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Für Putins Kritiker zieht sich die Schlinge weiter zu. Ein verrücktes Indiz: In Russland sind vier Kinderbuch-Bände neuerdings „ab 18“.

In Russland stehen neuerdings mehrere „Pettersson und Findus“-Bücher auf dem Index: Vier Bände der Kinderbuch-Reihe sind erst ab 18 Jahren zugänglich. Der russische Verlag Albus Corvus hatte im Juni einen vorübergehenden Verkaufsstopp für die Bände angekündigt.

Das wirkt absurd, ist aber Realität in Putins zunehmend repressiv-paranoidem Reich. Und die Behörden störten sich nicht etwa an vermeintlich antirussischen, allzu liberalen oder pazifistischen Inhalten. Putin verfolgt vielmehr seine Kritiker bis weit über die Grenzen des Politischen hinaus. Die Bücher sind mittlerweile wieder erhältlich – in Folie verpackt, mit Warnhinweisen und eben (offiziell) nur für Volljährige. Aber das Problem wird wohl fürs Erste fortbestehen. Einige Beobachter sehen gar aktuell eine „neue Welle der Zensur“, wie die in Russland geborene Slawistin Dr. Daria Krushcheva der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA sagt.

Wladimir Putin in einer Bildmontage vor einer Puppentheater-Aufführung von „Pettersson und Findus“ in Velbert (NRW)Wladimir Putin hat vermutlich gar nichts gegen Pettersson und Findus (hier in einem Puppentheater in Velbert, NRW). © Montage: Mikhail Metzel/Russian Presidential Press and Information Office/Kim Kanert/Funke Foto Services/ImagoPutin auf Autoren-Jagd: Sogar „monopolartige“ Groß-Verlage geraten in Russland unter Druck

Altersbeschränkungen wie bei „Pettersson und Findus“ machen nur einen kleinen Teil der Sorgen im russischen Literaturbetrieb aus. Khrushcheva von der Ruhr-Universität Bochum erklärt: „Das ist ein sehr sensibles Feld, denn in letzter Zeit geraten Verlage – auch große, man könnte sagen: monopolartige – in Russland zunehmend unter Druck.“ Ein Anlass für die Repressionen ist das Gesetz über „LGBT-Propaganda“. Ein weiterer die „Veröffentlichung von Büchern sogenannter ausländischer Agenten“. So ähnlich wie im Fall von „Pettersson und Findus“.

Denn die Übersetzerin der betroffenen Bände, Alexandra Polivanova, arbeitet auch für Memorial. Die Menschenrechtsorganisation erhielt 2022 den Friedensnobelpreis. In Russland war Memorial da jedoch schon vom Staat aufgelöst – die NGO arbeitet unter anderem Gewaltherrschaft in der Sowjetunion auf. Kein genehmes Thema im Russland von Wladimir Putin. Polivanova wurde wie Memorial als „ausländische Agentin“ eingestuft, ihr Name soll nun offenbar aus der Öffentlichkeit verschwinden. Das Vorgehen stellt ein ernstes Problem für potenzielle und tatsächliche Betroffene dar, wie Khrushcheva bestätigt.

Putins Russland: Ein Krimiautor als „Terrorist“ – „Zensur“ wie in der Sowjetunion?

Denn die russischen Behörden beäugen nicht nur „ausländische Agenten“, sondern auch Verbindungen zu „unerwünschten Organisationen“. „Darüber hinaus wurde einigen Schriftsteller:innen der Status von Extremisten oder Terroristen zugewiesen – wie etwa im Fall von Boris Akunin“, berichtet Khrushcheva. Akunin war einst einer der erfolgreichsten Krimiautoren Russland, fordert aber freie Wahlen und kritisiert den Ukraine-Krieg.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthabern in BildernBekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.Fotostrecke ansehen

Verlage entfernten in solchen Fällen Bücher und Erwähnungen aus ihren Beständen und Online-Präsenzen. „Es scheint, als handele es sich um eine neue Welle der Zensur“, fügt Khrushcheva hinzu. Es gehe womöglich darum, einzuschüchtern. Oder auch zu zeigen, „dass alles unter Kontrolle steht und jede Handlung Konsequenzen haben kann“. Schon 2024 erstellten Verlage in vorauseilendem Gehorsam eine Liste mit rund 300 Werken möglichen homosexualitäts-freundlichen Inhalts, wie die russische Journalistin Anna Narinskaya in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. schrieb.

Debattiert wurde in Russland zuletzt auch, tatsächlich zu einer Sowjet-Praxis zurückzukehren: zur Zensur vor Veröffentlichung eines Werkes. Das hätte, so zynisch es klingt, gewisse Vorteile für die Betroffenen: Sie würden nicht in Angst vor späterer Strafverfolgung leben. So argumentierte jedenfalls Zensur-Verfechter Michail Schwydkoj, immerhin Kultur-Sondergesandter Putins. Der Literaturwissenschaftler Michail Edelschtein bezweifelte allerdings, dass das eine realistische Option ist. Der russische Staat benötige genau diese Unsicherheit.

„Pettersson und Findus“ können zumindest Volljährige wieder kaufen – doch in Russland regiert die Angst

Staatliche Repressionen und private Selbstzensur bedrohen indes Karrieren und Existenzen. Auch wenn im Fall der schwedischen Kinderbücher eine Lösung gefunden wurde: Die „Pettersson und Findus“-Bände sind nun wieder erhältlich – in Folie verpackt, mit einem Hinweis auf die „ausländische Agentin“ und dem Vermerk „18+“ versehen. Für lesefreudige Kinder sind die Auswirkungen gering, da ihre Eltern die Bücher kaufen oder ausleihen können.

Doch bei den Verlagen herrscht tatsächlich Angst. Im Mai wurden laut einem Bericht von Meduza zehn Mitarbeiter des Großverlages Eksmo festgenommen, weil bei der Tochterfirma Popcorn Books „LGBT-Propaganda“ erschienen sein soll: „A Summer in the Red Scarf, ein Roman von Katerina Silvanova und Elena Malisova über eine Romanze zwischen zwei Jungs in einem Sowjet-Sommerlager“, erläuterte das russische Exil-Medium.

Die Botschaft des Kreml ist klar: Wer nicht alles Missliebige entfernt, gefährdet nicht nur den Verlag, sondern auch die eigene Freiheit. Im Vergleich dazu bereiten die Hintergründe für das Verschwinden der Mumins aus Russland fast schon Zuversicht.