Josep Planas hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Trauminsel aussehen sollte. Auf die ersten Abzüge schrieb der Fotograf präzise Anweisungen für seine Laboranten. Das Blau der Wellen vor dem neuen Hotel war ihm zu blass, der badenden Frau im dezenten Badeanzug verpasste er ein kräftiges Rot. Die Postkarten der „Casa Planas“ verwandelten Mallorca zum Sehnsuchtsort für Generationen von Touristen. Gut drei Millionen Bilder und mehr als 18.000 Karten hat Josep Planas hinterlassen. Den „Foto- und Postkarten-Magier“ nannte man ihn auf der Insel.

Mallorca früher: Pareja payeses in kultureller Kleidung.Mallorca früher: Pareja payeses in kultureller Kleidung.Planas Archive

Das Gedächtnis des modernen Massentourismus schlummert in einem unauffälligen Geschäftshaus in Palmas Stadtteil Es Fortí. Dort versucht Marina Planas, die farbenfrohen Aufnahmen ihres Großvaters vor dem Verblassen zu bewahren. Sie will sie nicht nur konservieren. „Mein Großvater war ein Visionär der Fotografie“, sagt die Enkelin. „Er erkannte die Chance, die die Demokratisierung des Tourismus bot.“

Den katalanischen Sohn eines Müllers hatte der Militärdienst 1945 nach Mallorca verschlagen. Als erfolgreicher Fotounternehmer hatte er jahrzehntelang das Postkarten-Monopol für die Balearen. Für Marina Planas war er auch ein großer Künstler. Sie selbst hat in New York Kunst studiert und auf der Biennale in Venedig ausgestellt. Dann kehrte sie nach Palma zurück und begann vor zehn Jahren, das Erbe ihres Großvaters wiederzubeleben.

Chronik einer Verwandlung: Die Fotos illustrieren, wie sich eine verschlafene Mittelmeerinsel zu einem überfüllten Tourismusziel entwickelte.Chronik einer Verwandlung: Die Fotos illustrieren, wie sich eine verschlafene Mittelmeerinsel zu einem überfüllten Tourismusziel entwickelte.Planas Archive

In der „Casa Planas“, in der schon seit Jahrzehnten keine Karten mehr produziert werden, riecht es immer noch nach Entwickler. Das Planas-Archiv ist nicht nur die größte Einrichtung dieser Art in Europa, die die Entwicklung des Massentourismus dokumentiert. Die 42 Jahre alte Marina Planas hat es auch in ein lebendiges Kultur- und Forschungszentrum verwandelt, mit Ateliers, interkulturellem Kino und einem Residenzprogramm für internationale Künstler, die die Kartenmotive ihres Großvaters neu erschließen.

„Seiner Kamera entging nichts“

Die knalligen Farben auf Schirmen und Markisen auf den Karten erinnern an Pop-Art. Die Urlauber auf den Liegestühlen könnten aus einem Gemälde von Edward Hopper stammen. Sie waren zum Teil Collagen. Marina Planas zieht ein ganzes Sortiment an blauen Himmeln aus einem Umschlag in der Schublade eines Stahlschranks. Um dem Traum nachzuhelfen, wurden sie aufgeklebt, falls das Original nicht schön genug war. Manchmal kam auch noch ein blühendes Mandelbäumchen aus einem anderen Umschlag dazu.

Lemar Hotel - Can Pastilla - 1967Lemar Hotel – Can Pastilla – 1967Planas Archive

Josep Planas i Montanyà, der 2016 starb, prägte mit seinem Monopol das Bild der Balearen. Er warb für einen Urlaubstraum, den sich nicht mehr nur Reiche, sondern auch Arbeiter leisten konnten. Und er lieferte das Bildmaterial für das Forschungszentrum seiner Enkelin, das sich kritisch mit den Folgen auseinandersetzt. „Die Insel ist überfüllt“, sagt Marina Planas. „Ich kann die Proteste nachvollziehen. Ich verstehe nicht, warum ein Tourist Lust hat, an einen Ort zu kommen, an dem er endlos Schlange steht, um bei 40 Grad an einen Strand zu gelangen. Tourismus? Okay! Aber bitte etwas weniger!“

Playas del ArenalPlayas del ArenalPlanas Archive

Ihr Großvater ist der Chronist der Verwandlung der einst verschlafenen Mittelmeerinseln. Seiner Kamera entging nichts. Planas dokumentierte praktisch jedes neue Hotel. Sein Archiv zeichnet die moderne Bau- und Architekturgeschichte nach: wie aus Familienpensionen Hotelkolosse wurden, aus dem Fischerdorf El Arenal der überlaufene „Ballermann“ und in Magaluf die ersten Hochhäuser aufragten. Die vielen Hotelprospekte in den Schränken zeichnen die Vorlieben für die Inneneinrichtung nach. Auch hierfür hatte Planas lange das Monopol auf den Balearen.

„Früher hielten Postkartenmotive viele Jahre. Jetzt tauchen innerhalb weniger Monate überall neue Hotels, Ferienhäuser oder gar ein neues Stadtviertel auf. Die Landschaft verändert sich andauernd“, klagte er einmal in einem Zeitungsinterview. Der Fotograf begriff das als Herausforderung, für die er neue Lösungen fand. „Er war seiner Zeit weit voraus, reiste ständig ins Ausland, um sich weiterzubilden, besonders nach Deutschland, wo er sich in Farbentwicklung und industrieller Bildproduktion ausbilden ließ“, sagt Marina Planas. In der Bundesrepublik kaufte er eine Anlage für Entwicklung und Druck, die zu den modernsten in ganz Spanien gehörte. Er war technikbegeistert und hinterließ eine riesige private Kamerasammlung. Auch Miniaturgeräte für Spionagezwecke sind dabei.

Planas nutzte für seine Postkarten auch Motive, die für die Balearen nicht unbedingt typisch sind, wie die Flamencotänzer.Planas nutzte für seine Postkarten auch Motive, die für die Balearen nicht unbedingt typisch sind, wie die Flamencotänzer.Planas Archive

Auf der Suche nach einem neuen Blick kletterte er anfangs auf Leitern, die er ins Meer stellen ließ. In den Sechzigerjahren war er der erste europäische Fotograf mit einem eigenen Hubschrauber; es war der erste Hubschrauber auf den Balearen überhaupt, manchmal lieh ihn die Polizei für die Verbrecherjagd aus. In großen Buchstaben auf gelbem Grund prangte auf dem Zweisitzer der Firmenname. Rund 200 Mitarbeiter, eine Flotte kleiner Seat-Dienstwagen und mehr als zwei Dutzend Filialen hatte das Unternehmen.

Planas spielte in der Tourismusindustrie eine große Rolle

Der Autodidakt, der mit 16 Jahren seine erste Kamera zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, belieferte auch Nachrichtenagenturen mit Reportagen und Klatschgeschichten. Zum Beispiel, wenn Prominente die Inseln besuchten oder sich dort niederließen, der Maler Joan Miró, Schauspieler wie Errol Flynn und Charlie Chaplin. Wenig später gab es die Aufnahmen in seinem Geschäft an der Colón-Straße in Palma schon zu kaufen. Das war aber nur ein Nebengeschäft. An jede Ansichtskarte im Archiv ist eine Karteikarte mit den Verkaufszahlen geheftet. Das Motiv, das Marina Planas in der Hand hält, wirkt einfach, war aber offenbar sehr erfolgreich. Saftige Orangen hängen an einem Baum, für die damalige Zeit noch ein exotischer Anblick. „Diese Postkarte wurde 2221 Mal im Jahr 1968 verkauft, 3207 Mal im Jahr 1969 und 8276 Mal im Jahr 1970.“ Die Kathedrale von Palma verkaufte sich mit bis zu 100.000 Exemplaren im Jahr noch viel besser.

Bilder von gestern für morgen: Marina Planas will das Archiv ihres Großvaters erhalten. Doch das erweist sich als schwierig.Bilder von gestern für morgen: Marina Planas will das Archiv ihres Großvaters erhalten. Doch das erweist sich als schwierig.Ayelen Scavone

Die Bandbreite der Motive war groß. Auch Schinken, Flamenco, Toreros und Paellas tauchen auf, obwohl sie gar nicht typisch für die Balearen sind. Und immer wieder Frauen: Einheimische in traditioneller Tracht und Ausländerinnen freizügig am Strand oder am Schwimmbecken, mit einem Getränk in der Hand. Badende, die wie Bond-Girls aus den Fluten steigen. Der Tourismus öffnete das rückständige und unter dem Diktator Franco jahrzehntelang isolierte Land. Plötzlich trugen die Frauen an den Stränden Bikinis

Kollagen von Planas Werken verkauften sich immer gut.Kollagen von Planas Werken verkauften sich immer gut.Planas Archive

„Die Balearen waren das Experimentierlabor der Tourismusindustrie, dessen Ergebnisse später nach Asien und Lateinamerika exportiert werden sollten. Auf den Balearen wurde die ‚Marke Spanien‘ aufgebaut. Mein Großvater spielte dabei eine Hauptrolle“, sagt Marina Planas. Fachleute sprechen von „Balearisierung“, wenn sie diese Entwicklung in anderen Erdteilen beschreiben. In den grauen Jahren der Franco-Diktatur half der Fotograf mit, Mallorca zu einem Symbol für ein neues, weltoffenes Spanien zu machen: Tourismus-PR und Propaganda lagen eng beieinander. „Mein Großvater arbeitete Hand in Hand mit Francos Tourismusminister Manuel Fraga Iribarne.“

„Die Bilder sind in großer Gefahr“

Die Deviseneinnahmen wurden für das autoritäre Regime, das immer mehr verknöcherte, bis der Diktator vor 50 Jahren altersschwach und krank starb, überlebenswichtig. Aus mallorquinischen Familienbetrieben wurden große spanische Hotelkonzerne wie Barceló, Riu, Meliá und Iberostar. Sie sind international aktiv, aber immer noch auf den Balearen verwurzelt. Auf Mallorca wurde „all inclusive“ erfunden. „Spain is different“, so lautete der äußerst erfolgreiche Werbeslogan des Regimes, zu dem Josep Planas eine Menge beitrug. Sonne und Strände lenkten davon ab, dass in Spanien einer der letzten Langzeit-Diktatoren herrschte.

Strand von MallorcaStrand von MallorcaPlanas Archive

Doch für die eigene Vergangenheit interessiert man sich auf den Balearen kaum. Marina Planas ist erschöpft von einem langen Kampf: Am liebsten würde sie alles digital zugänglich machen – für Bürger, Forscher und Künstler auf der ganzen Welt. Doch dafür fand sie bisher kaum Unterstützung, obwohl die lokalen Hotelkonzerne Gewinne machen wie nie zuvor. Das Goethe-Institut zählt zu den wenigen Partnern, die sie fand. „Die Bilder sind in großer Gefahr“, sagt sie und meint damit nicht nur die Zeit, die dem Material immer mehr zusetzt. Ein Brand könnte alles vernichten, für die Nachwelt wäre dann alles verloren – vor allem aber fehlt der politische Wille, das eigene Kulturerbe zu bewahren und zu beschützen.

„Der konservativen Regionalregierung der Balearen ist das einmalige Archiv gleichgültig. Zwei Jahre lang haben wir daran gearbeitet, alle Vorgaben umzusetzen“, sagt Marina Planas. Auch die Zentralregierung in Madrid war schon an Bord und hätte ein Team von Fachleuten zur Verfügung gestellt, um 100.000 Bilder zu digitalisieren und ins öffentliche EU-Bildnetzwerk „Europeana“ zu stellen. Doch die Regionalregierung in Palma war nicht bereit, die Kosten für die Mitarbeiter zu übernehmen, die den Bestand katalogisieren und die Aufnahmen auswählen sollten. Andere spanische Regionen retteten ihre Archive, auf den Balearen drohe die Erinnerung an die Tourismuspioniere in Vergessenheit zu geraten, klagt Marina Planas.

Illetes Calvia 1959. Planas dokumentierte die Veränderung des Insellebens, er zeichnete die Bau- und Architekturgeschichte nach.Illetes Calvia 1959. Planas dokumentierte die Veränderung des Insellebens, er zeichnete die Bau- und Architekturgeschichte nach.Planas Archive

Aufgeben will sie nicht, aber sie hat frustriert schon darüber nachgedacht, alles an eine kommerzielle Bildagentur wie Getty und Corbis zu verkaufen – oder in die chilenische Atacama-Wüste zu schicken. Dort sind die klimatischen Bedingungen günstig und Bunker für ihren empfindlichen Schatz nicht teuer. Der Umzug ließe sich aus den Einnahmen der Vermietung ihrer Archivräume finanzieren. Ihr bliebe dann immer noch genug Geld, um in Palma gut zu leben. Aber es sind bisher nur Überlegungen, denn dann wäre das Erbe ihres Großvaters unerreichbar weit weg – wie auch seine Zeit.

Palma de MallorcaPalma de MallorcaPlanas Archive

Nicht nur auf Mallorca verschwinden an Kiosken und in Souvenirläden die letzten Postkarten. Das alte Ritual, per Hand einen Urlaubsgruß nach Hause zu schreiben, haben schnelle Selfies mit einem knappen Hashtag ersetzt. Zahllose Bilder entstehen in jeder Saison und verglühen im virtuellen Orbit bald wieder. Aber die Sehnsucht nach dem perfekten Urlaubsbild ist geblieben. Wo Josep Plana einst allein mit seiner Kamera stand, kämpfen heute Tausende Touristen an der „Instagram-Bucht“ Caló des Moro oder zum Sonnenuntergang an einem der Leuchttürme um den besten Foto-Spot.