Inhalt

Auf einer Seite lesen

Inhalt


  1. Seite 1Daheim im Flow
  2. Seite 2Es geht nicht um das Festhalten, sondern um das Erinnern

Für ihn ist es das hanok seiner Kindheit in Seoul. „Dieses Haus hat mich immer verfolgt“, sagt er. Das wohl verrückteste Resultat dieses Wahns ist sein Werk Rubbing/Loving: Seoul Home – eine maßstabsgetreue Papierkopie des Hauses, die ebenfalls in der Tate Modern zu betrachten ist.

Sein Elternhaus in Seoul pauste Suh auf Papier ab.
© Do Ho Suh

Als Südkoreaner, der die Spannungen zwischen dem Norden und Süden in den Neunzigerjahren mitverfolgte, war für Suh die Bedrohung eines Krieges und der möglichen Zerstörung seines Elternhauses immer präsent. Als Student kam er auf die Idee, das hanok komplett mit Papier zu bedecken, mit Graphit durchzureiben und so einen Abdruck davon zu schaffen – eine Technik namens Frottage, die man normalerweise eher mit Münzen oder Blättern praktiziert. Damals hatte Suh weder das Geld noch das Team für solch ein aufwendiges Projekt. Und seine Eltern lebten noch beide auf dem Grundstück, nutzten auch dieses Haus; sein Vater wanderte gern stundenlang durch den Garten und sammelte Piniennadeln („Sein obsessives Ding“, sagt Suh). Suh fürchtete, er könne das Haus mit einem Fluch besetzen, wenn er es in weißes Papier einpackte. In Südkorea ist Weiß die Farbe des Todes. Er setzte die Idee dann in seiner damaligen Wohnung in New York um, zunächst nur an kleineren Oberflächen wie Herdplatten und Badarmaturen. Als er 2016 sein langjähriges Apartment in New York aufgab, erlaubten ihm die Besitzer, das gesamte zweistöckige Haus in Papier zu verpacken und durchzureiben – ein monatelanger Prozess, der sich, wie Suh sagt, „wie das Streicheln der Wände“ angefühlt habe.

Seine Töchter basteln lieber mit Eisstielen.
© Clara Nebeling für ZEITmagazin

Ab 2013 verwirklichte er das Projekt dann auch an seinem Zuhause in Seoul. Als Material verwendete er Maulbeerpapier. Allein das Verpacken des Hauses, sagt Suh, habe über einen Monat gedauert. Das Papier musste mit etwas Wasser vorsichtig an jede noch so kleine Erhebung angedrückt werden, um das Übertragen jedes Fassaden- und Dachelements zu ermöglichen. Eines Morgens sah Suh das hanok ganz in Weiß im dämmrigen Nebel leuchten. Und er stellte fest, wie viel er von den jetzt verborgenen Details dieses Hauses, in dem er doch so viel Zeit verbracht hatte, schon nicht mehr erinnerte. Als er anfing, die Wände durchzureiben und Details wie Ornamentgiebel, Fensterverschlüsse, die Maserung der Türrahmen wieder sichtbar wurden, sei eine Welle der Erleichterung über ihn gekommen. Ihm sei aber auch klar geworden, wie fragil Erinnerungen sind – wie schnell man sie verlieren kann. Suh arbeitete mit Unterbrechungen acht Monate an dem Abdruck, ein Vorgang, den er mit dem Berühren des Körpers einer Geliebten vergleicht: „Man darf nicht zu fest aufdrücken und nicht zu wenig.“ Zwischendurch stand das verpackte Haus unberührt herum, das Papier hielt trotz Regen. In der Ausstellung ist das Haus in seiner Originalgröße zu betrachten, zusammengefügt aus den durchgeriebenen und entsprechend geformten Papierbögen, stabilisiert durch ein Drahtgerüst. Der Anblick ist atemberaubend, nicht nur, weil das scheinbar nur aus Papier bestehende Gebäude tatsächlich hält, sondern auch, weil man anhand der detailreichen Graphitschraffierungen die unglaubliche Arbeit sieht, die darin steckt. Und das alles, um ein Haus festzuhalten – in einer Zeit, in der es man auch einfach gestochen scharf hätte fotografieren können.

Aber Suh geht es nicht um das Festhalten, sondern um das Erinnern. Und das beginnt ja erst, wenn man etwas hinter sich lässt. Zuhause ist für ihn eine Reihe von Erinnerungen, die einen überall hinbegleiten. Und wie Gefühle sind Erinnerungen eben nicht scharf, sondern eher biegsam, durchscheinend – wie Stoff oder Papier.

Als er sein Apartment in New York aufgab, erlaubten ihm die Besitzer, das ganze Haus in Papier zu verpacken und durchzureiben – was sich laut Suh ‚wie das Streicheln der Wände‘ anfühlte.

In diesen Tagen beschäftigt sich Suh mit einer anderen Art von Zuhause. Seine Töchter, 11 und 14 Jahre alt, haben das Alter hinter sich gelassen, in dem sie an der Hand ihres Vaters gehen wollen, und Suh macht das ein bisschen traurig. Also hat er begonnen, aus Fimo Abdrücke von dieser Geste mit seinen Töchtern herzustellen. „Sie nehmen Knete in einer Farbe, ich nehme welche in einer anderen Farbe, und dann pressen wir unsere Hände mit den Knetstücken dazwischen aneinander“, erklärt er. Die Abdrücke hängen in Klarsichttüten an seiner Pinnwand; er überlegt noch, was er damit anstellen soll. Auch die riesigen Fimo-Skulpturen in seinem Atelier sind kollaborative Projekte mit seinen Töchtern, die als kleine Kinder anfingen, Fabelwelten aus der Knete zu gestalten. Und das Gestell aus Eisstielen in der Mitte seines Ateliers war ursprünglich mal der Versuch einer der Töchter, ein Klettergerüst zu bauen.

© ZEIT ONLINE

Newsletter
Beziehungsweise

Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.

Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.

Später an diesem Tag sitzt Suh inmitten des Gestells auf dem Fußboden in der Sonne und sinniert über Übernatürliches. „In allen Wohnungen, in denen ich als Erwachsener gelebt habe, habe ich immer die Gespenster der Vorbewohner gespürt“, sagt er.

Hat er schon mal ein Gespenst gesehen?

„In meiner New Yorker Wohnung habe ich irgendeine Präsenz wahrgenommen, als ich dort die Wände durchgerieben habe“, sagt Suh. Dann erzählt er von einer Begegnung mit einem taoistischen Meister, der – angeblich ohne jegliches Wissen über Suhs künstlerische Arbeit – gesagt habe, dass der in seinem vorherigen Leben ein tibetischer Mönch gewesen sei, der im Himalaya Felswände auf Papier durchgerieben habe. Weiterhin habe der Taoist erläutert: „Wenn man ein Gespenst sieht, sieht man nicht wirklich das Gespenst – man nimmt eher die Energie einer Person wahr.“

Do Ho Suh ist einer, der Energien folgt. Wo er etwas spürt, tastet er sich weiter vor. Ende der Neunzigerjahre, Suh war damals Ende 30, lebte er arbeitslos und arm in New York, war kurz davor, die Kunst aufzugeben. Ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit, sagt er, habe er plötzlich eine Art Vision gehabt: „Es war ganz seltsam. Mir wurde auf einmal klar: Ich bin Künstler. Das ist mein Schicksal.“

Z+

Z+ (abopflichtiger Inhalt);

Beto O’Rourke:
„Wir haben uns ein tiefes Loch gegraben“

Z+ (abopflichtiger Inhalt);

„Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkılıç:
Nie lagen Beten und Ejakulieren so nah beieinander

Z+ (abopflichtiger Inhalt);

Russische Ölwirtschaft:
Jetzt kommt die Vergeltung

Suh ist ein Spätzünder. Er wurde mit 49 erstmals Vater, und echte Berühmtheit hat er mit seiner Kunst erst in den vergangenen zehn Jahren erlangt. Suh wirkt wie einer, der sich im Fluss des Lebens eher treiben lässt und schaut, was er dabei entdeckt, anstatt nach etwas zu eifern und zu greifen. „Man kann eh nichts auf der Welt festhalten“, sagt er. Seine Arbeit sei, im Gegenteil, eher der Versuch, etwas loszulassen. In der Psychotherapie redet man wieder und wieder über belastende Erlebnisse, um sie damit letztlich aufzulösen. „Meine Kunst ist für mich ähnlich“, sagt Suh. „Sie ist das Resultat dieses Prozesses, etwas loszulassen.“ Inzwischen sieht er es so, dass man, wenn man sein Ur-Zuhause einmal verlassen hat, nie wieder richtig nach Hause findet. Aber das ist in Ordnung. Man hat ja immer das Gespenst seines Zuhauses bei sich.