Acht giftige Bergetappen, 3.333 Kilometer im Sattel und eine doppelte Kletterpartie hinauf nach L’Alpe d’Huez zur Entscheidung: Die Tour de France spart auch im Jahr 2026 nicht mit spektakulären Highlights. Der komplizierte Grand Départ in Barcelona aber wirft auch nach der offiziellen Streckenpräsentation am Donnerstag in Paris einen Schatten der Besorgnis auf die 113. Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt.
Ab dem 4. Juli kommenden Jahres will Radsport-Dominator Tadej Pogacar seinen fünften Gesamtsieg und den dritten in Folge einfahren. Dafür muss er insgesamt acht Gebirgsetappen überstehen, von denen fünf oben auf dem Berg enden. Die endgültige Entscheidung dürfte auf der 19. und 20. Etappe fallen. In beiden Fällen muss der legendäre Schlussanstieg hinauf ins Skigebiet L’Alpe d’Huez bezwungen werden – von zwei verschiedenen Seiten aus.
Wir dachten, dass wir nicht zur L‘Alpe d‘Huez fahren könnten, ohne die 21 legendären Kurven zu nehmen. Die Leute würden das nicht verstehen. Also mussten wir es zweimal machen.
Christian Prudhomme
Tour-Direktor
Der Slowene Tadej Pogacar (UAE) strebt im kommenden Jahr seinen fünften Tour-Sieg an. Foto: Getty Images/LW-Archiv
„Das hatten wir schon lange im Kopf“, sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme der Nachrichtenagentur AFP. Er habe unbedingt auch die Auffahrt von der ungewohnten Seite aus ins Programm aufnehmen wollen, führte er aus: „Aber wir dachten, dass wir nicht zur L’Alpe d’Huez fahren könnten, ohne die 21 legendären Kurven zu nehmen. Die Leute würden das nicht verstehen. Also mussten wir es zweimal machen.“
Während Fränk Schleck als Etappensieger in L’Alpe d’Huez im Jahr 2006 wohl allerbeste Erinnerungen an den schweren Anstieg hat, bleibt abzuwarten, ob 20 Jahre später die Fahrer Prudhommes Enthusiasmus nach fast drei Wochen im Sattel voller Schikanen teilen werden. Immerhin werden neben den Alpen zuvor auch die anderen vier Gebirgsmassive Frankreichs – die Pyrenäen, das Zentralmassiv, die Vogesen, das Jura – Teil der dreiwöchigen Rundfahrt mit 21 Etappen sein.
Lesen Sie auch:Fünfmal Gänsehaut: Die schönsten Momente des Jahres
Mehrere Anstiege wie der hinauf nach Gavarnie-Gèdre (sechste Etappe) sind zum ersten Mal im Programm, hinzu kommen Klassiker wie der Col du Tourmalet und der Col du Galibier, mit 2.642 m Höhe das Dach der Tour. Das Finale in Paris führt wie schon im Vorjahr über den giftigen Hügel Montmartre – dennoch könnte es wieder zur traditionellen Massensprint-Entscheidung auf den Champs-Élysées kommen, da die Überquerung diesmal weiter vom Ziel entfernt liegt als im Vorjahr.
Chaos in Barcelona?
Doch auch wenn davon bei der Präsentation am Donnerstag wenig zu spüren war: Das Sorgenkind der Tour-Strecke 2026 bleibt der Auftakt in Katalonien mit seinem schwierigen Bergzeitfahren in Barcelona auf der ersten Etappe. Denn wie anfällig eine große Rundfahrt sein kann, hat Prudhomme zuletzt selbst erlebt.
Die Tour meidet 2026 den Nordwesten von Frankreich. Foto: AFP
Im September war die ebenfalls von der A.S.O. veranstaltete Vuelta in Spanien im Chaos versunken. Propalästinensische Aktivisten hatten wiederholt ins Rennen eingegriffen, ehe bei der Schlussetappe in Madrid Demonstranten-Mengen den Abbruch herbeiführten – und die Blaupause schafften, wie man eine Freiluftveranstaltung beenden kann.
Wir erleben ein völlig neues Phänomen.
Christian Prudhomme
„Wir erleben ein völlig neues Phänomen“, sagt Prudhomme. Fast neu zumindest: Bei der Tour 2025 stürmte in Toulouse bereits ein Solo-Aktivist auf die Strecke. Eine Verlegung des Spanien-Auftakts ist offiziell kein Thema. Prudhomme verweist auf rund 28.000 Polizisten, die Frankreichs Sportheiligtum jährlich absichern. Dass die Lage in Nahost aber bis kommenden Sommer komplett deeskaliert, sodass Aktivisten keinen Anlass für Eskalation sehen: fraglich; auch wenn das besonders adressierte Team Israel-Premier Tech seine Verbindungen zum Staat Israel lösen will.
Bob Jungels gewann 2022 von Aigle nach Châtel Les Portes du Soleil im Trikot der Ag2r-Mannschaft als bislang letzter Luxemburger eine Tour-Etappe. Foto: Serge Waldbillig/LW-Archiv
Ohne Nebenschauspiel böte Barcelona ansonsten eine maritime Traumkulisse für den nächsten außer-französischen Grand Départ. Nach 2022 (Kopenhagen), 2023 (Bilbao) und 2024 (Florenz) kehrte der Tour-Auftakt 2025 (Lille) heim, nun geht es wieder auf Europa-Tour: Auf Barcelona folgt Edinburgh (2027), danach sind Luxemburg (2028), Slowenien (2029) und Dresden (2030) Kandidaten.
In Luxemburg hofft man derweil nicht nur auf den Zuschlag für den Auftakt 2028, sondern auch, dass 2026 wieder ein Luxemburger Profi im Fahrerfeld zu finden ist, anders als bei der Auflage in diesem Jahr.
Bei den Frauen findet der Start der Rundfahrt ebenfalls im Ausland statt: Am Schweizer Nationalfeiertag, dem 1. August, in Lausanne. Zum zweiten Mal nach 2024 (Rotterdam) verlässt die Tour de France Femmes damit ihr Stammland für den Grand Départ. Großer Höhepunkt der fünften Ausgabe ist die erstmalige Bergankunft auf dem legendären Mont Ventoux auf der achten von neun Etappen.
Der Etappenplan
1. Etappe, 4. Juli: Barcelona – Barcelona (19 km, Teamzeitfahren)
2. Etappe, 5. Juli: Tarragona – Barcelona (182 km)
3. Etappe, 6. Juli: Granollers – Les Angles (196 km)
4. Etappe, 7. Juli: Carcassonne – Foix (182 km)
5. Etappe, 8. Juli: Lannemezan – Pau (158 km)
6. Etappe, 9. Juli: Pau – Gavarnie‑Gèdre (186 km)
7. Etappe, 10. Juli: Hagetmau – Bordeaux (175 km)
8. Etappe, 11. Juli: Périgueux – Bergerac (182 km)
9. Etappe, 12. Juli: Malemort – Ussel (185 km)
10. Etappe, 14. Juli: Aurillac – Le Lioran (167 km)
11. Etappe, 15. Juli: Vichy – Nevers (161 km)
12. Etappe, 16. Juli: Circuit Nevers/Magny‑Cours – Chalon‑sur‑Saône (181 km)
13. Etappe, 17. Juli: Dole – Belfort (205 km)
14. Etappe, 18. Juli: Mulhouse – Le Markstein/Fellering (155 km)
15. Etappe, 19. Juli: Champagnole – Plateau de Solaison (184 km)
16. Etappe, 21. Juli: Évian‑les‑Bains – Thonon‑les‑Bains (26 km, Einzelzeitfahren)
17. Etappe, 22. Juli: Chambéry – Voiron (175 km)
18. Etappe, 23. Juli: Voiron – Orcières‑Merlette (185 km)
19. Etappe, 24. Juli: Gap – L’Alpe d’Huez (128 km)
20. Etappe, 25. Juli: Le Bourg d’Oisans – L’Alpe d’Huez (171 km)
21. Etappe, 26. Juli: Thoiry – Paris (Champs‑Élysées) (130 km)