Die katholische Kirche betrachtet homosexuelle Beziehungen gemeinhin als Sünde. Viele Katholiken kämpfen dagegen, indem sie sich öffentlich outen. Eine Ausstellung in Stuttgart zeigt ihre Porträts.

Vor gut drei Jahren ist es passiert. Mehr als 100 Katholiken haben sich damals mit der bundesweiten Initiative „OutInChurch“ öffentlich geoutet – für die katholische Kirche ein Paukenschlag. In der ARD-Doku „Wie Gott uns schuf“ erzählten einige der Gläubigen ihre Geschichte. Manche hatten Angst, dass sie durch das Coming-Out ihre Existenzgrundlage verlieren, weil die Kirche auch ihr Arbeitgeber ist und sie eine Kündigung fürchteten.

Wanderausstellung zu „Out in Church“ macht Halt in Stuttgart

Der Fotograf Martin Niekämper hat einige dieser Menschen getroffen, Gespräche mit ihnen geführt und sie in Kirchen fotografiert. So ist die Ausstellung „Gut. Katholisch. Queer. Für eine Kirche ohne Angst“ entstanden, die derzeit im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart zu sehen ist.

Für Rafael Steinbach aus Stuttgart war der erste Besuch in der Ausstellung etwas ganz Besonderes. Denn Rafael schaut sich dort selbst in die Augen. Sein Porträt hängt im Haus der Katholischen Kirche an der Wand. Er war Teil von „OutInChurch“, auch er hat sich vor einiger Zeit öffentlich geoutet. Viele queere Katholikinnen und Katholiken fühlen sich in ihrer Kirche unerwünscht, denn der Vatikan pocht noch immer darauf, dass Homosexualität nicht ausgelebt werden darf. Für Rafael Steinbach war dieser innere Konflikt extrem hart.

Rafael Steinbach (rechts) ist Teil der Ausstellung "Gut. Katholisch. Queer" im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart. Er hat die Ausstellung zusammen mit seinem Partner besucht.

Rafael Steinbach (rechts) und sein Partner Christian haben sich die Ausstellung zusammen angesehen.

„Wenn du dann merkst mit 14, okay, ich stehe auf Jungs, dann befragst du natürlich sofort das Medium, das dir am wichtigsten ist, nämlich die Bibel und Menschen, die damit arbeiten, also Priester. Und dann bin ich leider an Menschen geraten, die sehr konservative Auslegungsweisen hatten. Und dann merkst du, okay, ich kann diese Berufung nur leben, wenn ich mich selbst verleugne“, sagt Rafael dem SWR beim Besuch der Ausstellung. „Was das mit Jugendlichen macht, ist extrem. Da geht es dann um Selbsthass und depressive Stimmung, das ist ganz schlimm.“

Rafael Steinbach (rechts), gläubiger Katholik, hat sich mit der Initiative "OutInChurch" als schwul geoutet.

Die Porträts von Rafael (rechts) sind 2022 entstanden. Seitdem war die Ausstellung schon in anderen deutschen Städten zu sehen.

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Trennung zwischen privatem Engagement und Amtskirche

Lange hätte er geglaubt, dass er verkehrt ist, so wie er ist, sagt Rafael. „Ich darf so nicht sein. Gott liebt mich so nicht. Das war immer im Kopf, und das macht einen kaputt.“

Ich dachte lange: Ich darf so nicht sein. Gott liebt mich so nicht.

Die katholische Kirche sieht Rafael heute kritisch. Dennoch ist er noch Kirchenmitglied und engagiert sich weiter privat, weil ihm sein Glaube viel bedeutet. „Ich habe für mich tatsächlich gelernt, mein privates Engagement in der Kirche und die Kirche an sich, also die Amtskirche, die römische Kirche, voneinander zu separieren. Das heißt, ich kann weiterhin mein Engagement in den Kirchengemeinden ausführen, aber von diesem Amtskirchlichen habe ich mich total distanziert und gelöst“, sagt Rafael. Er ist mit seinem Freund Christian in die Ausstellung gekommen, mit dem er in Stuttgart zusammenlebt. Heute geht es Rafael viel besser als noch vor ein paar Jahren.

Wofür steht „LGBTQIA+“ und was bedeutet „queer“?

„LGBTQIA+“ ist eine Abkürzung für Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer, Intersexual und Asexual. Auf Deutsch steht das also für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer, intersexuell und asexuell. Damit werden sexuelle und geschlechtliche Identitäten beschrieben. Das + soll alle Menschen mit einbeziehen. Oft werden auch die Abkürzungen „LSBTI“ oder „LSBTIAQ“ verwendet. Sie stehen jeweils für die deutschen Übersetzungen.

Der englische Begriff „queer“ bedeutet „seltsam“ oder „sonderbar“ und stand früher für „schwul“. Entsprechend wurde „queer“ lange Zeit als Schimpfwort verwendet, hauptsächlich für schwule Männer. Seit Mitte der 1990er-Jahre wird der Begriff zunehmend als Selbstbeschreibung genutzt und damit positiv besetzt. Queere Menschen sind Menschen, deren sexuelle und/oder geschlechtliche Identität nicht in die gesellschaftliche Vorstellung passt. Sie sind zum Beispiel homosexuell, trans* oder inter*. „Queer“ kann demnach als Sammelbegriff für alle Identitäten gebraucht werden, die irgendwie gefühlt „außerhalb der gesellschaftlichen Norm“ liegen.

Veränderungen nach Massen-Coming-Out „OutInChurch“

Das Massen-Coming-Out „OutInChurch“ habe zu Veränderungen in der Kirche geführt, sagt Heiko Hauger von der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Seit 2023 gebe es in der Diözese eine neue Grundordnung, die sozusagen das Arbeitsrecht für Mitarbeitende definiert. Darin stehe nun: „Vielfalt ist gewünscht bei Mitarbeitenden und niemand wird mehr gekündigt aufgrund seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität“, so Hauger.

"Gut. Katholisch. Queer" heißt eine neue Ausstellung im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart.

Heiko Hauger will die Diözese Rottenburg-Stuttgart beim Thema queere Menschen voranbringen.

Hauger selbst arbeitet seit Oktober 2024 für die Diözese für das Projekt „Queersensible Pastoral“. Das bedeutet, dass er das Thema Sensibilität für Queersein in der Diözese voranbringen möchte. Zum Beispiel arbeiten er und seine Kollegen daran, was das für einzelne Kirchengemeinden und Seelsorger bedeutet, sie entwickeln Angebote mit der katholischen Erwachsenenbildung und machen eine Kinoreihe zur Frage, was queer eigentlich ist.

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Queere Menschen sind ein selbstverständlicher Teil unserer Kirche.

Hauger hofft, damit seiner Zukunftsvision der Kirche ein kleines Stück näher zu kommen. „Unsere Ziele sind, dass die Vielfalt von sexuellen Orientierungen und geschlechtlicher Identität in unserer Kirche wertgeschätzt wird und dass queere Menschen selbstverständlicher Teil dieser Kirche sind und sich einbringen können“, so Hauger.

Die Ausstellung „Gut. Katholisch. Queer.“ ist noch bis zum 11. September im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart zu sehen. Am 11. September um 19 Uhr gibt es eine Finissage mit Fotograf Martin Niekämper, Mitgliedern von „OutInChurch“ und Mitarbeitenden der Kirche. An dem Abend soll es auch um die Frage gehen, was die Initiative in der Diözese Rottenburg-Stuttgart verändert hat. Der Eintritt ist frei und es ist keine Anmeldung erforderlich.