Berlin – Bitte entschuldigen Sie, aber in regelmäßigen Abständen beweine ich den Zustand des Teufelsberges, der schon aus der Ferne so unappetitlich und verrottet aussieht.
Dieser weltberühmte Ort des Kalten Krieges, dieses Symbol des freien West-Berlin, sei zu einer lächerlichen Street-Art-Galerie geschrumpft, behauptete ich zuletzt.
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Das ließ Joachim F. Meier, Geschäftsführer der „Investorengemeinschaft Teufelsberg“, nicht auf sich sitzen. Er lud mich ein und führte mich gemeinsam mit Stefanie Reichelt, ihres Zeichens „Head of Strategy and Campus Development“, über den Berg.
Meier ist ein erfahrener Berliner Manager und hat den Auftrag der Eigentümer bekommen, die Reste der alten US-Abhöranlagen zu erhalten und zugänglich zu machen. Die Wissenschaftlerin Reichelt, die in Cambridge die „ArtCell Gallery“ gründete, soll das Gelände mit Leben füllen.
Damit sind beide in den vergangenen Jahren schon weit gekommen. Der Teufelsberg hat jetzt den Ruf, eine der weltweit größten Open-Air-Galerien für Street-Art zu sein. Als ich oben ankomme und von Herrn Meier am Tor begrüßt werde, da stehe ich mitten in einem sehr jungen internationalen Publikum, das angereist ist, um die monströsen Graffiti zu bewundern.
Die jungen Frauen und Männer haben mit ihrem Rucksack den Berg zu Fuß erklommen und Eintritt bezahlt und stehen nun andächtig vor den gigantischen Gemälden oder filmen sie.
Das Gebäude unter den berühmten Kuppeln hat keine Fenster mehr, aber auf mehreren Etagen Zwischenwände, die bemalt sind. Auf einer Außentreppe geht es in schwindelnder Höhe zu den Kuppeln, deren Skelett aus Aluminium auch nach 30 Jahren der Verwahrlosung noch stabil steht, während die Bedeckung aus Tuch zerschlissen ist.
Alle übrigen Gebäude auf dem Gelände sind sorgfältig bemalt und alles steht unter Denkmalschutz. Die Innenräume lassen sich dennoch vorsichtig nutzen, es gibt eine Kantine und eine Event-Etage mit Blick über die ganze Stadt, die für exklusive Veranstaltungen gemietet werden kann.
Das Konzept ist aus der Not geboren. Der Teufelsberg wurde Nacht für Nacht von Dieben, Abenteurern und Graffiti-Künstlern heimgesucht. Der Eigentümer – ein Unternehmen aus Köln – trat die Flucht nach vorn an, sicherte das Gelände und kultivierte die Street-Art.
Ich erkenne die Leistung an, meinen Geschmack trifft dieser Ruinenkult allerdings keineswegs. Alles hätte ja anders kommen können: Das Gelände wurde nach dem Abzug der Amerikaner verkauft. Die Investoren planten einen Tagungsort mit Hotel, dazu Wohnungen in exklusiver Lage.
Dagegen rebellierten die Grünen und mobilisierten die Straße und alle verfügbaren NGOs und Naturschützer, bis die damalige Bausenatorin Junge-Reyer (SPD) sich nicht mehr traute, die Baugenehmigung zu verlängern. Darum setzte der Verfall ein.
Es war der übliche feindselige Reflex der links-grünen Szene gegenüber privaten Investoren, der alle Pläne für den Teufelsberg vereitelte. Jetzt macht man aus der Not eine Tugend. Das allerdings mit beachtlichem Erfolg.
Hat Gunnar Schupelius recht? Schreiben Sie an: gunnar.schupelius@axelspringer.de