
AUDIO: Steigende Zahlen beim Sozialbetrug in Hamburg (1 Min)
Stand: 01.10.2025 15:09 Uhr
In einigen Städten des Ruhrgebiets gehen Jobcenter gegen kriminelle Banden vor, die im großen Stil beim Bürgergeld betrügen. Kommt das Phänomen auch in der Metropole Hamburg vor?
Dirk Heyden breitet einen Stapel Fotos auf dem Schreibtisch aus. Darauf zu sehen: winzige Zimmer, Schimmel an den Wänden, verdreckte Hinterhöfe. Entstanden sind die Bilder in diesem Jahr in verschiedenen Wohnhäusern in den Hamburger Stadtteilen Harburg, Rahlstedt oder Bergedorf. „Schrottimmobilien“, sagt Heyden. Er ist Geschäftsführer des Hamburger Jobcenters, Deutschlands größtem Jobcenter. „Sie müssen sich das beispielsweise so vorstellen: Es gibt dort keine Fluchtwege, es gibt keine WCs, es gibt keine ordentliche Kochgelegenheit.“ Diese minderwertigen Wohnungen werden oft überbelegt oder zu überteuerten Mieten an Sozialleistungsempfänger vermietet, für die das Jobcenter die Miete bezahlt.
Sondereinheit soll Betrug aufdecken

In einer vom Hamburger Jobcenter entdeckten Schrottimmobilie mussten die Bewohner eine Toilette im Hinterhof nutzen.
Das sogenannte „Fachteam organisierter Leistungsmissbrauch“, eine Art Sondereinheit, soll seit 2019 im Hamburger Jobcenter solche und andere Fälle von organisiertem Sozialleistungsmissbrauch aufdecken. Schrottimmobilien seien das Hauptproblem, sagt Heyden. Opfer seien dabei häufig Geflüchtete, etwa aus der Ukraine, die von ihren Vermietern ausgebeutet werden.
Dass Menschen aus anderen EU-Staaten mithilfe gefälschter Arbeitsverträge Bürgergeld beantragen, das ihnen eigentlich nicht zusteht, sei in der Hansestadt dagegen bislang nur vereinzelt registriert worden. Zuletzt waren aus Nordrhein-Westfalen Fälle bekannt geworden, bei denen kriminelle Banden Menschen aus Rumänien und Bulgarien mithilfe gefälschter Arbeitsverträge Bürgergeld beantragen lassen und dieses dann einkassieren. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) sprach daraufhin von „mafiösen Strukturen“.
Zahl der Fälle von Sozialleistungsbetrug steigt
Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt: Im Jahr 2024 wurden in Hamburg 107 Sozialleistungsbetrugsfälle registriert, bei denen ein Schaden in Höhe von rund 1,45 Millionen Euro entstand. Von den 117 ermittelten Tatverdächtigen waren 57 Prozent deutsche Staatsbürgerinnen oder Staatsbürger. Die Tendenz ist damit steigend: 2023 gab es nach Angaben der PKS 99 erfasste Fälle von Sozialleistungsbetrug, 2022 waren es 77. Unklar ist allerdings, bei wie vielen der Fälle es sich um Betrug beim Bürgergeld handelte, da diese nach Angaben des Hamburger Senats statistisch nicht gesondert erfasst werden. Dazu kommt eine Dunkelziffer in unbekannter Höhe.
Jobcenter-Chef Heyden führt die steigenden Fallzahlen vor allem auf verstärkte Ermittlungen zurück, auch durch das Fachteam des Jobcenters, das mit Polizei und anderen Behörden zusammenarbeitet. Das fünfköpfige Team hat seit 2019 in mehr als 2.600 Fällen ermittelt und allein im Bereich der Schrottimmobilien Forderungen in Höhe von rund einer Million Euro erstritten.
„Keine mafiösen Strukturen“ in Hamburg

Dirk Heyden ist Geschäftsführer des Hamburger Jobcenters.
Anders als in manchen Städten in Nordrhein-Westfalen gebe es in Hamburg keine Auffälligkeiten bei Bürgergeld-Empfängern aus Rumänien und Bulgarien, sagt Heyden. Tatsächlich gab es im Mai 2025 nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Hamburg rund 135.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, davon kamen jeweils weniger als 2.000 aus Bulgarien und Rumänien, Tendenz sinkend. Von Strukturen wie teilweise in Nordrhein-Westfalen könne in Hamburg keine Rede sein, so Heyden.
Bundesweit profitieren die Sozialsysteme erheblich von den Beiträgen rumänischer Arbeitnehmer, sagt der Arbeitsmarkt- und Migrationsforscher Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, einer Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Bei Menschen aus Rumänien, die in Deutschland leben, gebe es prozentual weniger Bürgergeld-Bezieher als bei Deutschen. „Rumänen sind Netto-Einzahler in unsere Sozialsysteme“, sagt Brücker.
Situation nicht vergleichbar
Dass Hamburg beim organisierten Sozialbetrug nicht mit Städten wie Gelsenkirchen oder Duisburg vergleichbar ist, bestätigt Malte Habscheidt von der Diakonie in der Hansestadt. „Mafiöse Strukturen begegnen uns nicht in unserer täglicher Arbeit“, sagt Habscheidt. Bei Menschen aus Rumänien, die nach Hamburg kommen, sei viel mehr das Problem, dass sie unter falschen Versprechungen nach Hamburg gelockt würden, sie dann doch keine ertragreiche Arbeit fänden und schließlich auf der Straße landeten.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Hamburger Senat in einer Antwort auf eine Große Anfrage der AfD. „Den zuständigen Behörden (liegen) keine Erkenntnisse über ‚mafiöse Strukturen‘ beim Bürgergeldbezug in Hamburg vor, sondern nur Erkenntnisse über begrenzte Einzelfälle, die sich nicht schwerpunktmäßig einzelnen Bezirken, Stadtteilen, Branchen oder bestimmten Unternehmen zuordnen lassen“, heißt es darin.
„Elektronischer Datenaustausch nicht flächendeckend möglich“
In derselben Antwort konstatiert der Senat bei der Verfolgung von Sozialleistungsbetrügern „praktische Hürden in der behördenübergreifenden Zusammenarbeit“. So seien die IT-Systeme nicht kompatibel, weswegen ein „elektronischer Datenaustausch derzeit nicht flächendeckend möglich“ sei. Auch Jobcenter-Chef Heyden bemängelt den Datenaustausch zwischen verschiedenen Behörden, der derzeit oftmals aufgrund von Datenschutz-Gesetzen schlicht verboten sei. „Der Gesetzgeber wäre klug beraten, die Rechtsgrundlagen dafür zu schaffen, dass so ein Austausch tatsächlich stattfindet“, sagt Heyden.

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