
Die Schriftstellerin Ursula Krechel ist mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden – eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Auch ein Historiker und eine Übersetzerin wurden geehrt.
Die Schriftstellerin, Lyrikerin und Dramaturgin Ursula Krechel ist am Samstag im Staatstheater Darmstadt mit dem Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geehrt worden.
In ihrer Dankesrede erinnerte sie an die vielen Menschen, die aus politischen Gründen gelitten haben oder gestorben sind. „Schreiben heißt: den Tod, den gewaltsamen Tod denken, an Lebensbedingungen erinnern, die töten“, erklärte Krechel laut Redemanuskript.
„Tätowiert“ mit Geschichte
Die Schriftstellerin Sabine Küchler hielt die Laudatio auf Krechel. Die Erzählerinnen und Erzähler in ihren Büchern, oft Kinderstimmen, seien stets „sonderbar beschädigt, beschämt und lädiert“, oft aus der Erfahrung, nicht zu genügen, zurechtegewiesen von den Erwachsenen, sagte Küchler. Als seien sie „tätowiert“ mit der familiären und politischen Geschichte, die tief unter die Haut gegangen sei.
Das Werk von Krechels sei ein brilliantes Plädoyer für die Notwendigkeit von Literatur, sagte Küchler. Die Autorin traue ihren Leserinnen und Lesern etwas zu, manchmal auch Zumutungen: Sie bringe das Verborgene zur Sprache, unbestechlich im Blick auf eine Welt, die andere geschaffen haben, „die wir zulassen“ – und die aber auch veränderbar ist.
In der Begründung der Jury des Büchner-Preises heißt es, Krechel seziere die „Innenansicht der Klassenverhältnisse“ und zeige wie nach Flucht und Exil die Rückkehr nach Deutschland zu Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit führe. Ihr Werk rege dazu an, „das Hier und Jetzt der deutschen Gesellschaft nicht hinzunehmen, wie es ist“.
Dramaturgin, Regisseurin, Lyrikerin, Gastprofessorin
Die 1947 in Trier geborene Ursula Krechel arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund. Ab 1985 war sie auch als Regisseurin eigener Hörspiele tätig.
Bis heute publiziert die in Berlin lebende Autorin als, wie sie einmal über sich sagte, „chronische Spurwechslerin“ in den literarischen Gattungen Lyrik, Epik und Essayistik. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit lehrte sie als Gastprofessorin unter anderem am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Universität der Künste in Berlin.
Mit dem Theaterstück „Erika“ gab die promovierte Schriftstellerin 1974 ihr Debut. Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte Krechel 1977 unter dem Titel „Nach Mainz!“, ihren ersten Roman 1981 („Zweite Natur“). In diesem Jahr erschienen der Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“ (2025) sowie der Band „Vom Herzasthma des Exils“ (2025).
Dan Diner: „Leidenschaftliches Engagement“ für Geschichte des Judentums
Den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhielt am Samstagabend der Historiker Dan Diner. Der Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen und von der ENTEGA Stiftung finanziert. Er ist mit 20.000 Euro dotiert.
Diner ist emeritierter Professor für Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Studiert hat er in Frankfurt am Main.
Der Historiker Diner habe immer wieder die Geschichte des Judentums als Seismograph der Moderne verstanden. In seinem Werk, seiner Lehre und seinen Schriften steht hinter dem kunstvoll nüchternen Duktus ein leidenschaftliches Engagement, hieß es in der Begründung der Jury.
Preis für literarische Kritik an Ilma Rakusa
Die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Ilma Rakusa erhielt für ihr laut der Jury „staunenswert breit gefächertes und sprachlich hochsensibles Werk“ den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2025.
Rakusa ist Tochter einer Ungarin und eines Slowenen und machte sich einen Namen als Essayistin, Rezensentin und Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen. Seit 1996 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der Johann-Heinrich-Merck-Preis ist ebenfalls mit 20.000 Euro dotiert.
Sendung: hr INFO, 01.11.25, 19:00 Uhr