Am 30. Oktober 2005 wurde die wiedererrichtete Frauenkirche in Dresden feierlich eingeweiht. Bürgersinn hatte diese Leistung möglich gemacht. Der Widerstand war erheblich und wurde von der Wirklichkeit widerlegt.

Als sich am Vormittag des 15. Februar 1945 der Qualm endlich verzog, erhob sich die Kuppel der Frauenkirche, auch das „Wunder von Dresden“ genannt, über den weitgehend verglühten Barockvierteln der sächsischen Residenz. 36 Stunden hatte die Stadt seit Beginn des Luftangriffs am Abend des 13. Februars gebrannt, doch die Kuppel hatte den Feuersturm scheinbar kaum beschädigt überstanden. Hannelore Kuhn, eine junge Frau von Anfang zwanzig, rief ihren Eltern an diesem Donnerstagmorgen zu: „Die Frauenkirche steht noch!“ Auch der knapp 16-jährige Karl-Ludwig Hoch sah die berühmte Steinerne Glocke des Baumeisters George Bähr über dem ausgebrannten Elbpanorama. „Es ist alles nicht so schlimm“, sagte er daraufhin zu seiner Mutter, „die Frauenkirche steht noch!“

Die Erleichterung hielt jedoch nur wenige Minuten. Denn zwischen zehn und elf Uhr vormittags (manche Zeitzeugen erinnern sich an 10.15 Uhr, andere sagen: gegen 10.45 Uhr) setzte sich die 202 Jahre alte Laterne auf der Spitze der Kuppel in Bewegung. Später rekonstruierten Bauingenieure, was genau passierte: Die Brandbomben der zweiten Welle britischer Flugzeuge, die ab 1.25 Uhr in der Nacht zum 14. Februar auf das bereits brennende Dresden fielen, hatten die Feuer um den Neumarkt angefacht. Die evangelische Hauptkirche stand inmitten alter Häuser, die nun wie Zunder brennen.

Zwar waren die meisten ihrer großen Fenster bereits seit Monaten vermauert, doch nicht jenes an der Nordfassade. Wie „flüssige Lava“, so ein Augenzeuge, ergoss sich in dieser Nacht Feuer in den Kirchenraum und entzündete die Innenausstattung, die total verbrannte und im Inneren unter der Kuppel hohe Temperaturen entstehen ließ. Doch selbst das hielt Bährs Konstruktion aus, die schon 1760 gezielten Treffern preußischer Kanoniere getrotzt hatte. Zum Ende der Frauenkirche führte erst das Abkühlen der 1938 bis 1942 zur Stabilisierung eingebauten Ringanker aus Stahlbeton am Morgen des 15. Februar: Sie zogen die gewaltige Kuppel etwas zusammen, sodass die inneren Pfeiler nun das gesamte Gewicht der Glocke aus Stein zu tragen hatten.

Das war zu viel für den durch die hohen Temperaturen geschwächten Sandstein, der bei 500 Grad einen Großteil seiner Festigkeit verliert. Zuerst brach ein Pfeiler im Südosten, und nun konnte nichts mehr die Kuppel retten: Sie presste die massiven Außenwände auseinander, die aus statischen Gründen gar keine Last mehr trugen, und stürzte ein. Gesteinsmassen zermalmten alles zu Staub, was unter ihnen lag. Trotzdem kam beim Einsturz kein Mensch zu Schaden: Während des Feuersturms hatten sich zwar bis zu 300 Dresdner in die Keller gerettet, doch sie waren vor dem Einsturz ins brennende Chaos der Innenstadt zurückgekehrt.

Schon zwei Wochen später, Anfang März 1945, begannen erste Sicherungen am stehengebliebenen Chor und den Mauerstümpfen. Weitsichtigen Dresdnern war klar, dass ihre Stadt die Frauenkirche brauchte. Bereits im Herbst begann der Kampf um den Erhalt der Ruine – für einen künftigen Wiederaufbau. Erste Pläne wurden angefertigt, Untersuchungen angestellt. Doch der Stadtverwaltung wurde rasch klar, dass die Rekonstruktion der Frauenkirche weitaus aufwendiger werden würde als der Wiederaufbau der Kreuzkirche.

Die entscheidende Rolle in der Auseinandersetzung um Dresdens berühmteste Kriegsruine aber spielte in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht das Geld, sondern die Ideologie der SED. Der neue Bürgermeister der Stadt, der Kommunist Walter Weidauer, gab eine klare Linie vor: „Das sozialistische Dresden braucht weder Kirchen noch Barockfassaden.“ Die „Tradition“ könne sich als „Zwangsjacke“ für den neuen, den „sozialistischen Menschen“ erweisen.

Vor allem Hans Nadler, seit 1949 der oberste Denkmalpfleger für Sachsen, focht einen ebenso geschickten wie zähen Kampf gegen die Abräumer in der Dresdner SED-Bezirksleitung und im Politbüro in Ost-Berlin. Mit zahlreichen Einwänden, Gegenargumenten und Anträgen verzögerte er immer wieder den geplanten Abriss der Ruine. 1966 schließlich war er am Ziel: Die Mauerstümpfe wurden zum Mahnmal gegen den Krieg erhoben – gedacht als Symbol der antiwestlichen Propaganda.

Tatsächlich wurde der Erhalt der Reste zur Grundlage für den exakten, einen „archäologischen“ Wiederaufbau. Nadler und andere, darunter der Dresdner Zahnarzt Günter Voigt, der nunmehr 60-jährige Pfarrer Karl-Ludwig Hoch und der Trompetenvirtuose Ludwig Güttler, gingen zum 45. Jahrestag des Bombardements mit einem Aufruf „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau an die Öffentlichkeit. Die Funktionäre der Sächsischen Landeskirche lehnten den Vorschlag ab, ebenso viele (meist linksorientierte) Denkmalpfleger und Architekten. Doch der spezielle Bürgersinn der Elbstadt überwand den Widerstand: Erst wurde der Apparat der evangelischen Kirche von den eigenen Mitgliedern überstimmt, dann erkannten Stadt und Land den möglichen Mobilisierungseffekt des Projekts.

Durch Spenden (so stiftete der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel den Großteil seines Preisgeldes) und den Verkauf von Merchandising-Produkten konnten ziemlich genau zwei Drittel der Kosten privat eingeworben werden; den Rest von 65 Millionen Euro teilten sich Dresden, Sachsen und der Bund. Ab dem 4. Januar 1993 trugen Arbeiter den Berg aus Trümmerschutt Stein für Stein ab. Ein knappes Jahr später, am 23. Dezember, kamen 50.000 Dresdner zur ersten Weihnachtsvesper seit 1944 zur Ruine – nun war der Wiederaufbau „unumkehrbar“, wusste Ludwig Güttler. Ende Mai 1994 konnte der Grundstein für die Auferstehung der Kirche gelegt werden.

Die Bauleitung hatte der Ingenieur Eberhard Burger, der schon seit 1980 die Restaurierung einiger historisch bedeutsamer Kirchen in Sachsen geleitet hatte. Die Frauenkirche baute er wieder auf, nicht in alten Formen neu: „Wir wiederholen das Konstruktionsprinzip, das George Bähr Anfang des 18. Jahrhunderts mit seinen Mannen hier umgesetzt hat, und verbessern es lediglich.“ Anders als das Berliner oder auch das Potsdamer Stadtschloss handelt es sich bei der Frauenkirche nicht um einen modernen Stahlbetonbau mit vorgeblendeten Fassaden, sondern tatsächlich um ein Ergebnis traditioneller barocker Baumeisterei.

Etwa 4500 Kubikmeter alter Steine aus dem Schutt wurden in den neuen Bau eingefügt. „In 30 bis 50 Jahren werden die hellen neuen Steine die dunkle Patina der alten angenommen haben. Das ist eine Eigenart des Steins und hat mit Luftverschmutzung nichts zu tun“, versprach Burger zur (übrigens ein Jahr vorzeitigen) Fertigstellung der wiederauferstandenen Frauenkirche 2005.

Im Rahmen des feierlichen Eröffnungsgottesdiensts am 30. Oktober 2005 hielt der Bundespräsident eine Ansprache. Horst Köhler würdigte den Wiederaufbau der Frauenkirche als Symbol für den Gemeinsinn der Bürger. Er sei aber auch eine gesamtdeutsche Leistung und ein Symbol für den Optimismus.

„Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der wiedererstandenen Frauenkirche“, sagte das Staatsoberhaupt. Auf dem Neumarkt verfolgten rund 60.000 Menschen die Zeremonie auf Großleinwänden, Millionen weitere an den Fernsehschirmen.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Sowohl für den Wiederaufbau der Frauenkirche wie für den Neubau des Potsdamer und des Berliner Stadtschlosses in historischen Formen hat er gespendet.