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Mikhail Khodorkovsky sieht Putin unter Druck. Nicht nur wirtschaftliche Probleme und Rekrutierungsschwierigkeiten könnten ihn zu Verhandlungen im Ukraine-Krieg zwingen.
Moskau – Mikhail Khodorkovsky, ehemals reichster Mann Russlands und jetzt Kreml-Kritiker im Exil, sieht Gründe für Wladimir Putins mögliche Verhandlungsbereitschaft im Ukraine-Krieg. In einem aktuellen Interview mit dem italienischen Nachrichtenportal Corriere della Sera äußert sich der Oppositionelle zu den Herausforderungen, denen sich der russische Präsident nach über drei Jahren Krieg gegenübersieht.
Khodorkovsky nennt mehrere konkrete Gründe, die Putin zu Verhandlungen bewegen könnten. Als ersten Punkt führt er die finanzielle Lage in Russland an. „In Russland häufen sich die wirtschaftlichen Probleme und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung“, erklärt Khodorkovsky. Der Ukraine-Krieg führte zu massiven Verlusten in der russischen Wirtschaft. Sanktionen und Kriegskosten belasten das Land zunehmend.
Wirtschaftliche Probleme und Rekrutierungsschwierigkeiten könnten Putin zu Verhandlungen im Ukraine-Krieg zwingen. © Julia Demaree Nikhinson/dpaPutin-Kritiker sieht Zustimmung schwinden: „Nur 30 Prozent der Bevölkerung“ noch für den Ukraine-Krieg
Die Folgen des Konflikts werden nun auch innerhalb des Landes sichtbar. Der Oppositionelle berichtet: „Tatsächlich sind die Flughäfen im europäischen Teil Russlands geschlossen, und Drohnenangriffe auf Raffinerien führen zu Benzinknappheit.“ Diese wirtschaftliche Belastung könnte Putin zu einem Umdenken zwingen.
Ein weiterer entscheidender Faktor sind laut Khodorkovsky die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Soldaten. Die anfängliche Unterstützung für den Krieg in der Bevölkerung schwindet. Der ehemalige Ölmagnat stellt fest: „Nur 30 Prozent der Bevölkerung sind wirklich dafür. Das sind vor allem ältere Menschen, die nicht kämpfen müssen.“
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Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Bereitschaft zum Kampfeinsatz wider. „Außerdem ist in den letzten Monaten die Zahl der Freiwilligen, die in den Kampf ziehen wollen, stark zurückgegangen“, so Khodorkovsky. Diese Tendenz könnte Putin vor Augen halten, dass der Ukraine-Krieg nicht unbegrenzt fortgeführt werden kann.
Kreml-Kritiker zu Ukraine-Krieg: „Putin hat sich ein Problem eingehandelt“
Als dritten wesentlichen Grund für Putins mögliche Verhandlungsbereitschaft sieht Khodorkovsky die möglicherweise auf Russland zukommende finanzielle Belastung durch die besetzten – aber eben zerstörten – ukrainischen Gebiete. Der Wiederaufbau dieser Regionen würde Putins Haushalt noch einmal enorm belasten. „Mindestens 200 bis 300 Milliarden Dollar. Wenn weitere Gebiete hinzukommen, noch mehr“, schätzt Khodorkovsky.
Zudem leben in den besetzten Gebieten etwa sechs Millionen Menschen, von denen infolge des Ukraine-Krieges viele hilfsbedürftig sind. Der Oppositionelle zieht einen brisanten Vergleich: „Putin hat sich ein Problem eingehandelt, das fünfmal größer ist als Tschetschenien.“ Diese enorme finanzielle und logistische Herausforderung könnte ihn nun zu Verhandlungen drängen.
Oligarch zu Trump als Putins Chance: „Besser wird es nie werden“
Trotz dieser Faktoren, die für eine Verhandlungsbereitschaft Putins sprechen, warnt Khodorkovsky gegenüber dem Corriere della Sera vor voreiligen Schlüssen. Er sieht in Donald Trump eine einmalige Chance für den russischen Präsidenten, betont aber gleichzeitig Putins vorsichtige und berechnende Natur:
„Putin versteht, dass Trump der beste amerikanische Präsident ist, den er haben kann, besser wird es nie werden“, lautet Khodorkovskys abschließende Einschätzung. Der Kreml-Kritiker suggeriert damit, dass Putin zwar Gründe für Verhandlungen haben mag, aber jede Gelegenheit sorgfältig abwägen wird.
Kreml-Kritiker warnt davor, die strategische Gewieftheit Putins unterschätzen
Khodorkovskys Analyse zeichnet das Bild eines zunehmend unter Druck geratenden russischen Präsidenten. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, schwindende Unterstützung in der Bevölkerung und die Last der besetzten Gebiete könnten die Verhandlungen im Ukraine-Konflikt nun vorantreiben.
Dennoch dürfe man die strategische Gewieftheit Putins unterschätzen. Die kommenden Monate würden zeigen, ob und wie Putin auf diese wachsenden Herausforderungen reagieren wird. (nana)