Antifaschismus und internationale Solidarität wurden in der Deutschen Demokratischen Republik offiziell stets hochgehalten. Hunderttausende Vertragsarbeiter und Studenten aus sozialistischen Bruderstaaten lebten, arbeiteten und lernten von den 1960er-Jahren an bis zum Ende der DDR 1989/90 im ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaat. Wie Volkspolizei und Staatssicherheit der DDR die „Ausländer“ sahen, wie sie mit ihnen umgingen und ob es einen „institutionellen Rassismus“ in der „geschlossenen Gesellschaft“ der DDR gab, hat ein Forschungsprojekt des Instituts für Landesgeschichte am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt in Halle erstmals untersucht.
Vertragsarbeiter und Studenten
Ein Teilprojekt des Historikers Dr. Christian Dietrich untersuchte dabei, wie Vertragsarbeiter und ausländische Studenten in den Bezirken Halle und Magdeburg zwei Jahrzehnte lang wahrgenommen und behandelt wurden. Man könne heute „differenzierter über Rassismus in der DDR“ sprechen, bilanziert Dietrich, denn die Anwesenheit von Vertragsarbeitern sei „politisch erwünscht“ gewesen. Das habe das Verhalten der Sicherheitsorgane beeinflusst, so der Historiker weiter: „Überraschend war für mich: In der Volkspolizei gab es auch die Angst, im Umgang mit Vertragsarbeitern Fehler zu machen und dafür politische Konsequenzen tragen zu müssen.“
Kommt es zu rassistischen Übergriffen, werden diese vertuscht, wie eine aktuelle ARD-Recherche das y_kollektiv zeigt. Einer der wenigen bekannten Fälle stammt aus dem Jahr 1978. Damals hetzten Volkspolizisten bei einem Weinfest in Freyburg/U. ihre Hunde auf eine Gruppe Kubaner. Bis zur Öffnung der Archive des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 gab es so gut wie keine öffentlich zugänglichen Informationen über die tatsächlichen rassistischen Vorkommnisse in der DDR und deren Hintergründe, so die Bundeszentrale für Politische Bildung.
Nicht-Behandlung des Ausländerrechts
Eine zweite Teilstudie des Historikers Yves Müller konzentrierte sich auf die polizeiliche Ausbildung und Erziehung an der Offiziersschule des Ministeriums des Innern in Aschersleben und der Schule für Abschnittsbevollmächtigte (ABV) in Wolfen. Müller zufolge betrachteten die DDR-Behörden die Anwesenheit von Ausländern in der DDR als „temporäre Erscheinungen“ mit einer „begrenzten Halbwertszeit“. Zwar hätten die ABV in Wohnbezirken oder die Leiter der Abteilungen „Pass- und Meldewesen“ mit Ausländern zu tun gehabt, der gemeine Volkspolizist sei aber „weitgehend ahnungslos“ gewesen. Eine Ursache sei die Nicht-Behandlung des Ausländerrechts in der polizeilichen Ausbildung sowie der „Normalismus der sozialistischen Gemeinschaft“ in der DDR gewesen, so Müller: „Das heißt, was als ‚fremd‘ wahrgenommen wurde, galt als ‚besonders‘, als nicht ’normal‘. Diese Spezifika des SED-Regimes sind bei der Diskussion um den institutionellen Rassismus in die Gleichung zu integrieren.“
Tagung präsentiert drei Jahre Forschung
Für das über drei Jahre laufende und durch das Bundesforschungsministerium geförderte Forschungsprojekt „Institutioneller Rassismus in den Sicherheitsbehörden der DDR“ (IRiS) werteten die Historiker Quellen des Landesarchivs Sachsen-Anhalt, des Bundesarchivs sowie des Stasi-Unterlagen-Archivs aus. Darüber hinaus wurden Zeitzeugengespräche mit ehemaligen Volkspolizisten geführt. Nach Angaben des Leiters des Instituts für Landesgeschichte am LDA, Michael Hecht, wurden drei Jahre lang „rassistische Wahrnehmungen sowie die Bewertung von Rechtsextremismus in den DDR-Sicherheitsbehörden erforscht“.
Die Forschungsergebnisse werden am 8. und 9. Oktober 2025 auf der Tagung „Freunde unserer Ordnung? Nationalismus und transnationale Vernetzung in der deutschen Volkspolizei und der Staatssicherheit“ am Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) präsentiert.
Ob in den DDR-Sicherheitskräften von einem grundsätzlichen „institutionellen Rassismus“ zu sprechen ist, kann die Studie nicht abschließend und absolut beantworten. Sie liefert aber einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag, um die Komplexität des Themas in seinen verschiedenen Facetten zu beleuchten. Nach Angaben des Instituts für Landesgeschichte liefern die Forschungsergebnisse einen „wichtigen Baustein für das Verständnis der komplexen Sicherheitsstrukturen der DDR und ihrer internationalen Verflechtungen“.
Öffentliche Tagung
Termin: Mittwoch, 8. Oktober 2025, 17 Uhr
Ort: Hörsaal des Landesmuseums für Vorgeschichte
Richard-Wagner-Straße 9
06114 Halle (Saale)
Grußwort: LDA-Direktor Harald Meller
Vortrag: Thomas Lindenberger, Die Deutsche Volkspolizei in der Honecker-Ära
Literatur
Beide Studien erscheinen in der Reihe „Landesgeschichtliche Beiträge“ im hauseigenen Verlag des LDA:
Sicherheitsauftrag: Völkerfreundschaft. Staatssicherheit, Volkspolizei und die Arbeits- und Ausbildungsmigration in die DDR (1972–1990), Landesgeschichtliche Beiträge, Bd. 5, erscheint im Oktober 2025.
Ausbildungsziel: „Antiimperialistische Solidarität“. Die Ausbildung und Erziehung in der Deutschen Volkspolizei und die Frage des institutionellen Rassismus am Beispiel der Offiziersschule des MdI Aschersleben und der ABV-Schule Wolfen, Landesgeschichtliche Beiträge, Bd. 7, erscheint im Sommer 2026.