Seit der eigenmächtigen Parlamentsauflösung analysieren Experten die Persönlichkeit von Emmanuel Macron. Seine Unbeirrbarkeit und Überheblichkeit wurde ihm schon früh anerzogen.

Christine Longin, Paris18.10.2025, 21.45 UhrAus dem Familienalbum: Das Paar Emmanuel und Brigitte Macron.Aus dem Familienalbum: Das Paar Emmanuel und Brigitte Macron.

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Ein Paar spaziert durch die nächtlichen Strassen von Paris. Der Mann spricht und gestikuliert dazu mit den Händen, sie hört zu, mit ernstem Gesicht. Die Fotoserie der französischen Zeitschrift «Paris Match» zeigt Emmanuel und Brigitte Macron am Dienstagabend zu Fuss auf dem Rückweg von einem Abendessen in ihrem Stammrestaurant La Rotonde. In der Edel-Brasserie hatten sie auch vor acht Jahren Macrons ersten Wahlsieg gefeiert. Doch Macron ist an diesem Dienstagabend an seinem politischen Tiefpunkt angekommen. Nur Stunden zuvor hatte Premierminister Sébastien Lecornu die Rentenreform gestoppt. Damit seine Minderheitsregierung nicht gestürzt wird, begrub er das Herzstück von Macrons Reformpolitik.

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Was Emmanuel Brigitte an diesem Abend wohl erzählte? Erklärte er ihr die Politik, die Welt, oder sinnierte er darüber, weshalb die Franzosen einfach nicht verstehen wollen, was für sie das Richtige wäre? Vielleicht. Bloss genau diese Franzosen verstehen ihn nicht mehr. Denn seit Macron im vergangenen Jahr in einer völlig überraschenden Entscheidung das Land neu wählen liess, verlor er die Parlamentsmehrheit. Und weil es keine klaren Mehrheitsverhältnisse gibt, halten sich die Regierungschefs nur wenige Monate. Es herrscht Chaos im Land.

Sich selbst zu sicher

Die Parlamentswahlen waren ein kolossaler Fehler, der Macrons Überzeugungen und Selbstverständnis jedoch nicht ins Wanken bringt. Er wirkt noch immer so, als ob er im Recht ist und alle anderen im Unrecht. Auch jetzt, da seine Zustimmungswerte auf 14 Prozent gefallen sind, denkt er nicht daran, als Präsident zurückzutreten. Sein Vorgänger François Hollande hatte wegen seiner mangelnden Popularität 2016 auf eine zweite Präsidentschaftskandidatur verzichtet. Nicht Macron. Er foutiert sich darum. «Von sich aus wird er nie zurücktreten», sagt der Soziologe Marc Joly, der sich in seinem jüngsten Buch tiefgründig mit der Persönlichkeit Macrons befasste. Doch dazu später.

Schon Macrons erster Förderer auf dem Weg ins Präsidentenamt, Gérard Collomb, hatte einst vor der Persönlichkeit seines Schützlings gewarnt. Als er 2018 als Innenminister ausschied, sprach er von der Hybris, die diejenigen treffe, «die ihrer selbst zu sicher sind». Die Worte des vor zwei Jahren verstorbenen Altpolitikers nahm damals kaum jemand ernst. Das änderte sich erst mit der Parlamentsauflösung.

Doch woher stammt diese Selbstsicherheit? Wie so oft sind die Ursachen für das Verhalten des Präsidenten wohl in seiner Kindheit zu suchen. «Manu» wurde von seiner Grossmutter erzogen, einer charismatischen Schulleiterin, die an die aussergewöhnlichen Fähigkeiten ihres Enkels glaubte. Laut der Macron-Biografin Anne Fulda vermittelte «Manette» ihm das Gefühl, zu etwas Besonderem berufen zu sein. Als Jugendlicher traf er dann auf Brigitte, eine Lehrerin an seinem Gymnasium im nordfranzösischen Amiens. Die dreifache Mutter schwärmt noch heute in Interviews von ihrem hochbegabten Schüler. Sie liess sich 2006 scheiden, um Macron zu heiraten.

Seither bestärkt seine 24 Jahre ältere Frau ihren Mann und verteidigt ihn gegen Kritik. «Als Lehrerin hat sie die Funktion, seine Allwissenheit, seine Allmacht ständig zu bestätigen. Er kann alles, er weiss alles: Das ist die verrückte Idee, die sie in Macron wachhält», sagt auch der Soziologe Marc Joly.

Der Musterschüler Macron glitt mit Charme und Leichtigkeit die Karriereleiter empor: Student an den Elitehochschulen des Landes, Banker bei Rothschild, Präsidentenberater, Wirtschaftsminister und mit 39 Jahren dann Präsident. Alles schien ihm zuzufliegen. Gewählt wurde er nur als Präsident, nie auf tieferer Stufe. Nie musste er die Kunst des politischen Kompromisses lernen.

Bis ihn die Französinnen und Franzosen, die ihn zweimal gewählt hatten, in seine Grenzen verwiesen. Zuerst mit den Protesten der Gelbwesten, die Macrons Kopf aus Pappmaché aufgespiesst durch die Strassen trugen. Dann mit den Grossdemonstrationen gegen die Rente mit 64, die er 2023 ohne Votum in der Nationalversammlung durchgeboxt hatte. Und zuletzt im vergangenen Jahr mit den Parlamentswahlen, die gegen alle Prognosen das Linksbündnis Neue Volksfront (NFP) mit einer relativen Mehrheit von 182 Sitzen gewann. Damit stellt die Linke das grösste von drei Lagern, die sich seither in der Nationalversammlung gegenseitig blockieren.

Bis heute weigert sich der Präsident, der NFP das Amt des Premierministers zu überlassen. Das Wahlergebnis, das er nicht kommen sah, ist für ihn auch eine persönliche Niederlage. Denn er schien bis dahin davon überzeugt, dass er jedes Wagnis gewinnen kann. Schliesslich schaffte er es, die Krise der Gelbwesten 2019 mit einem Bürgerdialog zu entschärfen. Den Wiederaufbau der teilweise abgebrannten Kathedrale Notre-Dame vollendete er wie versprochen in fünf Jahren.

Grösser als normal

Macron fühlte sich immer grösser als ein normaler Präsident, wie etwa sein Vorgänger Hollande, und inszenierte sich auch so: mit der «Ode an die Freude», die am Abend seines Wahlsiegs im Innenhof des Louvre erklang. Mit Auftritten im Schloss Versailles, wo einst der Sonnenkönig residierte. Und mit seinem offiziellen Foto, für das er sich mit den Kriegsmemoiren von Charles de Gaulle ablichten liess.

Der Soziologe Marc Joly sieht in Macrons Entscheidung, aus heiterem Himmel 2024 das Parlament aufzulösen, nicht nur Hochmut und Überheblichkeit, sondern eine, wie er schreibt, «narzisstische Verrücktheit». In seinem Buch «La pensée perverse au pouvoir» (Das perverse Denken an der Macht) beschreibt er die Persönlichkeitsstruktur Macrons als die eines «narzisstischen Perversen», ein Modell, das der französische Psychiater Paul-Claude Racamier in den 1980er Jahren entwickelt hatte.

Laut Joly hatten einige ehemalige Weggefährten bereits früh den Verdacht, dass Macron Merkmale einer solchen Persönlichkeit aufweisen könnte. So sandte der Historiker Patrick Weil Anfang 2017 Texte Racamiers an einen kleinen Kreis von Politikern, Gewerkschaftern und Journalisten, um vor dem politischen Senkrechtstarter zu warnen. «Kein Skrupel hält den Narzissten in seinem Triumph auf. Alles gehört ihm; alles muss sich unterwerfen und beugen; von allen Seiten befehlt, überwacht und dirigiert er», lautete eines der verbreiteten Zitate.

Am Dienstag hat Lecornu dem Staatschef erst einmal einen Aufschub beschert. Ein Misstrauensvotum und damit ein Sturz der Regierung sind vorerst abgewendet. Aber die Forderungen nach Macrons Rücktritt werden lauter.

Ein Artikel aus dem «NZZ am Sonntag»