Kurz nachdem Pekings Schachzug vergangene Woche angekündigt worden war, schwoll der Chor warnender Stimmen im Westen deutlich an: China hatte gerade im sich zuspitzenden Handelsstreit mit Amerika zum Gegenschlag ausgeholt und eine weitere Verschärfung seiner Ausfuhrregeln für Seltene-Erden-Metalle in den Westen angekündigt, da meldeten sich die hiesige Elektronik-, Rüstungs- und Autobranche lautstark zu Wort – mit Warnungen, die es in sich hatten.

Denn China ist mit seinen rund 50 großen und staatlich kontrollierten Förder- und Verarbeitungsunternehmen der alles beherrschende Monopolist im Markt. Eine Stellung, die das Reich der Mitte über Jahrzehnte strategisch aufgebaut hat. Ohne Peking geht auf den SE-Märkten heute nichts mehr. Und ohne Seltene Erden dreht sich keine Windkraftanlage, arbeitet kein PC, bewegt sich kein Elektrofahrzeug und auch kein Auto mit einem klassischen Verbrennungsmotor.

Autoindustrie ist in Deutschland der größte Abnehmer

So heißt es in Washington und Brüssel nach den jüngsten verbalen Scharmützeln, dass der von China für Anfang November anberaumte Quasi-Ausfuhrstopp ganze Industrien im Westen ausbremsen, Fabriken stilllegen und Betriebe aus angestammten Geschäften drängen könnte. Das würde nicht nur Hunderttausende Arbeitsplätze, sondern auch ein Gutteil des Vertrauens in die eigene Sicherheit kosten. Denn die betroffenen Rohstoffe stecken nicht nur in kleinen und kleinsten Mengen in Kühlschränken (200 Gramm), Computern (13 Gramm) und Smartphones (ein Gramm). Sie finden sich auch in Kampfjets (418 Kilogramm) und U-Booten (4,6 Tonnen).

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In Deutschland ist die Autoindustrie der mit Abstand größte Abnehmer Seltener Erden. Sie braucht die begehrten Metalle vor allem für besonders starke Magnete. Diese Permanentmagnete stecken wiederum im Fahrzeug quasi überall: im Antriebs- und im Bremssystem, in der Servolenkung, den Fensterhebern, der Sitzverstellung oder den Scheibenwischern. Ein durchschnittliches Auto enthält bis zu 70 dieser kleinen Elektromotoren. Sollte China seine Ausfuhr von Seltenen Erden wirklich stoppen, stünden in Deutschland die Autofabriken irgendwann still. Auch im Maschinenbau, in der Chemie-, in der Elektro- und der Halbleiterindustrie sind SE-Metalle aufgrund ihrer Eigenschaften unentbehrlich.

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Zwar hatten hiesige Unternehmen schon im Frühjahr Alarm geschlagen, als Peking schon einmal hart auf die Exportbremse getreten hatte. Doch schien sich die Lage nach einer Einigung zwischen den USA und China im Sommer zu entspannen. Nun aber ist der Streit abermals eskaliert. Dabei geht es um kleine Volumina.

Weniger als eine halbe Million Tonnen der begehrten Metalle kommen derzeit im Jahr auf den Markt. Ihr Preis: kaum 20 Milliarden Dollar. Doch ohne China geht wenig, im Reich der Mitte befinden sich nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur nicht weniger als 17 Bergbaustätten und Dutzende Verarbeitungsanlagen. Sie decken sowohl den Bedarf Chinas ab als auch große Teile des Weltmarktes. Die vom zuständigen Pekinger Ministerium zugeteilte Bergbau-Quote betrug im Jahr 255.000 Tonnen an SE-Material. Die Förderung und Verarbeitung liegt in den Händen von 46 größeren und staatlich kontrollierten Unternehmen. Dazu zählen Gansu Rare Earth, Baotou Huamei und Leshan Shenghe. Allein die Kapazitäten dieser drei Konzerne könnten den halben Weltmarkt abdecken.

China kontrolliert fast 70 Prozent des Abbaus und 90 Prozent der Raffinierung von Seltenen Erden in der Welt. Ein Monopol, das seit vierzig Jahren gezielt aufgebaut worden ist. Peking war schon Ende der Achtzigerjahren dabei, die als außerordentlich dreckig und kostspielig geltende Förderung und Verarbeitung von SE-Metallen an sich zu ziehen. Die Hochtechnologie im Westen brauchte die Rohstoffe, doch aus ökologischen Gründen wollte kaum jemand die Metalle fördern und verarbeiten. China sah eine Chance. In Deutschland war damals bei Wittenberg im heutigen Sachsen-Anhalt der Bau einer der letzten Anlagen zur Raffinierung von SE-Metallen im Rohbau gestoppt worden; zur gleichen Zeit rief China Seltene-Erden-Metalle zum „entscheidenden Material“ aus.

Während der Westen bis heute hohe bürokratische Hindernisse vor die Förderung und Verarbeitung von SE-Metallen stellt, räumte Peking alle Hürden aus dem Weg. Während der Westen seine Strukturen über drei Jahrzehnte hinweg zurückfuhr, genehmigte Peking Förder-, Bau- und Betriebsanträge binnen Wochen. Vom Erstantrag bis zur Inbetriebnahme neuer Anlagen dauerte es allenfalls zwei Jahre, schreiben die Analysten des Bankhauses J.P. Morgan. Diese Politik brachte dem Reich der Mitte seine Poleposition.

Einer der Großabnehmer im Westen ist neben der Auto- die Rüstungsindus­trie. Sind die Metalle doch zentnerweise in jedem Panzer und jeder Rakete verbaut. Die Rüstungsbranche allerdings hält sich mit Details bedeckt. Die deutsche Bundesakademie für Sicherheitspolitik hatte Seltene Erden schon 2019 in den Rang „strategischer Rohstoffe“ gehoben. Die NATO, hieß es damals im gleichen Bericht, sei aber zu hundert Prozent von China abhängig. Heute braucht das amerikanische Militär im Jahr in etwa die Menge, die Deutschland einführt. Vor Kurzem gab Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender des größten deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, einen seltenen öffentlichen Einblick in seine Strategie.

„Wenn man weiß, dass etwas knapp wird, muss man es sich hinlegen. Das hat man früher auch gemacht, im Winter, da hat man eingelegt und eingekocht“, sagte der Manager auf einer Konferenz des „Handelsblatts“ im September. Für die „kritischen Sachen“ habe sich der Dax-Konzern inzwischen ein Lager für fünf Jahre aufgebaut. Wichtig sei zudem eine Differenzierung der Lieferanten, bei Chips arbeite der Rüstungskonzern mit zehn Herstellern zusammen. „Das geht von Taiwan bis in die USA, also querbeet“, sagte Papperger.

Auch bei Seltenen Erden oder Magneten sei die Rüstungsbranche bislang im Vergleich zu anderen Industrien noch weniger betroffen, weil die Stückzahlen so gering seien. „Wir haben ein Risikomanagement, was jeden Monat gescannt wird, und da gibt es 74 Risikoklassen“, sagte Papperger. „Das sieht bei uns im Moment sehr gut aus.“ Mit 22.000 Zulieferern arbeitet der Rüstungskonzern nach eigenen Angaben zusammen, schon seit einiger Zeit geht es in der Lieferkette vermehrt darum, dass sich auch die Zulieferer so qualifizieren, dass sie mehrere Bezugsquellen aufweisen.

Die Bundesrepublik spielt nach Angaben der deutschen Rohstoffagentur in Berlin weder bei der Förderung noch der Raffinierung, der Aufarbeitung oder dem Handel mit SE-Metallen eine wichtige Rolle in der Welt. Wie die bundeseigene Agentur in ihren „Rohstoffinformationen“ Anfang des Jahres geschrieben hat, gibt es hierzulande seit dreieinhalb Jahrzehnten keine nennenswerten Anstrengungen zur kommerziellen Aufbereitung von SE-Erzen oder SE-Mineralien.

Um auf lange Sicht die Abhängigkeiten von China zu verringern, bauen die Amerikaner wieder eine eigene Förder- und Verarbeitungsindustrie auf. Lagerstätten sind massenhaft vorhanden, Raffinerien nicht. Washington will das ändern. Die Börse hat die ersten heimischen Kandidaten ausgemacht. Die Aktie von USA Rare Earth Inc. war jahrelang zu einem Preis von etwa zehn Dollar zu haben, nun notiert sie auf einem Allzeithoch von knapp 40 Dollar. Der Kurs der Nio-Corp-Development Ltd. hat sich seit Juni verfünffacht, der von Ramaco Resources legte 40 Prozent zu.

Und auch deutsche Ingenieurtechnik ist nach wie vor am Ball. So ist es den Entwicklern im BMW-Konzern gelungen, bei einem Teil der großen Elektromotoren seiner Autos ganz auf Seltene Erden zu verzichten. Dank eines neuen Konstruktionsprinzips ersetzen in der aktuellen Generation der Batterieautos der Bayern Magnetfelder die ansonsten üblichen Magnete und machen damit die Seltene-Erden-Metalle überflüssig. Allerdings: Die magnetfreien E-Motoren sind teurer. Und wie alle anderen Autohersteller auch braucht BMW die Seltenen Erden für alle übrigen, kleineren Elektromotoren in seinen Fahrzeugen.