Das Startup Senara produziert Milch ganz ohne Kuhstall und Melkmaschine. Im sterilen Labor wächst echte Kuhmilch, die biochemisch nicht von klassischer zu unterscheiden ist, das Euter einer echten Kuh aber nie gesehen hat.
Was auf den ersten Blick wie Science-Fiction klingt, ist in einem Freiburger Labor längst Realität: Hier produziert das Startup Senara Milch ganz ohne Kuhstall und Melkmaschine. Im sterilen Labor wächst echte Kuhmilch – nur das Euter bleibt außen vor.
„Wir arbeiten mit tierischen Zellen direkt aus der Kuh“, erklärt Svenja Dannewitz, Gründerin von Senara. Die Zellen landen in einer Nährlösung voller Vitamine und Nährstoffe, werden dann in einen Bioreaktor gefüllt, wo sie bei 37 Grad gewissermaßen im Hightech-Euter ausreifen und sich rund einen Monat lang vermehren. Das Ergebnis: Milch, die biochemisch nicht von klassischer Kuhmilch zu unterscheiden ist, aber nie das Euter einer echten Kuh gesehen hat.
Startup trotzt Tradition und setzt auf Nachhaltigkeit
Hinter Senara stecken Svenja Dannewitz und ihr Mann Philipp Prosseda, beide Naturwissenschaftler, die das Unternehmen 2022 mit einer klaren Mission gegründet haben: Sie wollen den wissenschaftlichen Fortschritt aus dem Labor in die Praxis bringen. „Es braucht jemanden, der aus Forschung echte Anwendung macht. Es reicht nicht, wenn Ergebnisse nur in Fachzeitschriften stehen“, meint Dannewitz.
Produziert wird derzeit nur im Pilotmaßstab. Doch der Markt ist riesig: Jeder Deutsche trinkt pro Jahr rund 40 Liter Kuhmilch. Und die große Lebensmittelindustrie benötigt literweise Milchpulver. Das Potenzial für eine nachhaltigere, effizientere Milchproduktion ohne Massentierhaltung ist groß. Zudem lässt sich die Labor-Milch individuell anpassen – etwa als laktosefreie Variante oder mit besonders hohem Proteinanteil.
Weiter Weg bis in den Supermarkt
Auch andere tierische Produkte kommen inzwischen aus dem Labor, wie das Hamburger Startup Bluu Seafood zeigt: Dort wachsen Fischzellen im Fermenter zu Fischbällchen heran – bisher noch gemischt mit Pflanzenprotein, in Zukunft vielleicht ganz ohne tierische „Spender“. Das große Ziel: Lebensmittel ganz ohne Tierleid, nachhaltiger als klassische Landwirtschaft.
Doch der Weg bis ins Supermarktregal ist steinig. Noch fehlen die notwendigen Zulassungen in der EU – die Verfahren sind langwierig, in Italien sind solche Produkte sogar verboten. Forschung und Startups aber sind sicher, dass sich daran etwas ändern wird. Die Prognose von Expertinnen und Gründern: In etwa fünf Jahren werden die ersten Labor-Lebensmittel auf Milchbasis marktreif und verfügbar sein – preislich zunächst noch etwas teurer als konventionelle Produkte. Ob Milch aus dem Bioreaktor Erfolg hat, hängt vom Verbraucher ab.
Dannewitz und ihr Team denken groß: Bis 2030 wollen sie die erste Million Liter Labor-Milch produzieren und auf den Markt bringen.
Bis dahin bleibt es spannend, ob und wie schnell sich unsere Vorstellungen von Kuhstall, Frühstücksmilch und Co. revolutionieren lassen – und ob wir künftig tatsächlich „echte“ Milch aus dem Bioreaktor trinken.
Mit Svenja Dannewitz sprach Jan-Paul Götze. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Vollständig können Sie es im ntv-Podcast „Startup – jetzt ganz ehrlich“ anhören.
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