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Indiens Luftwaffe braucht schnell neue Kampfjets. Frankreich steht vor einem möglichen Mega-Deal. Die indische Luftwaffe erreicht historischen Tiefpunkt.
Neu-Delhi/Paris – Die indische Luftwaffe (IAF) steht vor einer dramatischen Krise. Mit der Ausmusterung der letzten MiG-21-Jets im September sinkt die Zahl der Kampfjet-Staffeln auf nur noch 29 – der niedrigste Wert in der Geschichte der IAF. Laut Defence Industry Europe benötige Indien jedoch 42,5 Staffeln, um gleichzeitigen Bedrohungen durch Pakistan und China begegnen zu können.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Indien verfügt nach der MiG-21-Ausmusterung nur noch über 522 Kampfjets, während China etwa 1.200 und Pakistan 450 Maschinen besitzt. „Über das letzte Jahrzehnt wurde die Modernisierung der chinesischen Luftwaffe in sehr schnellem Tempo durchgeführt, und derzeit haben sie Fähigkeiten, die viel größer sind als die der IAF“, sagte der pensionierte Luftmarschall Ashish Vohra gegenüber DW.
Operation Sindoor verstärkt Dringlichkeit: Frankreichs Rafale als Favorit
Der Druck auf die indische Regierung hat sich nach der Operation Sindoor vom 7. bis 10. Mai 2025 erhöht, bei der Rafale-Jets Langstreckenangriffe gegen pakistanische Ziele flogen. Pakistan behaupete, sechs IAF-Flugzeuge abgeschossen zu haben, darunter drei Rafales, mit chinesischen J-10-Jägern und PL-15-Raketen. Indien bestreitet diese Verluste, möchte aber offenbar die Bestände schnell wieder auffüllen. Indien erwägt nun den direkten Kauf von 114 zusätzlichen Rafale-Kampfjets über ein Regierung-zu-Regierung-Geschäft, wie The Times of India berichtet.
Die IAF will den Fall bis Oktober 2025 dem Defence Acquisition Council vorlegen. „Die Regierung wird die endgültige Entscheidung treffen, wenn der MRFA-Fall zum DAC kommt“, sagte eine Quelle gegenüber The Times of India. „Aber ja, die IAF hat einen dringenden Bedarf an zusätzlichen Rafales projiziert, um die Verringerung der Anzahl ihrer Jagdstaffeln zu stoppen.“
Innige Umarmung unter Waffenbrüdern: Der Rafale-Deal könnte für das französische Rüstungsunternehmen Dassault Aviation einen neuen Exportrekord bedeuten und Frankreichs Position als wichtiger Verteidigungspartner Indiens stärken. © Björn Trotzki / Panoramic by PsnewZ / IMAGO
Ein direkter Kauf wäre laut IAF wirtschaftlicher und logistisch sinnvoller als eine offene Ausschreibung. Mit bereits 36 Rafales im Dienst sind die Luftwaffenstützpunkte Ambala und Hasimara ausgerüstet, um jeweils mindestens eine weitere Staffel zu beherbergen.
Technische Hürden und Industriekooperation: Indiens Eigenproduktion hinkt hinterher
Ein Knackpunkt bleibt Indiens Forderung nach Zugang zum Quellcode der Rafale, um einheimische Waffensysteme zu integrieren. Französische Hersteller wie Dassault, Safran, Thales und MBDA sind vorsichtig bei der Gewährung solchen Zugangs ohne Schutzmaßnahmen für ihre Technologie. Dennoch vertieft sich die französisch-indische Industriekooperation. Im Juni 2025 unterzeichneten Dassault Aviation und Tata Advanced Systems vier Produktionsübertragungsverträge zum Bau von Rafale-Rümpfen in Hyderabad – erstmals werden solche Baugruppen außerhalb Frankreichs gefertigt. Die Produktion soll 2028 mit bis zu zwei Rümpfen pro Monat beginnen.
Indiens einheimisches Tejas-Programm kann die Lücke nicht schnell genug schließen. Obwohl letzte Woche ein 7,2-Milliarden-Dollar-Deal für 97 Tejas Mark 1A genehmigt wurde, sind bisher nur 38 Maschinen in Dienst gestellt worden. „Tejas hat viele Probleme durchgemacht und wir sind immer noch von importierten Triebwerken abhängig“, erklärte der ehemalige Finanzberater Amit Cowshish gegenüber DW. Hindustan Aeronautics Limited (HAL) will Berichten zufolge die Produktion auf 24 Maschinen jährlich hochfahren, doch Experten bezweifeln, dass die Tejas Mark 1A bei Auslieferung noch zeitgemäß sein wird.
Kampfflugzeuge vom Typ Dassault Rafale: Die französische Luftwaffe verfügt über mindestens 172 Stück. © IMAGO / ABACAPRESSFuture Combat Air System FCAS: Deutsche Rüstungskooperation mit Frankreich im Fokus
Der mögliche Rafale-Deal gewinnt vor dem Hintergrund verschärfter regionaler Spannungen an Bedeutung. China soll Pakistan mindestens 40 J-35A-Stealth-Fighter liefern, was den Druck auf Indien zusätzlich erhöht. Gleichzeitig haben sich die Beziehungen zu den USA durch Trumps Zolldrohungen verschlechtert, was amerikanische Alternativen wie die F-35 unwahrscheinlicher macht. „Es gibt keine unmittelbare Bedrohung für die Verteidigungsindustrie durch die US-indische Handelskrise. Selbst wenn der F-35-Deal nicht zustande kommt, hat Indien Alternativen – wir haben russische und französische Optionen“, sagte Cowshish gegenüber DW.
Parallel zu Indiens Kampfjet-Bedarf rückt auch in Deutschland die europäische Verteidigungskooperation in den Mittelpunkt. Bei der Pressekonferenz im Verteidigungsministerium mit Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte Bundeskanzler Friedrich Merz erneut, dass Deutschland als stärkste konventionelle Armee auf europäischer Seite der NATO fungieren müsse.
Merz räumte ein, dass auch Deutschland keine eigene Kampfflugzeugproduktion besitze und verwies auf die Dringlichkeit des innereuropäischen Verteidigungsprojekts Future Combat Air System (FCAS). Nach eigenen Angaben habe er mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron vereinbart, im letzten Quartal 2025 eine gemeinsame Entscheidung über die Zukunft von FCAS zu treffen. Merz deutete an, dass Macron Ambitionen habe, ein französisches Rüstungsunternehmen als Hersteller mit in die Verantwortung zu bringen, ohne das Unternehmen konkret zu benennen. „Wir brauchen in Europa ein neues Kampfflugzeug, das entwickelt werden muss. Wir haben es zurzeit in eigenen Beständen oder aus eigener Produktion nicht“, so Merz wörtlich. (ls)