Frankreich scheint derzeit unfähig zu Reformen. Der Präsident ist machtlos, während eine laute und aggressive Minderheit den Wohlfahrtsstaat verteidigt, schreibt Pascal Bruckner in seinem Beitrag.
Pascal Bruckner24.10.2025, 05.30 Uhr
Im April 2023 fand vor dem Hôtel de Ville in Paris eine grosse Kundgebung statt gegen die geplante und dann durchgesetzte Rentenreform.
Kiran Ridley / Getty
Während Frankreich in einer institutionellen Krise versinkt und eine Regierung nach der anderen fällt, so kurzlebig wie ein bretonischer Regenschauer, hat sich Bedeutsames ereignet: Das Nobelpreiskomitee hat in diesem Monat zweimal französische Wissenschafter ausgezeichnet. Am 7. Oktober ging der Nobelpreis in Physik an Michel Devoret für seine Arbeiten zum Quantencomputer. Und am 13. Oktober erhielt Philippe Aghion, Professor am Collège de France, den Nobelpreis für Wirtschaft für seine Studien über Innovation und schöpferische Zerstörung.
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Das ist das Paradoxon unseres Landes, das in den Pisa-Rankings zurückfällt: Es bringt immer noch bemerkenswerte Eliten hervor, während die Masse der Studenten stagniert. Frankreich hat in erster Linie ein Bildungsproblem. Die Fünfte Republik wurde von Charles de Gaulle im Oktober 1958 gegründet, um dem Parteiensystem der Vierten Republik zu entkommen. Seither kommt dem vom Volk gewählten Präsidenten eine zentrale Rolle zu, da er sich ausserdem auf eine Mehrheit im Parlament stützen kann.
Die politischen Gruppierungen leiden unter diesem Mehrheits-Präsidentialismus, der auf dem Glauben basiert, dass ein Sieg bei den Präsidentschaftswahlen die Dominanz im Parlament garantiert, das seinerseits zu einem Abnickverein geworden ist. Das von de Gaulle erdachte Heilmittel wird selber zum Übel: Die Launen von Emmanuel Macron, der im Juli 2024 die Auflösung des Parlaments ausrief und in diesen Tagen bei der Rentenreform nachgegeben hat, stürzen die Nation in ein trauriges Chaos. In einer Zeit, in der die Welt vor grossen Herausforderungen steht, bietet Frankreich ein Schauspiel von bestürzender Mittelmässigkeit.
Sturz in abgrundtiefe Verschuldung
Emmanuel Macron hat es nicht geschafft, das Land zu heilen: Neben seinem übertriebenen Narzissmus hat er versucht, den verschiedenen Strömungen in unserer Nation zu schmeicheln, anstatt sich für einen Kurs zu entscheiden, der auf wirtschaftliche Effizienz und soziale Gerechtigkeit ausgerichtet ist. Er lavierte mit seiner Politik des Sowohl-als-auch und war mehr darauf bedacht, die Menschen zu verführen, als sich ihnen zu stellen. Von der Gelbwesten-Bewegung und der Corona-Krise liess er sich in die Enge treiben und stürzte Frankreich in eine abgrundtiefe Verschuldung.
Wenn man ein Volk nicht gegen dessen Willen reformiert, kann man es aus seinen Neurosen nur herausholen, indem man es von den Vorteilen einer Reform überzeugt. Zu den hartnäckigsten in der französischen Psyche verankerten Prinzipien gehört der Hass auf die Arbeit. Das erklärt das Drama um die Minirentenreform. Aus seiner katholischen Vergangenheit hat Frankreich ein tiefes Misstrauen gegenüber der Arbeit bewahrt. Die französische Aristokratie hatte im Gegensatz zum britischen Adel schon immer nur Verachtung für Unternehmertum und Handel übrig, da diese Tätigkeiten den unteren Klassen vorbehalten waren.
Hinzu kommt die in der europäischen Linken spätestens seit Karl Marx und seinem Schwiegersohn Paul Lafargue, dem Autor von «Das Recht auf Faulheit» (1883), tobende Debatte zwischen den Befürwortern emanzipatorischer Arbeit und den Kritikern entfremdeter Arbeit. Für die einen ist die Arbeit ein reaktionärer Wert, für die anderen trägt sie seit der Aufklärung zur Befreiung des Individuums bei. Arbeit bedeutet, sich selbst zu verändern, indem man die Welt verändert.
Einwanderer erledigen niedere Arbeiten
Es sei daran erinnert, dass François Mitterrand 1981 das Rentenalter auf 60 Jahre herabgesetzt hat und damit sein Lager in einen wütenden und völlig regressiven Kampf stürzte. Die «französische Ausnahme» würde es rechtfertigen, in ganz Europa gegen den Strom zu schwimmen. Die Schwerstarbeit im Baugewerbe, im Gaststättengewerbe, im Strassenbau, aber auch im Hotelgewerbe, im Babysitting, im Sicherheitsdienst, bei Hauslieferungen und im Haushalt wird in unseren Klimazonen den Einwanderern überlassen.
Daraus ergab sich die Antwort auf die Frage, was ein Immigrant ist. Ein Immigrant ist jemand, der die niederen Arbeiten verrichtet, die wir nicht mehr akzeptieren. Die Ausländer messen ihre Mühen nicht. Die verwöhnten Kinder unserer Gesellschaft, die sich nur ungern die Hände schmutzig machen, aber gleichzeitig ihre Solidarität mit den Ausgebeuteten verkünden, brauchen schlecht bezahlte Arbeiter.
Das führt die für die nächsten Parlamentswahlen favorisierte Partei Rassemblement national (RN) ins Dilemma. Denn sie ist nicht nur gegen die Anhebung des Rentenalters, sondern auch gegen die Einwanderung und singt unentwegt das Lied vom Leiden der Franzosen. Wie soll das wankelmütige RN diese Prinzipien mit seinen Ambitionen, das Land wieder aufzurichten, in Einklang bringen? Vor zehn Jahren wollte Marine Le Pen aus dem Euro und aus Europa austreten. Jetzt möchte sie dort bleiben: Das verstehe, wer kann.
Zum Hass auf die Arbeit kommt der Hass auf Geld und Erfolg hinzu. Auch das ist ein katholisches und revolutionäres Vermächtnis. Das goldene Kalb korrumpiert und kauft alles und führt, so François Mitterrand, zur «Verrottung bis ins Gewissen der Menschen». Und François Hollande gewann 2012 die Präsidentschaftswahlen mit einem Glaubensbekenntnis gegen die Reichen.
Das alles hinderte die Märkte nicht daran, Frankreich sehr günstige Bedingungen für die Aufnahme von Schulden zu bieten. Und der Präsident liess es sich auch nicht nehmen, sich am Ende seiner Amtszeit den Grossunternehmern anzunähern. Und nachdem er 2024 noch die Rentenreform bejubelt hatte, begrüsst er heute ihre Aussetzung und beginnt wieder mit seinen Tiraden gegen die Reichen und Grossunternehmer.
Die Polemik um die Zucman-Steuer, die zusätzliche Abgaben auf Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro vorsehen würde, bringt ein weiteres Merkmal des französischen Geistes zum Vorschein: den Neid auf all jene, die Karriere gemacht haben und darum bestraft werden müssen. Solange die Köpfe der Reichsten nicht aufgespiesst sind, ist ihre blosse Existenz ein Affront für ein Land, das einem pathologischen Egalitarismus huldigt und den geringsten Gehaltsunterschied als Beleidigung empfindet.
Mütterlicher Vorsorgestaat
Nach sieben Jahren Macronismus, der die Franzosen mit der Wirtschaft versöhnen sollte, sind wir zu den schlimmsten Schwächen unserer Gesellschaft zurückgekehrt: archaischer Antikapitalismus, zwanghafter Panfiskalismus, Verurteilung des Marktes, Abscheu vor dem Liberalismus und vor der Meritokratie.
Bei uns hat der Konservatismus, d. h. der Wille, nichts zu ändern, die Besonderheit, dass er sich immer in der Sprache der Revolution ausdrückt. Man verteidigt den Stillstand, indem man mit erhobener Faust die Internationale singt. Diese neue, in die Sprache der Revolte verpackte Rückwärtsgewandtheit ist ziemlich verwirrend, da sie revolutionäre Slogans und Forderungen der Gewerkschaften überlagert.
Frankreich folgt dem doppelten Evangelium eines rhetorischen Neobolschewismus, gekoppelt mit einem mütterlichen Wohlfahrtsstaat, der die Grundlage des Gesellschaftsvertrags bildet und alle Bürger von der Geburt bis zum Tod schützen soll. Doch Frankreich produziert nicht mehr ausreichend Wohlstand, um sein Modell aufrechtzuerhalten. Seine Mittelschicht verarmt, und die neuen Tech-Unternehmer denken darüber nach, ins Ausland zu gehen.
Das Unternehmen Mistral AI von Arthur Mensch, das auf generative künstliche Intelligenz spezialisiert ist und im September dieses Jahres eine Börsenbewertung von 10 Milliarden Euro erreicht hat, würde durch die mögliche Anwendung der Zucman-Steuer erdrosselt. Dennoch ist sie eine Quelle der Inspiration für Tausende von jungen Menschen, die begierig darauf sind, unternehmerisch tätig zu werden und sich der Welt zu öffnen.
Um aus der Sackgasse herauszukommen, schlägt der soeben gekürte Nobelpreisträger Philippe Aghion vor, die Debatte zu beruhigen und darum schmerzhafte Entscheidungen bis 2027 aufzuschieben. Die Franzosen sind wie ein Kranker, den man zunächst belügen muss, um ihn zu beruhigen. De Gaulle hatte dies in den Jahren 1945 und 1958 sowie Mitterrand 1981 gut verstanden. Dieses grosse Volk liebt Märchen und reagiert allergisch auf die schlichte Wahrheit. Man muss sie mit dem Gewand einer liebenswerten Phantasie verkleiden.
Pascal Bruckner ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt in Paris. – Übersetzt aus dem Französischen.