Jüngste Umfragen zeigten erstaunliche Resultate: Die Russen halten Deutschland für besonders feindselig, während die USA plötzlich viel positiver gesehen werden. Der Soziologe Lew Gudkow relativiert das. Er sieht darin vor allem einen Ausdruck der Kriegsmüdigkeit.

Ein Paar spaziert auf einer mit Blumen geschmückten Brücke beim Kreml im Moskau. Der üppige Blumenschmuck ist Teil des Programms «Sommer in Moskau» zur Verschönerung des städtischen Raums. Ein Paar spaziert auf einer mit Blumen geschmückten Brücke beim Kreml im Moskau. Der üppige Blumenschmuck ist Teil des Programms «Sommer in Moskau» zur Verschönerung des städtischen Raums.

Yuri Kochetkov / EPA

Moskau quillt von Blumen über. Sie hängen in Blumenkästen an Brückengeländern, sie wachsen aus Töpfen am Strassenrand und ranken sich in den Fussgängerzonen an Pergolen aus Metall empor. «Sommer in Moskau» heisst das Programm, mit dem die Stadtregierung die Bevölkerung und die Gäste erfreuen will. In Gassen, auf Plätzen und in vielen Pärken wurden Bühnen aufgebaut, für sportliche und kulturelle Veranstaltungen. Nur mit dem Sommer war es bis anhin so eine Sache: Bis Anfang Juli wollte er einfach nicht kommen. Es regnete und war grau und kalt.

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An einem der ersten lauen Sommerabende findet auf offener Bühne in der Innenstadt ein Boxkampf statt. Der eigentliche Krieg, ein paar hundert Kilometer südwestlich, wird verdrängt. Selbst das nun regelmässig wiederkehrende Chaos im Flugverkehr wegen der ukrainischen Drohnenangriffe ändert daran nichts. Das Brot und die Spiele des Moskauer Bürgermeisters Sergei Sobjanin scheinen zu wirken.

Die Deutschen als Hauptfeinde?

Nach mehr als drei Jahren Krieg ist die russische Gesellschaft ermüdet. Lew Gudkow, Forschungsdirektor des Lewada-Zentrums und der Doyen unter Russlands Soziologen, spricht gar von Ausweglosigkeit, die die Menschen erfasst habe. Das Institut, das er einst zusammen mit seinem Lehrer und Mentor Juri Lewada begründete, hält trotz Schikanen an der unabhängigen soziologischen Forschung fest. Das Etikett «ausländischer Agent» klebt lästig an ihm und schreckt potenzielle Auftraggeber ab.

Vor kurzem sorgte eine der Umfragen, die das Lewada-Zentrum in regelmässigen Abständen durchführt, für Aufsehen. Es hatte nach «freundlichen» und «unfreundlichen» Staaten und dem Verhältnis zum Westen gefragt. Diese Kategorien hatte der russische Staat zu Beginn des Ukraine-Krieges eingeführt, um Länder, die Russlands Krieg unterstützt oder zumindest keine Strafmassnahmen verhängt hatten, von denjenigen zu unterscheiden, die Sanktionen erlassen und den politischen Austausch auf ein Minimum beschränkt hatten.

Unter den «unfreundlichen» Staaten schwang in der neuen Umfrage plötzlich Deutschland obenaus, danach folgten Grossbritannien und die Ukraine.

Die USA, jahrelang zum Bösewicht schlechthin stilisiert und der traditionelle militärische Gegner der Sowjetunion und Russlands, rutschten von Platz eins auf Platz vier ab. Nur noch 40 Prozent der Befragten sahen in ihnen eine feindselig eingestellte Macht, im Unterschied zu 55 Prozent bei Deutschland. Sind die Deutschen zu den Hauptfeinden der Russen geworden?

Grosse Erwartungen an Trump

In seinem Büro mitten in Moskau, wenige hundert Meter vom Roten Platz entfernt, wägt Gudkow sorgfältig ab. «Das positivere Amerika-Bild und die negativere Einschätzung Deutschlands hingen mit einer Person zusammen: Donald Trump», sagt Gudkow. Schon dessen Wahlkampagne habe in Russland hohe Erwartungen geweckt. Die Russen, meint er, wollten den Krieg hinter sich lassen. Weil Wladimir Putin nicht dazu bereit gewesen sei, ihn zu beenden, sei Trump zum Hoffnungsträger geworden. 51 Prozent finden ihn sympathisch, ein Wert, auf den jeder russische Minister nur mit Neid blicken kann.

In dieser Erwartungshaltung steckt auch Verzweiflung: In ihrer Ausweglosigkeit setzen die Russen auf die Tatkraft eines Mannes, dem sie Macht zubilligen, den Krieg so zu beenden, dass Putin zustimmen kann. Deutschland, Grossbritannien und Polen dagegen rücken bei den «unfreundlichen» Staaten in den Vordergrund, weil sie die bisherige Politik gegenüber der Ukraine und Russland fortsetzten, im Unterschied zu den USA. «Deshalb entsteht der Anschein, als wären sie die Hauptfeinde», sagt Gudkow. Die Auftritte europäischer Politiker, besonders des deutschen Kanzlers Friedrich Merz, trügen zu dem Eindruck bei.

Für den 76-jährigen Soziologen ist aber ebenso klar: «Das bedeutet nicht, dass Deutschland tatsächlich als grösster Feind angesehen wird.» Es gebe eine grosse Sehnsucht nach der Rückkehr zu früheren Beziehungen zum Westen. Darunter verstünden die Leute Verhältnisse wie zu Zeiten des letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow oder der frühen neunziger Jahre. 80 Prozent wünschten sich das für Deutschland. Die Hälfte halte das unter den gegebenen Umständen für unmöglich; die andere Hälfte glaube daran, dass es möglich wäre, wieder aufeinander zuzugehen.

Lew Gudkow, Soziologe am Moskauer Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum Lew Gudkow, Soziologe am Moskauer Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum

Imago

«Die Russen sehen in Deutschland keine starke militärische Macht», sagt er. «Und von der Nato haben sie eine sehr ungenaue Vorstellung.» Gudkow erklärt sich die Feindseligkeit deshalb mit der Trägheit früherer Einstellungen. Es gehe weniger darum, dass die Leute glaubten, vom Westen gehe eine reale Bedrohung aus. Vielmehr spiegele sich darin der Eindruck, der Westen habe etwas gegen Russland und verachte es. Diese Ressentiments würden von der Propaganda gefüttert. Gudkow spricht von «ideologischem Müll». Er erwartet, dass auch die Vereinigten Staaten wieder negativer gesehen würden, sobald die Euphorie um Trump verflogen sei.

Putin profitiert von antiwestlichen Aufwallungen

Die antiwestlichen Gefühle haben eine Vorgeschichte, ohne die die heutigen Verhältnisse nicht zu verstehen sind. «Feinde sind unabdingbar für das Putin-Regime», sagt Lew Gudkow und blendet zwanzig Jahre zurück. In den vom Westen begrüssten Regierungswechseln in Georgien und in der Ukraine 2003/04 und im Streben dieser Staaten in die Europäische Union und die Nato sieht er den Anfang der Böswilligkeit gegenüber dem Westen. Die Münchner Rede Putins von 2007 machte das offensichtlich. Mit dem Georgien-Krieg 2008 sei es zur antiwestlichen Aufwallung gekommen und zu einer ersten Konsolidierung rund um Putin seit 2000.

Die eigentliche Konsolidierung der Gesellschaft geschah 2014 im Jubel über die Einverleibung der Halbinsel Krim. Dem war der Winter 2011/12 vorausgegangen, als der Unmut über Putins Rückkehr in den Kreml und Unregelmässigkeiten bei der Dumawahl zu grossen Protesten geführt hatte. Ende 2013 war die Zustimmung zu Putin so tief wie nie – 47 Prozent wollten ihn nicht mehr. 75 Prozent waren gleichzeitig der Meinung, Russland solle sich nicht in der Ukraine einmischen, wo auf dem Kiewer Maidan der Protest gegen die Regierung immer markanter wurde. Dann habe eine geradezu «phantastisch anmutende Kampagne» aus den Ukrainern Faschisten und Neonazis gemacht. Seither seien die politischen Proteste kontinuierlich zurückgegangen.

Die Gesetzgebung ist viel repressiver geworden. Die Rhetorik gegenüber dem Westen wurde immer aggressiver, und die Propaganda suggerierte, eine militärische Konfrontation mit dem Westen werde unausweichlich. Für Gudkow war der Weg zum umfassenden Krieg gegen die Ukraine deshalb vorgezeichnet. Dieser trieb die Zustimmungsraten für Putin in neue Höhen – auch vor dem Hintergrund der westlichen Sanktionen und der Verurteilungen durch die Vereinten Nationen, die die Propaganda als Zeichen von «Russophobie» darstellte.

Der Westen bleibt Orientierungspunkt

«Die antiwestlichen Gefühle sind daher nicht spontan entstanden, sondern sind ein Resultat der steten Propaganda und der Verdrängung regimekritischer Medien», sagt Gudkow. Die Leute seien nicht in der Lage, das zu hinterfragen. «Dass die Preise steigen, sehen sie selbst, aber was wissen sie über Merz?» So nähmen sie das hin, was ihnen erzählt werde. Trotzdem bleibt der Westen Orientierungspunkt für die Entwicklung und die Kultur.

Unter den Ländern, die als besonders «freundlich» bezeichnet würden, könnten sich die wenigsten etwas vorstellen, meint der Soziologe und macht eine wichtige Differenzierung: Wenn die Sympathien für Nordkorea seit 2022 zugenommen hätten, habe das nichts mit Anziehungskraft zu tun, sondern mit der Bedeutung, die die Propaganda dem Land durch dessen Hilfe im Ukraine-Krieg zumesse. Das Konsumverhalten sei wichtiger als ideologische Stereotype. Vieles ist tatsächlich dem Opportunismus geschuldet: Chinesische Autos, die seit 2022 den russischen Markt überschwemmen, werden vor allem deshalb gekauft, weil es kaum noch Alternativen zu ihnen gibt.

Gudkow hält die Propagandaerfolge für nicht sehr nachhaltig. «Insgesamt glaube ich, dass die Erzählung vom Niedergang Europas nicht so richtig funktioniert.» Bei Kindern, die nun mit dem neuen Schwall an «patriotischer» Erziehung und antiwestlichen Losungen aufwachsen, sieht er durchaus eine Wirkung. Aber er hält sie für eher kurzfristig. Je älter diese Jugendlichen würden, desto attraktiver werde die westliche Massenkultur.

Er glaubt nicht, dass eine aggressiv gestimmte neue Generation heranwachse. Unter jungen Russen sei politische Apathie am stärksten ausgeprägt. «Es handelt sich nicht um die iranische oder die nordkoreanische Gesellschaft. Widerstand gegen das Regime geht von ihr nicht aus, aber auch keine fanatische Überzeugung», sagt er.

Wunsch nach Frieden

Das prägt auch das Verhältnis zum Krieg gegen die Ukraine. Mittlerweile wollen gemäss Lewada-Umfragen 64 Prozent Friedensverhandlungen, nur 28 Prozent sind dafür, den Krieg fortzusetzen. Aber das drücke mehr eine Stimmung aus. Kanäle, um dieser Haltung Ausdruck zu verleihen, fehlten, erläutert Gudkow. Die Frage ist auch, was sich die Befragten unter «Friedensverhandlungen» vorstellen. «Die Leute erwarten die Kapitulation der Ukraine und wiederholen Putins Forderungen von der Ausmerzung der ursprünglichen Gründe des Konflikts», sagt der Soziologe. Aber je ermüdeter sie vom Krieg seien, desto offener für Lösungen seien sie – solange es keine eindeutige Niederlage bedeute.

Gudkow beschreibt die russische Gesellschaft im vierten Kriegsjahr als Gesellschaft der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die Leute distanzierten sich vom Geschehen, indem sie sagten, sie hätten ohnehin keinen Einfluss darauf und die Politiker machten sowieso, was sie wollten. Die soziale Anpassung führe zu «Doppeldenk» und sei eine Überlebensstrategie. Das produziert viele Widersprüchlichkeiten – je nach Frage sind zwei Drittel für den Krieg und treten gleich viele für dessen Ende ein.

Wenig Aussichten auf Wandel

Soziologische Untersuchungen des Projekts «Chroniki», das der Moskauer Oppositionspolitiker Alexei Miniailo mit Gleichgesinnten kurz nach Kriegsbeginn ins Leben rief, zeigten im Winter: Eine Mehrheit der Russen klagt mittlerweile über Beeinträchtigungen des Lebens, die auf den Krieg zurückgehen. Aber auch dessen Ende wird grosse Erschütterungen bringen. «Die Demobilisierung wird eine Krise auslösen», sagt Lew Gudkow.

Prognosen will er keine wagen. Sollte Russland eine Niederlage erleiden, sei die Entwicklung erst recht unvorhersehbar. «Für das Regime geht niemand auf die Strasse, das hat die Prigoschin-Rebellion gezeigt», meint er. Aber die Sehnsucht nach einem Wandel, wie sie eine Studie 2019 noch in der russischen Gesellschaft ausgemacht hat, sieht er auch nicht. In ihrer Ohnmacht und Ermüdung lassen sich die Menschen von Brot und Spielen einlullen und konzentrieren sich auf das engste Umfeld.