Hannover. Dass Menschen zunächst komisch gucken oder mit Zurückhaltung reagieren, wenn er auftaucht, kennt Arno Funke (75). Es sind aber nicht der bürgerliche Name oder das Aussehen, das Leute zucken lässt, sondern sein berühmt-berüchtigtes Pseudonym – Dagobert. Als dieser hat Funke seit Ende der 1980er-Jahre die Republik in Atem gehalten, als geschickter Erpresser mit einem IQ von 145 die Polizei mit spektakulären Geldübergaben und ausgebufften Ideen an der Nase herumgeführt.

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„Ich weiß, dass es Leute gibt, die immer dagegen sind, was meine Person betrifft“, erzählte uns Funke vor Kurzem. Anlass des Gesprächs ist das Audi Ascot-Pferderennen auf der Neuen Bult, der 75-Jährige steht auf der diesjährigen VIP-Liste von Stars und Sternchen, die das Event wie in jedem Jahr zum gesellschaftlichen Saison-Highlight machen.

Davon genervt, dass sein Name polarisiert, ist er nicht. „Ich musste allerdings oft feststellen, dass gewisse Menschen relativ wenig über meine Geschichte wissen.“ Zum nachrichtlichen Teil gehört das hier: 1988 erpresst Funke das Berliner Kaufhaus KaDeWe, zündet im Kaufhaus zwei Bomben, von der nur eine detoniert. Der Konzern Hertie zahlt die geforderten 500.000 Mark, die Funke auf spektakuläre Weise erhält: Polizisten werfen das Geldpaket aus einer fahrenden S-Bahn, Funke flüchtet mit der Beute, kann mehrere Jahre davon leben.

Anschlag auch in HannoverKarstadt an der Schillerstraße: In Hannover ließ Arno Funke alias Dagobert 1992 im Aufzug eine Bombe detonieren.

Karstadt an der Schillerstraße: In Hannover ließ Arno Funke alias Dagobert 1992 im Aufzug eine Bombe detonieren.

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Vier Jahre später erhält Karstadt ein Erpresserschreiben, der Verfasser – Arno Funke alias Dagobert – droht damit, Bomben zu zünden. Was er auch tut: Bundesweit explodieren sechs Sprengsätze, am 15. September 1992 sogar in Hannover, während der Öffnungszeiten in einem Fahrstuhl. Eine Verkäuferin wird leicht verletzt, sie beklagt sich über leichtes Ohrensausen. „Das bedaure ich sehr“, sagt Verursacher Funke heute dazu. „Ich kann nachfühlen, wie groß der Schreck gewesen sein muss.“

Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei

Gesehen hat er die Frau flüchtig vor Gericht, als ihm im Jahr 1995 der Prozess gemacht wurde, „inhaltlich war es wegen Geringfügigkeit kein Thema“. Ehe Funke 1994 allerdings in einer Berliner Telefonzelle gefasst wird, überlistet er die Ermittlungsbehörden so einige Male: Bei etwa 30 Geldübergabeversuchen kann er entkommen, gilt bei seinen Plänen als maximal kreativ. Das Katz-und-Maus-Spiel mit allerhand Pannen auf polizeilicher Seite beschert ihm Sympathien in der Bevölkerung und in den Medien. Das Thema elektrisiert im Land, „Fans“ tragen T-Shirts mit Dagobert-Print, die Berliner Band „Die Panzerknacker“ widmet ihm einen Song.

1995 wird Funke wegen schwerer räuberischer Erpressung verurteilt, zunächst zu sieben, in einem zweiten Prozess zu neun Jahren Haft. Außerdem muss er fünf Millionen D-Mark (etwa 2,5 Millionen Euro) Schadensersatz zahlen. Im Gefängnis stellen Mediziner bei ihm Hirnschädigungen durch Lösungsmittel fest, eine Folge seiner Arbeit als Kunstlackierer in einer Autowerkstatt, eine schuldmildernde Diagnose. Das Einatmen der Lösungsmitteldämpfe führte zu schweren Depressionen, dem Motiv für seine Taten, mit der Beute wollte er sein Leben verändern. Wegen guter Führung wird Funke im Jahr 2000 aus der JVA Plötzensee entlassen.

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Funke bedauert seine Lebensepisode als Erpresser DagobertNoch im Knast geschrieben und veröffentlicht: Arno Funke hat „Mein Leben als Dagobert“ verfasst. Die Rechte des Werkes gehören mittlerweile wieder ihm. Hier signiert er es während eines Freigangs auf der Leipziger Buchmesse im Jahr 1999.

Noch im Knast geschrieben und veröffentlicht: Arno Funke hat „Mein Leben als Dagobert“ verfasst. Die Rechte des Werkes gehören mittlerweile wieder ihm. Hier signiert er es während eines Freigangs auf der Leipziger Buchmesse im Jahr 1999.

„Seit ich wieder in Freiheit sein konnte, war ich ständig unterwegs und habe auch prominente Leute kennengelernt“, resümiert er uns gegenüber das Vierteljahrhundert danach. Er wird erneut zum Promi, diesmal gesetzeskonform. „Die Dagobert-Geschichte kann ich nur bedauern“, sagt er über sich. „Ich hätte mir mein Leben auch anders vorstellen können. Allerdings habe ich das Beste daraus gemacht.“

Karikaturen und Cameo-Auftritte

Es hat sich ergeben und ist, wie es ist.

Arno Funke über sein heutiges Leben in der Öffentlichkeit

2013 ist er etwa Teilnehmer im „Dschungelcamp“, berät die Produzenten der Serie „Ich bin Dagobert“, die 2024 bei RTL+ läuft, hat sogar einen Cameo-Auftritt. Funke arbeitet als Karikaturist und Illustrator, zeichnet fürs Satiremagazin „Eulenspiegel“, stellt Werke aus, tritt mit den ehemaligen „Polizeiruf“-Kommissaren Jaecki Schwarz (79) und Wolfgang Winkler (†76) auf, spricht in der Reihe „Missverstehen Sie mich richtig“ mit dem Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi (77) über sein Leben. „Es bekam alles eine Dynamik, und ich habe mich daran gewöhnt. Es hat sich ergeben und ist, wie es ist.“

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Schillernde Persönlichkeiten, jeder auf seine Art: Julian F. M. Stoeckel und Arno Funke (rechts) verstehen sich gut. Hier besuchen sie ein Event in Berlin.

Schillernde Persönlichkeiten, jeder auf seine Art: Julian F. M. Stoeckel und Arno Funke (rechts) verstehen sich gut. Hier besuchen sie ein Event in Berlin.

Vor einiger Zeit lernte er Julian F. M. Stoeckel (38) kennen. Der schrille Entertainer mit Hang zu Reality-TV kümmert sich in diesem Jahr auch um die Gästeliste beim Ascot, Funke musste nicht lange überlegen, sagte zu. Kennt er sich mit dem Rennsport denn aus? „Vor 40 Jahren war ich öfter mal auf der Mariendorfer Trabrennbahn in Berlin.“ Hat er nur geguckt oder auch gezockt? „Einmal habe ich sogar gewettet und 5000 Mark gewonnen“, sagt er und lacht. Geholfen hat da ein Blick in Fachzeitschriften. „Ein Spielertyp bin ich trotzdem nicht. Zu verlieren ärgert mich wesentlich mehr.“ Für Hannover steckt er trotzdem 50 Euro ein, „mehr nicht“.

Das erste Rennen beginnt um 11.15 Uhr, Einlass ist bereits ab 9.30 Uhr. Tickets kosten zwölf, ermäßigt sechs Euro. Kinder bis 13 Jahre benötigen keine Karte.

NP