Russische Drohnen und Raketen haben vor allem in Kiew grosse Schäden angerichtet. Auch die EU-Vertretung ist betroffen. Die Ukraine führt derweil ihre Angriffe auf russische Energieanlagen fort.
Rettungskräfte suchen in den Trümmern eines zerstörten Hauses nach Überlebenden.
Efrem Lukatsky / AP
Russland hat in der Nacht auf Donnerstag einen neuerlichen Grossangriff auf die Ukraine durchgeführt. Mit insgesamt 628 Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern lag die Gesamtzahl der eingesetzten Fluggeräte zwar unter dem bisher umfangreichsten Angriff des Krieges am 9. Juli. Damals hatten die russischen Streitkräfte in einer einzigen Nacht 741 Drohnen und Raketen losgeschickt.
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Die verursachten Schäden machen den jüngsten Angriff dennoch zu einem der schwersten dieses Krieges. Um die ukrainische Flugabwehr zu überwinden, griffen die Russen das Land aus mehreren Richtungen gleichzeitig an. Ausserdem wurde mit 11 Raketen und 20 Marschflugkörpern eine grosse Anzahl dieser schwer abzufangenden und verheerende Schäden verursachenden Waffen eingesetzt.
Mindestens 21 Todesopfer
Das wichtigste Ziel war die Hauptstadt Kiew, die über neun Stunden in mehreren Wellen unter Beschuss genommen wurde. Viele Bewohner verbrachten die Nacht in Metrostationen oder anderen Schutzeinrichtungen. Doch längst nicht alle konnten sich in Sicherheit bringen.
Bis Donnerstagnacht gab es einundzwanzig bestätigte Todesopfer, unter ihnen vier Kinder, sowie mindestens 63 Verletzte. Zudem erlitten Dutzende von Personen zum Teil schwere Verletzungen. Insgesamt wurden mehr als hundert Gebäude auf Stadtgebiet beschädigt. Einzelne Gebäude wie etwa ein von einer Rakete getroffenes fünfstöckiges Wohnhaus im Stadtteil Darnizki wurden vollständig zerstört.
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski bezeichnete die Angriffe als Russlands Antwort an alle in der Welt, die seit Wochen und Monaten zu einem Waffenstillstand und echter Diplomatie aufgerufen hätten. Russland entscheide sich für Ballistik statt für Verhandlungen.
Now, as our people are dealing with the consequences of one of the most large-scale Russian terrorist attacks, we see yet another attempt by Hungarian officials to portray black as white and to shift the blame for the ongoing war onto Ukraine.
In Ukraine, we responded positively… pic.twitter.com/hCdg0rHtRJ
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) August 28, 2025
Tatsächlich unterstreicht der rücksichtslose Grossangriff, was sich seit dem amerikanisch-russischen Gipfeltreffen vor zwei Wochen in Alaska abzeichnet: Der Kreml hat an einem Waffenstillstand erst nach Erreichen seiner Kriegsziele, also nach der vollständigen Unterwerfung der Ukraine, Interesse. Bis dahin führt er seinen Krieg fort.
Selenski rief namentlich China und Ungarn auf, die Angriffe zu verurteilen. Chinas Staatschef Xi Jinping empfängt kommende Woche den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Ungarn hat kürzlich die Ukraine heftig für die Angriffe auf eine russische Pipeline kritisiert.
Nach einem Treffer auf ihr Wohnhaus in Kiew harren Kinder auf der Strasse aus.
Reuters
Grosse Empörung bei der EU
Neben zivilen Einrichtungen kam in der Nacht auf Donnerstag auch ein Gebäude zu Schaden, das unter diplomatischem Schutz steht. Die durch den Einschlag in ein benachbartes Haus verursachte Druckwelle hat die Räumlichkeiten der EU-Mission in Kiew schwer verwüstet.
Auch das nahe gelegene Gebäude des British Council, des wichtigsten internationalen Kulturinstituts Grossbritanniens, trug Schäden davon. Die beiden internationalen Einrichtungen befinden sich unweit des Kiewer Hauptbahnhofs, mitten im Stadtzentrum und fern von militärisch relevanten Zielen. Ebenfalls beschädigt wurden die Redaktionsgebäude des ukrainischen Dienstes von Radio Free Europe sowie der «Ukrainska Prawda», einer der wichtigsten Tageszeitungen des Landes.
Ob Russland die EU-Vertretung absichtlich ins Visier genommen oder durch Angriffe in der unmittelbaren Nachbarschaft lediglich das Risiko eines Kollateralschadens in Kauf genommen hat, lässt sich nicht sagen. Die Empörung in der EU ist in jedem Fall gross.
Der Krieg habe die EU berührt, schrieb die slowakische EU-Botschafterin in Kiew, Katarina Mathernova, auf Facebook. «Und niemand wird mich davon überzeugen, dies sei nicht Putins Absicht gewesen.» Die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas bestellte wegen des Angriffs den russischen Botschafter in Brüssel ein.
Moskau ging wie üblich nicht ein auf die militärisch nicht zu rechtfertigenden Folgen des Angriffs. In einer zynisch anmutenden Stellungnahme des Verteidigungsministeriums war lediglich von einem Angriff auf Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes sowie Flugplätze die Rede. Die Schläge hätten alle gesetzten Ziele erreicht.
Auch ausserhalb der Hauptstadt Kiew gab es Angriffe. Schäden beim Eisenbahnknotenpunkt Kosjatin in der Oblast Winnizja etwa zwangen die ukrainische Eisenbahn, auf gewissen Strecken Ausweichrouten zu befahren. Auch ein Depot mit Schnellzugwagen wurde getroffen.
Weitere Angriffe auf Raffinerien
Die Ukraine setzt derweil ihre Schläge gegen die russische Energieinfrastruktur fort. Drohnen griffen in der Nacht auf Donnerstag zwei Raffinerien in Afipski im südrussischen Gebiet Krasnodar und in Nowokuibischewsk in der Wolgaregion an. Dies erhöht die Zahl der russischen Energieanlagen, die im August beschädigt wurden, auf zwölf.
Die Schäden an der Pipeline Druschba, die innert kurzer Zeit dreimal angegriffen wurde, scheinen inzwischen behoben zu sein. Die Röhre bringt unter anderem russisches Öl nach Ungarn und in die Slowakei. Das slowakische Wirtschaftsministerium bestätigte am Donnerstag, dass die Lieferungen wieder aufgenommen worden seien.
Auch auf dem Meer kam es zu Kampfhandlungen. Der militärische Geheimdienst der Ukraine berichtete am Donnerstag, in der Nähe der Krim sei ein russisches Kriegsschiff getroffen worden, das als Träger für Marschflugkörper des Typs Kalibr diene. Ebenfalls am Donnerstag beschossen laut der ukrainischen Marine die russischen Streitkräfte ein ukrainisches Schiff. Dabei wurde ein Seemann getötet, mehrere weitere erlitten Verletzungen.