteidigungsanlagen an der russisch-ukrainischen Grenze im Oblast Kursk vorgesehen waren, gegen Starowoit aussagte.

Dazu noch zeigte sich Putin selbst nicht bereit, Versäumnisse im Zusammenhang mit der erfolgreichen ukrainischen Operation „Spinnennetz“ einzugestehen, sodass es naheliegend scheint, dass der Kreml-Chef die Schuld dafür anderen anlasten wollte. Oder, dass Putin versucht, eigene Fehler im Rahmen der Operation „Spinnennetz“ zu vertuschen.

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Neben der „Spinnennetz“-Operation schaffte es auch der Einmarsch ukrainischer Truppen in die russische Grenzregion Kursk im August 2024, für eine Überraschung zu sorgen. Damit dürfte dem Kreml die Arbeit dortiger Funktionäre im Besonderen ein Dorn im Auge gewesen sein.

Widersprüchliche Berichte zum Todeszeitpunkt von Putins Ex-Verkehrsminister

Außerdem führten widersprüchliche Berichte zum Todeszeitpunkt zu Verwirrung über die Ereignis-Abfolge an Starowoits Todestag. Andrej Kartapolow, Verteidigungsausschuss-Vorsitzender in der Staatsduma, sagte am 7. Juli, Starowoit sei „schon vor einiger Zeit gestorben“, während Quellen wie Forbes und RBC berichteten, der Tod des Verkehrsministers habe sich in der Nacht des 5. Juli ereignet. Der Pressedienst des russischen Verkehrsministeriums meldete jedoch am 6. Juli, Starowoit habe an diesem Tag eine Sitzung betreffend eines Unfalls im Hafen von Ust-Luga unweit von Sankt Petersburg geleitet. 

Der Politikwissenschaftler Michail Winogradow sagte der Deutschen Welle, der plötzliche Tod Starowoits und die Unklarheiten betreffend seines Todeszeitpunktes seien ein Indiz für „Chaos und leichte Panik in den Regierungsstrukturen“ innerhalb des Kreml. Er machte zudem darauf aufmerksam, dass Starowoits Nachruf lediglich auf der Website des Verkehrsministeriums publiziert worden sei, und das erst nach der Bekanntgabe der Ernennung eines neuen Ministers. (fh)