S tellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Straßenbahn. Plötzlich merken Sie, wie Sie mit voller Geschwindigkeit auf fünf Personen zurasen. Rechts sehen Sie ein Ausweichgleis – dort steht nur ein Mensch. Die Bremsen der Tram sind kaputt, aber Sie können einen Hebel betätigen und sie so auf das rechte Gleis umlenken. Was tun Sie? Lassen Sie eher fünf Personen durch Ihre Untätigkeit sterben oder greifen Sie ein und töten eine?
Das Szenario lässt sich noch abwandeln. Man könnte zum Beispiel ergänzen, dass die Person auf dem Ausweichgleis ein Terrorist ist, der die Bremsen der Tram beschädigt hat, um die fünf Personen zu töten. Oder auch, dass Sie sich durch das Umlenken der Bahn in Gefahr begeben, weil die Kumpels des Terroristen sich an Ihnen rächen werden. Dieses Gedankenexperiment ist in der Philosophie als „Trolley-Problem“ bekannt. Doch für die Menschen in der Ukraine ist es kein hypothetisches Dilemma. Für sie heißt es: beim Leiden und Sterben zusehen – oder einzugreifen, um Leben zu retten.
Yelizaveta Landenberger
schreibt über Kultur aus Ost- und Mitteleuropa.
Am 10. August fiel ein Bekannter von mir an der Front, der ukrainische Künstler und linke Aktivist David Chichkan. Er erzählte, er habe Angebote für Residencies im Ausland gehabt, aber er wollte lieber als Soldat gegen die imperialistischen Invasoren kämpfen. Er wusste, dass er dabei sterben konnte.
Die böse Rüstungsindustrie
In Deutschland möchten viele Linke nichts mit dem Militär zu tun haben. Die Rüstungsindustrie sei inhärent böse, und da man sich internationalistisch gibt, spiele es doch überhaupt keine Rolle, in welchem Land man lebt. Das seien sowieso nur Linien auf der Landkarte. Einige gehen noch weiter und bezeichnen diejenigen, die den ukrainischen Widerstand unterstützen – oder gar die Ukrainer:innen selbst – als Kriegstreiber.
Die brutale Realität ist jedoch, dass Zivilist:innen in von Russland besetzten Gebieten unterdrückt, gefoltert und getötet, Kinder entführt und Männer zum Dienst in der russischen Armee gezwungen werden. Wehrt man sich nicht, lässt man das zu.
Das Trolley-Problem ist zwar eine Abstraktion, aber es zeigt grundsätzlich: Allein weil man selbst Gewalt ablehnt, heißt das nicht, dass sie deshalb nicht geschieht. Mehr noch, Passivität führt in solchen Fällen dazu, dass man massive Gewalt nicht verhindert, obwohl man es kann. Dafür trägt man Verantwortung.
Der Russe, der an der Seite der Ukraine kämpfte
Bevor David sich vor einem Jahr freiwillig zum Militärdienst meldete, malte er Porträts von Antifaschist:innen, die auf der Seite der Ukraine kämpfen. Unter ihnen waren auch diejenigen Nichtukrainer:innen, die im April 2023 bei Bachmut fielen – der US-Amerikaner Cooper Andrews, der Ire Finbar Cafferkey und der Russe Dmitry Petrov.
Letzterer war ein Anthropologe und linker Aktivist, der sich früher auf den Moskauer Straßen mit russischen Nazis prügelte. Nach Beginn der Großinvasion meldete er sich freiwillig als Soldat, kämpfte gegen sein eigenes Heimatland – und starb.
In seinem Abschiedsbrief, der im Falle seines Todes veröffentlicht werden sollte, steht: „Als Anarchist, Revolutionär und Russe hielt ich es für notwendig, mich am bewaffneten Widerstand des ukrainischen Volkes gegen Putins Besatzer zu beteiligen. Ich tat dies aus Gerechtigkeit, zur Verteidigung der ukrainischen Gesellschaft und zur Befreiung meines Landes, Russland, von der Unterdrückung. Um all der Menschen willen, denen durch das abscheuliche totalitäre System in Russland und Belarus ihre Würde und die Möglichkeit, frei zu atmen, genommen wurde.“
Dem Leid anderer nicht zusehen wollen
Sein Vater, Dmitry Petrov senior, hat den autobiografischen Roman „Roditelskij den“ (Elterntag) über seinen Sohn geschrieben, um den unermesslichen Verlust zu verarbeiten. Der Text rührt zu Tränen. Sein Sohn wollte nicht dem Leid anderer zusehen und unternahm den konsequentesten Schritt, der überhaupt denkbar ist.
Im realen Leben sind Handlungsoptionen nicht binär wie im Gedankenexperiment, es gibt Abstufungen zwischen zusehen und selbst zur Waffe greifen. Was jedoch sicher nicht weiterhilft, ist ein Sofapazifismus, der die russischen Kriegsambitionen kleinredet. Wer den Ukrainer:innen die militärische Unterstützung verweigert, handelt nicht im Sinne eines Friedens, sondern lässt dem mörderischen Feldzug des Kremls freien Lauf.