Wegen ausufernder Gewalt im Drogenmilieu führt die südfranzösische Stadt Nîmes eine nächtliche Ausgangssperre für Jugendliche ein. Die Massnahme gilt in Brennpunktvierteln und soll die Bevölkerung beruhigen. Eine dauerhafte Lösung ist sie nicht.
Eine von sechs «zones à urbaniser en priorité», in der ein Ausgehverbot für Jugendliche verhängt wurde: Die Hochhaussiedlung Pissevin in Nîmes
Patrick Aventurier / Abaca / Imago
Das Fremdenverkehrsbüro von Nîmes in Südfrankreich bietet eine Stadtführung an, die sich «Nîmes und das Verbrechen» nennt. Touristen werden zu alten Gefängnissen, Hinrichtungsstätten oder Schauplätzen spektakulärer Morde geführt. Nicht enthalten ist in dem Programm ein Rundgang durch das Quartier Pissevin im Westen der Stadt, das derzeit auch durch kriminelle Aktivitäten von sich reden macht.
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In Pissevin geben schon seit Monaten die Mitglieder rivalisierender Drogenbanden den Ton an: junge Männer, oft Minderjährige, zumeist mit maghrebinischen Wurzeln, die sich mit schweren Waffen und Sturmhauben ausrüsten und zwischen den Wohnblocks patrouillieren. Sie legen Brände, attackieren Einsatzkräfte und liefern sich Schiessereien mitten am Tag. Und immer wieder geraten dabei auch Unbeteiligte zwischen die Fronten.
«Klima der Angst und des Terrors»
Jüngst eskalierte die Gewalt in Nîmes so sehr, dass die Behörden jetzt zu einer drastischen Massnahme griffen und eine Ausgangssperre für Pissevin und fünf weitere Brennpunktviertel der Stadt verhängten. In den betroffenen Hochhaussiedlungen, die in Frankreich als sogenannte «zones à urbaniser en priorité» gelten, dürften seit Montag Jugendliche unter 16 Jahren zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht mehr allein auf die Strasse gehen.
«Seit einigen Tagen ist die Situation aufgrund der bewaffneten Aktionen der Narco-Terroristen unhaltbar», begründete der konservative Bürgermeister von Nîmes, Jean-Paul Fournier, die Massnahme. Die Ausgangssperre solle Minderjährige schützen, sagt er; und zwar sowohl jene, die nichts mit dem Drogenhandel zu tun haben, als auch diejenigen, die Gefahr laufen, von den Banden als Kuriere, Späher oder Boten zwangsrekrutiert zu werden.
Es sei in Teilen der Stadt ein «Klima der Angst und des Terrors» entstanden, das das tägliche Leben zunehmend lahmlege, erklärte Fournier weiter. Schulen, Apotheken und Sozialzentren hätten zeitweise schon schliessen müssen, weil sich Mitarbeiter nicht mehr sicher fühlten. Gelten soll die Ausgangssperre zunächst für fünfzehn Tage, danach ist sie, falls nötig, verlängerbar.
2023 wurde ein Zehnjähriger in Nîmes erschossen. Er geriet zwischen die Fronten zweier rivalisierender Drogenbanden.
Patrick Aventurier / Abaca / Imago
Auch anderswo in Frankreich wird mittlerweile zu ähnlichen Mitteln gegriffen. In Béziers, rund hundert Kilometer von Nîmes entfernt, hat der Bürgermeister Robert Ménard, der dem rechtsnationalen Rassemblement national nahesteht, bereits im Frühjahr ein nächtliches Ausgehverbot für Jugendliche unter 15 Jahren erlassen. Trotzdem eskalierte am vergangenen Samstag auch dort die Lage, als vermummte Jugendliche Polizisten mit Mörsern angriffen und ein Wohnhaus in Brand geriet.
In der Gemeinde Triel-sur-Seine im Département Yvelines bei Paris gilt seit Anfang Juli bis November ebenfalls eine Ausgangssperre. Hier dürfen sich Minderjährige zwischen 23 und 5 Uhr nur noch mit Erlaubnis ihrer Eltern im Freien aufhalten. Nicht jedem gefällt das. Ein Vertreter der örtlichen Sektion der Menschenrechtsliga kritisierte im französischen Fernsehen, dass die Massnahme gegen das Recht auf Bewegungsfreiheit junger Menschen verstosse und besonders Minderjährige aus benachteiligten Verhältnissen treffe, die es sich nicht leisten könnten, ihre Ferien ausserhalb ihres Wohnorts zu verbringen.
Verstörende Botschaften
In Nîmes war in der vergangenen Woche ein 19-Jähriger erschossen worden, der als Drogenkurier tätig war. Seine verkohlte Leiche fand man später in einem Dorf in der Umgebung. Nach Angaben der Polizei stand die Tat im Zusammenhang mit dem eskalierenden Bandenkrieg zwischen lokalen Dealergruppen und der sogenannten DZ-Mafia, einem kriminellen Netzwerk mit Ursprung in Marseille. Die DZ-Mafia versucht derzeit, ihren Einfluss im Rest des Landes auszubauen und konkurrierende Strukturen auszuschalten.
Besonders verstörend war eine Botschaft, die sich wenige Tage nach dem Mord über soziale Netzwerke verbreitete. In dem Video kündigt ein Vermummter an, jeden zu töten, der sich in das Viertel Pissevin wage – selbst kleine Kinder. «Wir werden sogar die Fünfjährigen töten», sagte er. Zeitgleich kursierten Aufnahmen, die mutmasslich die brutale Hinrichtung des 19-Jährigen zeigen.