Vor allem in Randregionen führt die Tour de France zu einem sinkenden Wähleranteil rechtspopulistischer Parteien. Das liegt an wirtschaftlichen Effekten, vor allem aber an der Befindlichkeit der Bevölkerung.

Wenn die Tour de France vorbeikommt, lassen sich die Franzosen etwas einfallen.Wenn die Tour de France vorbeikommt, lassen sich die Franzosen etwas einfallen.

Tim De Waele / Corbis via Getty

Die Tour de France bringt ganze Regionen Frankreichs aus dem Häuschen. Durchquert La Grande Boucle jeden Sommer das Land, lassen sich Radsport-Verrückte allerhand einfallen. Bauern konstruieren zum Beispiel auf einem Feld aus Strohballen ein symbolisches Velo, stellen dessen Räder mit im Kreis fahrenden Traktoren dar. Entlang der Strecke gibt es Fans, die in Unterhosen auf Spinning-Bikes strampeln oder sich mit kreativen Kostümen gegenseitig übertreffen.

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Sie machen das alles für wenige Sekunden Aufmerksamkeit in der TV-Übertragung. Diesen Wunsch hegen nicht nur Zuschauerinnen und Zuschauer, sondern auch französische Gemeinden. Etwa 300 bewerben sich jedes Jahr darum, Etappenort der grössten Rundfahrt der Welt zu werden. Bekommen sie den Zuschlag, sanieren die Kommunen die Strassen, putzen sich heraus und feiern ein Volksfest. Im Gegenzug hoffen sie auf ausgebuchte Hotels, Umsätze in der Gastronomie und vor allem Aufmerksamkeit.

Doch nicht nur der Habitus eines Etappenortes verändert sich, auch die Politlandschaft. Das geht aus der Studie «Cycling through Elections: The Political Consequences of the Tour de France» hervor. Dafür haben Wissenschafterinnen und Wissenschafter der Universitäten Zürich und Mailand die Resultate französischer Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zwischen 2002 und 2022 analysiert.

Das Pro-Kopf-Einkommen steigt um 56 Euro pro Jahr

Das Resultat der Studie, die noch mit einem Peer-Review überprüft wird, überrascht. In Gemeinden, die in den fünf Jahren vor einer Wahl vom Tour-Tross durchquert wurden oder sogar Start- oder Zielort waren, sank der Wähleranteil rechtspopulistischer Parteien signifikant – um 1 bis 2 Prozent.

Am grössten war der Effekt in finanzschwachen Gemeinden in Randregionen. Also an Orten, wo Deindustrialisierung und ein schwacher Arbeitsmarkt zur Krise geführt hatten. Gemäss den Studienautoren sind das Treiber für einen erhöhten Wähleranteil rechtspopulistischer Partien.

Die Studie beleuchtet deshalb nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Tour. Diese sind wie die politischen Auswirkungen statistisch signifikant, aber begrenzt. Das Pro-Kopf-Einkommen in einer Gemeinde stieg um durchschnittlich 56 Euro pro Jahr, das entspricht lediglich 0,14 Prozent.

Die Tour, das Kulturgut: Zuschauer während der Tour de France im Jahr 1951.Die Tour, das Kulturgut: Zuschauer während der Tour de France im Jahr 1951.

Bettmann via Getty

Der Grund dafür dürften Mehreinnahmen im Tourismus sein: Hotels entlang der Strecke verzeichneten 20 Prozent bessere Übernachtungszahlen. Diese wirtschaftlichen Effekte hielten allerdings nur kurz an. Langfristige Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote haben die Autorinnen und Autoren nicht nachgewiesen.

Ein Fest des «Französisch-Seins»

Maëlle Delouis-Jost ist Doktorandin am Institut für Soziologie der Universität Zürich und Co-Autorin der Studie. Aus ihrer Sicht ist die Veränderung des Wahlverhaltens kein Zufall. Dafür sei nicht allein das marginal verbesserte Pro-Kopf-Einkommen verantwortlich, sondern eine Änderung in der Befindlichkeit der Menschen. «Gerade in ländlichen Regionen fühlt sich die Bevölkerung vom Rest des Landes abgehängt», sagt sie. Dieses Gefühl haben die Studienautorinnen mit einem Fragebogen abgefragt. Dieses «Abgehängtsein» ist ein Nährboden, auf dem rechtspopulistische Parteien besonders erfolgreich sind. Bis die Tour de France kommt.

Maëlle Delouis-Jost, Soziologin Universität Zürich.Maëlle Delouis-Jost, Soziologin Universität Zürich.

PD

Die Tour bringe nationale und internationale Aufmerksamkeit in die Peripherie, sagt Delouis-Jost: «Das führt zu einer grösseren Verbundenheit, stärkt das Gefühl dazuzugehören.» Begünstigt werde dieser Effekt dadurch, dass während der Tour-Übertragungen im Fernsehen auch Sehenswürdigkeiten gezeigt würden, das Rennen mehr als eine Sportveranstaltung sei.

An der Tour de France zelebriert die Grande Nation ihren Nationalstolz, die Rundfahrt hat eine starke Symbolkraft. «Die Tour ist ein Fest des ‹Französisch-Seins›», sagt Delouis-Jost – sie ist selbst Französin. Er fühle sich, als sei seine Gemeinde wirklich wichtig, sagte ein Zuschauer nach einer Etappe an seinem Wohnort zu den Wissenschaftern. Dazu passt, dass der Wahlerfolg der Rechtspopulisten noch stärker sinkt, wenn ein Franzose die betreffende Etappe gewinnt.

65 Prozent der Bevölkerung schauen an der Tour zu

Delouis-Jost erklärt sich den politischen Effekt auch damit, dass es während dreier Wochen im Sommer in Frankreich fast unmöglich ist, sich der Tour de France zu entziehen. Das liegt einerseits an der TV-Übertragung, 45 Millionen Französinnen und Franzosen oder 65 Prozent der Gesamtbevölkerung schauten während der letzten Austragung mindestens eine Minute lang zu; in Europa waren es 150 Millionen Menschen. Zu Spitzenzeiten sassen in Frankreich über 8 Millionen vor dem TV – und geschätzte 12 bis 15 Millionen verfolgten eine Etappe am Strassenrand.

Wenn die Tour in entlegene Regionen kommt, fühlt man sich dort wieder eingebundener - und wählt seltener Rechtspopulisten.Wenn die Tour in entlegene Regionen kommt, fühlt man sich dort wieder eingebundener – und wählt seltener Rechtspopulisten.

Tim De Waele / Getty

Velorennen finden nicht in abgeschlossenen Stadien statt, sondern in der Landschaft, was sie zugänglich für alle macht. Die Tour ist Teil eines grossen Ganzen, durchquert prosperierende, aber auch ärmere Regionen Frankreichs, überquert kulturelle Grenzen. «Die Tour ist gratis für alle verfügbar, steht während Wochen in allen Medien.» Und die Route sei nicht von der Politik beeinflusst, sagt Delouis-Jost: «Das macht sie für uns interessant, um politische Auswirkungen zu untersuchen.»

Delouis-Jost war selbst bei einigen Etappen dabei. «Mich haben die Verbundenheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerung überrascht», sagt sie. Das bestätigt auch ein Zuschauer in der Studie. Er sagt, die Tour habe in seinem Wohnort die Menschen zusammengebracht. Bei ihm habe das Velorennen ausgelöst, dass er seine Gemeinde nun mehr liebe.

Die Effekte sind nicht beliebig auf andere Sportanlässe übertragbar

Der Radsport ist seit je auch politisch geprägt; nicht erst seit den heftigen propalästinensischen Protesten während der Vuelta. «L’Auto», die Zeitschrift, welche die Tour de France 1903 gründete, entstand aus Streitereien nach der Dreyfus-Affäre, einem Justizskandal, der Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts in eine politische Krise stürzte. Die Flandern-Rundfahrt war im frühen 20. Jahrhundert von der flämischen Nationalbewegung geprägt.

Ihr sei bewusst, dass die Tour de France die französische Politlandschaft nicht auf den Kopf stellen werde, sagt Delouis-Jost. Die Tour ist der grösste Sportanlass der Welt, der jedes Jahr stattfindet. Wegen dieses Alleinstellungsmerkmals und der Symbolkraft glaubt die Soziologin auch nicht, dass sich die politischen Effekte der Tour beliebig auf andere Sportanlässe übertragen lassen. «Sie können zwar andernorts eintreten, wir wissen aber nicht, inwiefern sich unsere Erkenntnisse von der Tour de France verallgemeinern lassen», sagt die Soziologin Delouis-Jost.

Im kommenden Jahr startet die Tour in Barcelona, 2027 in Yorkshire, 2030 steht Ostdeutschland mit Dresden im Raum. Ob sich dort ähnliche Effekte einstellen?