Die flüchtigen Täter sind mit einem Lastenaufzug über ein Fenster eingestiegen. Sie haben unter anderem Schmuck der Kaiserin Eugénie gestohlen.
Tobias Marti, Jan Ludwig, Rudolf Balmer19.10.2025, 22.31 UhrAktualisiertPolizisten nach dem Überfall auf den Louvre.
Kiran Ridley / Getty
Die Einbrecher, die am Sonntag Paris in Aufruhr versetzten, wussten, was sie taten. Ihr Coup scheint so filmreif wie der Tatort: ein Einbruch in den Louvre. «Das sind Profis», sagte Frankreichs Kulturministerin Rachida Dati wenige Stunden nach der Tat. In wenigen Minuten hätten die Täter Vitrinen zerstört und seien mit ihrer Beute verschwunden, und das ohne jegliche Gewaltanwendung, schilderte Dati. Aus ihrer Bemerkung schien fast eine gewisse Anerkennung durchzuschimmern.
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Die Meldung, dass am Sonntagmorgen in das weltberühmte Museum eingebrochen wurde, ging um die Welt. Die Täter haben laut Angaben des Innen- und des Kulturministeriums Schmuckstücke erbeutet, die über ihren Marktwert hinaus «einen unschätzbaren kulturellen und historischen Wert» haben. Der französische Emmanuel Macron bezeichnete den Diebstahl als ein «Angriff auf ein Kulturgut» Frankreichs. Denn die Diebe hatten es offensichtlich auf die im Louvre aufbewahrten Kronjuwelen der französischen Monarchie abgesehen.
Die Polizei sicherte nach dem Überfall Spuren an einem Lastenaufzug.
Die Täter konnten laut den Pariser Behörden neun Schmuckstücke erbeuten, eins liessen sie jedoch zurück. Die Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau berichtet, zwei Halsketten, mehrere Ohrringe, zwei Broschen sowie ein Diadem seien entwendet worden. Die Schmuckstücke hätten den Kaiserinnen Marie-Louise und Eugénie sowie den Königinnen Marie-Amélie und Hortense gehört, wie Beccuau dem Sender BMTV sagte. Eine mit Diamanten und Smaragden besetzte Krone der Kaiserin Eugénie konnte die Polizei mittlerweile sicherstellen: Sie wurde in beschädigtem Zustand ausserhalb des Louvre wiedergefunden.
Mit Trennschleifer durchs Fenster hinein
Laut Innenminister Laurent Nuñez dauerte der gesamte Einbruch lediglich sieben Minuten. Die Täter seien gegen 9 Uhr 30 durch ein Fenster, das sie aufgebrochen hätten, in das Museum gelangt.
Die französische Tageszeitung «Le Parisien» berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, dass die vermummten Kriminellen von der Seite zur Seine eingebrochen sein sollen. Dort, am Quai François Mitterrand, finden am Louvre derzeit Bauarbeiten statt.
Über einen schrägen Lastenaufzug sollen sie laut der Zeitung direkt in die Apollo-Galerie in der ersten Etage gelangt sein. Zwei Einbrecher seien in das Gebäude eingestiegen, ein dritter Krimineller habe draussen Wache gestanden. Mittlerweile ist auch von einem vierten Täter die Rede. Alle vier seien maskiert gewesen.
Im Inneren des Museums brachen die Einbrecher mit Trennschleifern die mit Panzerglas gesicherten Vitrinen auf. Bei ihrer anschliessenden Flucht auf mehreren PS-starken Motorrollern hatten die Täter es dann aber doch so eilig, dass sie einen Teil ihrer Beute liegen liessen – die Krone der Kaiserin Eugénie. Auch einige ihrer Werkzeuges liessen sie am Tatort zurück. Die Polizei fand zwei Kreissägen, einen Bunsenbrenner, eine Warnweste sowie ein Walkie-Talkie vor.
Louvre blieb geschlossen
Das Museum blieb am Sonntag den ganzen Tag geschlossen, um die Spurensuche der Ermittler zu erleichtern. Die Besucher wurden evakuiert. Dies sei ohne Zwischenfälle verlaufen, hiess es von den Behörden. Es habe keine Verletzten gegeben, weder unter den Besuchern noch unter den Mitarbeitern des Louvre und den Ordnungskräften.
Die Evakuierung der Besucher ist ohne Zwischenfälle verlaufen.
Mohammed Badra / EPA
Die Apollo-Galerie ist ein Wahrzeichen des Museums und beherbergt einen Teil der wertvollsten historischen Sammlungen des Louvre. Dieses ist mit mehr als 9 Millionen Menschen pro Jahr das meistbesuchte Museum der Welt. Das berühmteste Schmuckstück der Sammlung, der sogenannte Regent, ein Diamant mit mehr als 140 Karat, wurde laut den Angaben der Ermittler nicht gestohlen.
Der Diebstahl am helllichten Tag und in aller Öffentlichkeit wirft Fragen über die Sicherheitsbedingungen der Werke auf. Es war für die Diebe einfach, sich vorher für ihren Überfall die besten Stücke im Internetkatalog des Louvre, in dem diese Schmuckstücke im Detail beschrieben sind, auszusuchen.
Mit einem Lastenaufzug hoch in den ersten Stock und rein ins Gebäude.
Mohammed Badra / EPA
Innenminister Nuñez geht davon aus, dass es sich bei den Tätern um Mitglieder einer professionellen Bande handelt, die zweifellos vorher im Museum die Örtlichkeiten und das Alarmsystem inspiziert haben.
Offensichtlich kannten die Täter die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen und wussten, dass der Zeitpunkt ihrer Tat an einem regnerischen Sonntagmorgen gut gewählt war. Einen Lastenaufzug vor dem Louvre zu parkieren, müsste normalerweise den ständig zirkulierenden Polizeipatrouillen rasch auffallen.
Was passiert mit der Beute?
Derweil dürfte das Museum eine andere Frage umtreiben: Wie lässt sich verhindern, dass die gestohlenen Werke beschädigt oder gar zerstört werden?
Gerade weil Kriminelle oftmals nur der materielle Wert eines Schmuckstücks interessiert, ist die Gefahr gross, dass Broschen, Diademe und Krönchen in ihre diamantenen Einzelteile zerlegt werden.
Eine ähnlich gelagerte Tat, die sich vor einem Monat in Paris ereignete, lässt Böses erahnen. Mit Trennschleifern verschafften sich Kriminelle Zugang zum Museum für Naturgeschichte. Dort stahlen sie vier Goldnuggets im Wert von über 600 000 Euro. Das Gold dürfte von den Kriminellen längst eingeschmolzen worden sein, sagte der stellvertretende Generaldirektor des Museums den Medien.
Das Einschmelzen ist bei Kriminellen eine weitverbreitete Technik. Auch im Fall der bis heute verschollenen 100-Kilogramm-Goldmünze, die 2017 aus dem Berliner Bode-Museum (Goldwert 3,75 Millionen Euro) gestohlen wurde, gehen die Ermittler davon aus, dass das Edelmetall eingeschmolzen wurde.
Das Museum blieb den ganzen Tag geschlossen, um so die Spurensuche der Ermittler zu erleichtern.
Gonzalo Fuentes / Reuters
Der Grund dafür, dass Täter immer wieder auf diese Methode zurückgreifen, ist simpel: In weiten Teilen der westlichen Welt gibt es für ergaunerte Sammlerstücke keinen Markt. Gestohlene Kunstschätze werden im Art-Loss-Register geführt, der weltweiten Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke. Damit fallen seriöse Verkaufskanäle weg, weil die Werke als gestohlene Ware erkennbar sind.
Eine eigene Disziplin stellt derweil das «Art-Napping» dar, das «Kidnappen von Kunst», um Besitzer und Versicherungen zu erpressen. Meist verlangen die Erpresser einen tiefen zweistelligen Prozentsatz des Wertes und drohen, das Objekt sonst zu zerstören.
Kunstraub als neues Geschäftsfeld
Die Raubzüge in französischen Museen häufen sich. Auch diverse bekannte und weniger bekannte Museen in der französischen Provinz wurden in der letzten Zeit Opfer von Einbrüchen und Raubüberfällen. So wurden Anfang September im Keramikmuseum von Limoges, vermutlich auf Bestellung, drei besonders wertvolle Stücke gestohlen.
Museen und Kunstsammlungen sind für Kriminelle weltweit längst eine lohnende Alternative zu ihren angestammten Geschäftsfeldern geworden. Interpol schätzt den Schattenmarkt auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr. Bis heute werden weltweit rund 100 000 Kunstwerke vermisst.
Die Tat vom Sonntag war nicht der erste spektakuläre Diebstahl im Louvre. Auch die «Mona Lisa» blieb nicht vor Dieben bewahrt. Am 21. August 1911 stahl der italienische Museumsangestellte Vincenzo Peruggia Leonardo da Vincis weltberühmtes Porträt. Peruggias Motiv war angeblich, das Gemälde in seine Heimat Florenz zurückzubringen, wo es seiner Meinung nach hingehörte. Zwei Jahre später flog er auf, als er einen Kunsthändler kontaktierte.
Seither ist die «Mona Lisa», heute die Hauptattraktion des Louvre, besser denn je vor Dieben und Vandalen geschützt. Zumindest sie befindet sich noch an ihrem angestammten Platz.