Da kaum noch westliche Urlauber kommen, setzt Russland verstärkt auf Touristen aus den Golfstaaten. Angelockt werden sie unter anderem durch gesponserte Influencer-Reisen und Militärtouren mit Panzerfaustschießen und „Kriegserfahrung“.

Russland erlebt aktuell einen zunehmenden Ansturm von Touristinnen und Touristen aus den Golfstaaten. Da infolge der Sanktionen kaum noch Reisende aus dem Westen ins Land kommen, hatte Moskau in den letzten Jahren seine Beziehungen zu der wirtschaftlich boomenden Region vertieft. Das berichtet die „Financial Times“.

Demnach hatte die Regierung das Online-Visumverfahren vereinfacht und Russland-Reisen für arabischsprachige Tiktoker und Instagram-Influencer gesponsert. Neben kulturellen Schätzen sollen unter anderem auch actiongeladene Militärtouren ins Land locken.

Laut dem russischen Tourismus-Verband zahlen sich die Investitionen aus. Einreisen aus den Golfstaaten hätten sich zwischen 2019 und 2024 mehr als vervierfacht. Die Zahl der saudischen Besucher in Russland habe sich zwischen 2023 und 2024 sogar versechsfacht, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow laut „Financial Times“ im Juli.

Die saudi-arabische Billigfluggesellschaft Flynas nahm im August drei Direktflüge pro Woche von Riad nach Moskau auf, die staatliche Fluggesellschaft Saudia plant für diesen Herbst zusätzliche Flüge in die russische Hauptstadt. Die in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Billigfluggesellschaft Air Arabia hat angekündigt, im Oktober saisonale Flüge zwischen Abu Dhabi und Jekaterinburg aufzunehmen.

Die Außenminister beider Länder „äußerten sich sehr positiv über das Wachstum der touristischen Beziehungen“, so Lawrow bei einem gemeinsamen Treffen in Moskau.

Massive Social-Media-Kampagne

Der Nahe Osten, Ägypten und die Türkei sind laut dem Bericht nach wie vor die beliebtesten Reiseziele unter Touristen aus den Golfstaaten, gefolgt von Westeuropa. Aber immer mehr von ihnen reisen nun nach Russland – angelockt von günstigen Preisen und einer Flut von Social-Media-Beiträgen von Influencern, die das Land bereisen.

„Die Preise und das Marketing haben mich dazu bewogen, dorthin zu reisen“, sagte der 27-jährige Aqeel al-Dejani aus Saudi-Arabien der „Financial Times“. Er habe zuvor „viel Werbung für Russland-Urlaub auf Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram“ gesehen.

Zehn Tage habe er in Moskau und Sankt Petersburg verbracht und sei besonders von der Architektur und Geschichte beeindruckt gewesen. „Das Schloss Peterhof mit seinen riesigen Gärten war großartig“, sagte er.

„Kriegserfahrung“ mit Panzerfaust

Die russische Hotelbuchungswebsite Ostrovok gibt an, dass die Nachfrage von Touristen aus dem Nahen Osten im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um etwa ein Drittel gestiegen sei. Diese Touristen gaben demnach im Durchschnitt 30 Prozent mehr pro Nacht aus als europäische Urlauber, wobei fast 80 Prozent Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels buchten, sagte Ostrovok-Geschäftsführerin Daria Kochetkova. Einige trotzen sogar dem russischen Winter, um etwas Neues zu erleben.

„Wir waren schockiert über das Wetter“, sagte Hasan al-Qattan, ein saudi-arabischer Arzt, der Russland im Februar besucht hatte. „Wir wussten, dass es kalt sein würde. Aber wir hatten nicht erwartet, dass es so kalt wird“, sagte der 28-Jährige. „Wir kommen aus der Wüste, daher sind wir solch eisige Kälte nicht gewohnt.“

Inspiriert von Influencern, die auf Social Media in russischer Armeeausrüstung marschieren, buchte Qattan eine „Militärtour“, die er als Höhepunkt der Reise bezeichnete. „Wir haben die ‚Kriegserfahrung‘ gebucht, bei der man in einem Panzer mitfahren, leichte militärische Übungen machen und mit einer Kalaschnikow und einer Panzerfaust schießen kann. Es war aufregend und actionreich.“

Bündelweise Bargeld

Die Golfstaaten zeigen sich gegenüber Russlands Angriffskrieg in der Ukraine neutral. Trotz des Drucks seitens westlicher Verbündeter arbeitet die Region weiterhin mit Russland bei der Ölförderung zusammen. Gleichzeitig fungieren einige Golfstaaten auch als Vermittler beim Gefangenenaustausch und bei der Ausrichtung von Friedensverhandlungen.

Während viele Russland-Touristen aus der Golfregion angaben, sich aufgrund der sichtbaren Polizeipräsenz in touristischen Hotspots sicher zu fühlen, bekommen sie aufgrund der kriegsbedingten Sanktionen auch einige Unannehmlichkeiten zu spüren.

So funktionieren etwa Kreditkarten wie Visa und Mastercard in Russland nicht mehr, sodass Touristen gezwungen sind, große Mengen an Bargeld mit sich zu führen. Und da Moskau GPS-Signale stört, um Drohnenangriffe zu verhindern, sind Apps wie Google Maps und Uber im Zentrum der Hauptstadt unbrauchbar geworden. „Man ist auf Taxis angewiesen, auch wenn die Entfernung nicht so groß ist“, sagte ein saudischer Tourist.

Die durch Sanktionen erzwungene Abwesenheit globaler Marken störte Qattan und seine Freunde jedoch nicht, die hauptsächlich traditionelle Souvenirs kaufen wollten und die große Auswahl an Halal-Lebensmitteln und Schokolade lobten.

„Wir haben die ‚Alyonka‘-Schokolade mit dem legendären kleinen Mädchen auf der Verpackung probiert – sie war köstlich“, sagte er. „Wir haben auch ein paar russische Matrjoschka-Puppen gekauft.“